Lucio, erin­nern Sie sich noch an den 15. Mai 2002?

Was war da?

Das Finale der Cham­pions League. Ver­su­chen Sie, das zu ver­gessen?


Nein, absolut nicht. Natür­lich haben wir davon geträumt, das Spiel zu gewinnen, aber wir haben ja nicht gegen irgendwen ver­loren. Das war Real Madrid. Mit Lever­kusen, einem Klub, dessen Struktur nicht mit der anderer Klubs in diesem Wett­be­werb ver­gleichbar war. Ich habe dieses Spiel eher als eine große Leis­tung meiner Kar­riere und des gesamten Klubs in Erin­ne­rung. Das Finale zu errei­chen war wie ein Sieg für uns. Und ich glaube, alle denken mit Stolz daran zurück, wie der kleine Verein Bayer Lever­kusen sich gegen so viele große Ver­eine durch­ge­setzt hat. Heute gibt es viele Mann­schaften, die auf dem Papier viel stärker sind als wir damals, die aber trotzdem nie ein Cham­pions-League-Finale errei­chen. Des­wegen war das ein rie­siger Erfolg – und ich denke mit Freude daran zurück.



War das Spiel einer der mar­kan­testen Momente in Ihrer Kar­riere?


Ja, aber ich bin im selben Jahr auch Welt­meister geworden. Das war natür­lich auch eine große Sache. Und auch als ich hier bei Bayern das erste Double gewonnen habe. Zu dem Zeit­punkt war ich schon einige Jahre in Deutsch­land, ohne einen Titel zu gewinnen. Des­halb war das auch sehr beson­ders.

Fehlt eigent­lich nur noch der Cham­pions-League-Sieg.

Ja, das wäre eine große Sache. Und ich denke, wenn wir so wei­ter­ma­chen, haben wir durchaus die Mög­lich­keit, nächstes Jahr die Cham­pions League zu gewinnen.

Sie sind sehr reli­giös. Was denken Sie in Situa­tionen, in denen alles schief läuft?

Ich glaube, dass nichts zufällig pas­siert. Alles hat einen Sinn. An schwie­rigen Situa­tionen wächst der Mensch am meisten. Ich glaube daran, dass Gott uns in jeder Situa­tion etwas bei­bringen will. Klar mag nie­mand solche Situa­tionen, aber Sie sind nötig, um Erfah­rungen zu sam­meln und ein kom­pletter Mensch zu werden.

Auf dem Platz fallen oft schlimme Worte. Wie gehen Sie damit um, und wie lässt sich das mit dem Glauben ver­ein­baren?


Ich ver­suche mein Mög­lichstes, Schimpf­wörter zu ver­meiden. Das wäre nicht gut für mich und ist all­ge­mein nicht schön. Außerdem möchte ich meinen Kin­dern ein gutes Vor­bild sein. Und wenn ich Schimpf­wörter benutze, kann ich das meinen Kin­dern nicht mehr ver­bieten.

Und wie ver­halten Sie sich, wenn ein anderer Spieler sie beschimpft?


Das macht mir nichts aus. Als ich jünger war, habe ich auch öfter geschimpft. Ich ver­suche zu respek­tieren, dass andere Leute anders damit umgehen als ich.

In Mün­chen stehen die Spieler unter einem starken stän­digen Druck. Was tun Sie dagegen?

Ich ver­suche, ihn bei­seite zu schieben. Wenn man dar­über zu viel nach­denkt, wird man ver­rückt. Beim FC Bayern ist die Presse jeden Tag zugegen. Der eine erzählt dieses, der andere jenes. Ich mag es aber nicht beson­ders, zu dis­ku­tieren oder andere zu kri­ti­sieren. Und schon gar nicht über die Presse. So bin ich nun mal, und ich werde mich auch nicht ändern, nur weil ich beim FC Bayern spiele und Kapitän der Seleção bin.

Sie kommen nur sehr selten in den Medien vor, obwohl sie täg­lich damit kon­fron­tiert werden

Ja. Ein Inter­view zu geben ist eigent­lich eine gute Sache, und Sie wollen ja auch nur inter­es­sante Geschichten erzählen. Aber ande­rer­seits wird es oft genutzt, um Kol­legen zu kri­ti­sieren, um über Trainer und andere Ver­eine zu reden, eine pole­mi­sche Dis­kus­sion zu starten oder über Ver­feh­lungen irgend­eines Spie­lers außer­halb des Platzes zu reden. Das mag ich nicht. Ich respek­tiere es, und die­je­nigen, die es mögen, sollen es machen, aber das ist nicht wichtig für mich. Ich halte mich da lieber raus.

Ihr frü­herer Kol­lege Vale­rien Ismael hat uns in einem Inter­view gesagt, dass er in Mün­chen den Spaß am Fuß­ball ver­loren hat. Können Sie ihn ver­stehen?


Ja. Er hat eine sehr schlimme Ver­let­zung gehabt, und wir haben alle sehr gehofft, dass er sich davon erholt. Er ist ein sehr guter Mensch und ein sehr kor­rekter Profi. Aber Ismael blieb lange ver­letzt und konnte nicht Fuß­ball spielen. Schließ­lich hat er durch den Druck und das ganze Treiben hier in Mün­chen zwei­fellos die Lust und die Moti­va­tion ver­loren. Ich hoffe, dass er sich gut erholt hat und wieder zu alter Stärke zurück­findet.

