Seite 4: „Das war wie Vokabeln lernen“

Hätten Sie eine Saison wie die jet­zige erwartet?
Dass wir zur Win­ter­pause Erster sind, hätte ich nicht gedacht. Aber hinter Stutt­gart und Ham­burg habe ich uns schon gesehen. In den letzten Wochen habe ich immer mal wieder gelesen: Das Wunder von Bie­le­feld“. Mit dieser For­mu­lie­rung bin ich nicht ein­ver­standen. Es ist ja nicht so, dass wir in der letzten Saison mit Ach und Krach den Klas­sen­er­halt geschafft hätten. Was wir im Jahr 2019 abge­lie­fert haben, ist kein Wunder. Da geht es um ein gutes Trai­ner­team und eine Mann­schaft, die lern­willig war und mit wach­sendem Selbst­ver­trauen Spiele gewonnen hat, die sie früher viel­leicht nicht gewonnen hätte.

Ist Uwe Neu­haus einer der unter­schätz­testen Trainer hier­zu­lande?
Was ich dazu sagen kann: So etwas wie die Spiel­idee von Uwe Neu­haus, und vor allem, wie sie erar­beitet und umge­setzt wird, habe ich noch nicht erlebt. Sehr detail­ver­sessen! In seinem System ist zu jeder Zeit klar, wel­cher Spieler auf wel­cher Posi­tion was zu machen hat. Das ist schon, naja, gescripted hört sich ein biss­chen über­trieben an, weil es im Fuß­ball immer auch um Indi­vi­dua­lität geht. Aber wie lange wir im Trai­nings­lager zeit­weise auf dem Platz standen und die immer­glei­chen Abläufe ein­stu­diert haben – das war wie Voka­beln lernen.

Nervt das?
Über­haupt nicht. Für Fuß­baller ist alles mit Ball super und alles ohne Ball Mist. Solange ein Ball dabei ist, kannst du als Spieler zwei Stunden und länger trai­nieren – zumal, wenn du merkst, wie es dich wei­ter­bringt.

Was macht Arminia besser als die pro­mi­nenter besetzten Stutt­garter und Ham­burger?
Schwer zu sagen. Aber vor allem der VfB Stutt­gart hat nur wenige Spieler, die die zweite Liga gut kennen.

Was ist so spe­ziell an dieser Liga?
Im Stutt­garter Kader stehen Spieler, die über Jahre in der Bun­des­liga gespielt haben oder sogar Natio­nal­spieler waren. Ich weiß nicht, wie viel Bock die auf ein Aus­wärts­spiel in Sand­hausen haben. Da fehlen dann viel­leicht zehn Pro­zent Kör­per­span­nung. Und man darf nicht ver­gessen, dass Stutt­gart und auch Ham­burg unter einem enormen Druck stehen, Woche für Woche. Wir dagegen müssen grund­sätz­lich erst mal gar nichts. Alles, was die Leute wollen, ist, dass wir uns den Hin­tern auf­reißen.

In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung wird Arminia oft auf das Knip­serduo Klos und Vogl­sammer redu­ziert.
Was Quatsch ist. Stürmer stehen, wenn sie treffen, immer mehr im Fokus als andere. Ich wüsste aller­dings nicht, wo wir lägen, wenn es im Mit­tel­feld nicht Spieler wie Prietl und Hartel gäbe. Die laufen zusammen fast dreißig Kilo­meter im Spiel. Gerade jemand wie Manuel Prietl fällt erst dann auf, wenn er mal nicht dabei ist. Vogi und ich können das auf jeden Fall gut ein­ordnen. Wir wissen, dass wir ohne die Truppe nichts wären.

Vogl­sammer und Sie sind als Typen recht unter­schied­lich. Dort ein Fit­ness­junkie, hier der Mann mit ein­ge­bautem Tor­instinkt.
Es wurde öfter mal geschrieben, wir seien keine Freunde. Auch Humbug! Wir sind viel­leicht keine besten Freunde, aber wozu auch? Um uns auf dem Platz so gut zu ver­stehen, wie es der Fall ist, müssen wir nicht abends mit­ein­ander auf der Couch hocken.

Hat die Unter­schied­lich­keit sogar Vor­teile?
Ich glaube tat­säch­lich, dass wir uns gut ergänzen. Wir wissen aber beide, dass wir viel dafür tun müssen, um so oft zu treffen – und dass wir momentan auch von unserem Selbst­ver­trauen leben. Als Vogi vor vier Jahren hierher gewech­selt ist, hat er nichts getroffen. Wahr­schein­lich war das damals sein Zwil­lings­bruder. (Lacht.) Dann hat er irgend­wann einen rein­ge­stol­pert und ist danach immer selbst­be­wusster geworden. So ist das manchmal bei Stür­mern.

Die letzten drei Herbst­meister der zweiten Liga sind am Ende nicht auf­ge­stiegen.
Wusste ich gar nicht.

Wie groß wäre die Ent­täu­schung, wenn es nicht klappt?
Ich kann mich nicht als Tabel­len­führer in der Win­ter­pause hin­setzen und sagen: Wir gucken mal, wo wir am Ende landen.“ Ent­täuscht wäre ich aber nur dann, wenn ich nachher das Gefühl hätte, wir haben nicht alles pro­biert. Denn eines muss klar sein: Die Chance ist jetzt da, und wer weiß, ob sie noch mal wie­der­kommt. Für mich per­sön­lich mit 32 Jahren wahr­schein­lich nicht.

Wie lange wollen Sie noch Fuß­ball spielen?
So lange, bis mein Körper sagt, dass es reicht.

Haben Sie Angst vor dem Ende?
Ich habe Respekt davor, den pas­senden Zeit­punkt zu ver­passen. Irgend­wann im Sommer zu ent­scheiden, noch ein Jahr dran­zu­hängen, und dann fest­zu­stellen, dass der Körper nicht mehr mit­spielt, wäre bitter. Ich will bewusst ent­scheiden, wann ich auf­höre, und keinen schlei­chenden Abschied.

Und danach?
Bin ich immer noch hier in Bie­le­feld, in wel­cher Funk­tion auch immer. Ich weiß, das klingt wie eine Floskel, wenn Fuß­baller sagen: Ich fühle mich wohl hier.“ Aber in meinem Fall stimmt das wirk­lich. Ich mag die Stadt, ich mag die Leute. Ich will hier nicht mehr weg.