Was ist wich­tiger: Dis­zi­plin oder Spaß?

Beides ist wichtig. Allein mit Dis­zi­plin (stöhnt) würde man den Spaß am Fuß­ball, ja sogar am Leben ver­lieren. Aber nur mit Spaß geht es eben auch nicht. Es braucht eine gute Mischung.

Haben Sie bei Bayern im Moment eine gute Mischung?


Ich denke schon. Das ist ein Zustand, den der Trainer und der gesamte Verein geschaffen haben, und der uns unter anderem hilft, so viele Spiele zu gewinnen.

Mögen Sie Ver­an­stal­tungen wie Kar­neval oder das Okto­ber­fest?


Prin­zi­piell nicht. Aber ich mag das Okto­ber­fest. Allein dieser rie­sige Park – dort mit meinen Kin­dern und meiner Frau hin­zu­gehen ist super. Außerdem gibt es dort gutes, lan­des­ty­pi­sches Essen. Wenn Okto­ber­fest ist, gehe ich nach dem Trai­ning schnell nach Hause, ziehe mich um und gehe auf die Wies’n. Beim Kar­neval in Bra­si­lien ist das anders. Viele lieben den Kar­neval, aber mir sind diese Feiern auf der Straße zu viel.

Gibt es Momente, in denen Sie an ihrem Körper hin­ab­schauen und denken: »Es reicht. Ich will keinen Fuß­ball mehr spielen«?


Nein, noch nicht, das wäre zu früh. Ich habe noch viel Benzin zu ver­brennen.

Gibt es ein Foul, das ihnen Leid tut?


Ja, diese Saison zum Bei­spiel, in Stutt­gart, als ich die rote Karte bekommen habe. Da war ich ziem­lich sauer. Aber auch das ist wieder so eine Situa­tion, aus der ich nur lernen kann. Dank Gott habe ich gelernt, dass ich ruhig bleiben muss, egal ob wir gewinnen oder ver­lieren. Sonst kann ich meinem Team nicht helfen. Also hatte es auch etwas Gutes.

Können Sie sagen, wer ihr unan­ge­nehmster Gegner war?


Das ist schwierig, ich habe schließ­lich schon gegen einige gespielt. Thierry Henry ist sicher­lich ganz schwierig zu ver­tei­digen. Er ist sehr schnell, und man weiß nie, was er im nächsten Moment macht. Oder Káká. Der hat uns letzte Saison offen­sicht­lich einige Schwie­rig­keiten bereitet.

Denken Sie, dass es richtig ist, her­aus­ra­gende Spieler, wie zum Bei­spiel Ribéry, auf dem Platz zu schützen?

Nein. Ich denke, man muss inter­na­tio­nalen Spie­lern, die nach Deutsch­land kommen, helfen und ihnen Zeit geben, sich an die Bun­des­liga zu gewöhnen. Aber ich sehe da kein spe­zi­elles Pro­blem.

Sind Sie für die Tor­ka­mera?

Ich glaube nicht, dass das viel ändern würde. Dis­kus­sionen wird es immer geben.

Bei strit­tigen Situa­tionen, wenn es darum geht, ob der Ball hinter der Linie war oder nicht, reißen die Spieler immer die Arme hoch, um zu beteuern, dass es kein Tor war. Ist das ein Reflex oder kal­ku­liert?


Einige Spieler sehen immer, was pas­siert ist und wenn man mal nichts gesehen hat, dann ver­sucht man natür­lich, seinem Team zu helfen. Also zeigt man immer an, dass es kein Tor war, ob man es nun gesehen hat oder nicht. Und wenn ich sehe, dass es ein Tor war, dann mache ich nichts. Es ist ja nicht meine Auf­gabe, den Schieds­richter darauf hin­zu­weisen, dass es ein Tor war.

Haben Sie schon Pläne, was Sie einmal machen wollen, wenn Sie nicht Fuß­ball mehr spielen?

Es ist noch ein biss­chen früh, dar­über nach­zu­denken, aber ja, ich habe einige Pläne. Ich träume davon, ein Pro­jekt für Kinder auf­zu­bauen, viel­leicht mit einer Schule oder einer sozialen Ein­rich­tung. Ich möchte den Kin­dern helfen, die sonst keine Gele­gen­heit hätten eine Schule zu besu­chen, ein gutes Leben zu führen oder Fuß­ball zu spielen. Es gab in meiner Kind­heit Men­schen, die mir geholfen haben. Ich möchte das wei­ter­geben.

Können Sie sich auch vor­stellen, Trainer zu werden?


Noch nicht. Jetzt als Spieler gibt es oft Situa­tionen, in denen ich nicht an irgend­wel­chen Events teil­nehmen kann. Wenn zum Bei­spiel meine Kinder in der Schule Theater spielen oder ähn­li­ches. Ich bin eben viel unter­wegs oder muss trai­nieren. Die ersten Jahre nach meiner Kar­riere werde ich des­wegen haupt­säch­lich mit meiner Familie ver­bringen. Aber es kann heute natür­lich auch noch keiner sagen, was in einigen Jahren pas­siert.