Seite 3: „Was ich hier erlebt habe, reicht für mehr als ein Fußballerleben“

Wie haben Sie sich in Wolfs­burg zurecht­ge­funden?
Das war eine andere Welt. Ich weiß noch, wie ich beim ersten Trai­ning mit meiner eigenen Tasche in die Kabine mar­schierte. Da wurde ich komisch ange­guckt, denn dort geht keiner mit Tasche zum Trai­ning. Es liegt ja schon alles da.

Als Sie zu Arminia Bie­le­feld wech­selten, waren Sie fast 24. Eigent­lich zu spät, um noch als Profi durch­zu­starten.
Ich habe nie daran gedacht, Profi zu werden. Das ist auch der Grund dafür, warum ich heute so bin, wie ich bin. Weil ich alles, was pas­siert ist, unge­heuer wert­zu­schätzen weiß. Als ich nach Bie­le­feld ging, habe ich nicht gedacht, jetzt legst du aber eine rich­tige Kar­riere hin. Eher so: Dritte Liga? Klingt super. Zumal mir die Stadt von Anfang an gefallen hat. Den Ruf, den sie bei vielen hat – und ich sage jetzt nicht diesen schreck­li­chen Spruch: Bie­le­feld gibt’s nicht!“ –, kann ich in keiner Weise nach­voll­ziehen.

Ihre acht­ein­halb Jahre bei Arminia sind extrem wech­sel­haft ver­laufen. Finden Sie ob des ewigen Aufs und Abs noch durch?
Was ich hier erlebt habe, reicht auf jeden Fall für mehr als ein Fuß­bal­ler­leben.

Gibt es einen Moment, der alles über­strahlt?
Ich hoffe, der kommt noch. Sollten wir im Sommer tat­säch­lich auf­steigen, wäre das dieser Moment. Ich bin schon jetzt stolz, was ich hier per­sön­lich und mit dieser Mann­schaft erreicht habe, aber mit Arminia in die erste Liga auf­zu­steigen, würde die Sache rund machen.

Und der schlimmste Moment in all den Jahren?
Darm­stadt, da brau­chen wir nicht drüber reden. Schlimmer als das, was an diesem Tag pas­siert ist, geht es nicht. (Arminia ver­spielte in der Rele­ga­tion einen 3:1‑Hinspielsieg und stieg im hei­mi­schen Sta­dion durch ein Tor in der letzten Minute der Ver­län­ge­rung in die Dritte Liga ab, d. Red.)

Wie ver­ar­beitet man das?
So etwas zieht dich für Tage runter, wenn nicht für Wochen. Denn das hat ja zwei Ebenen: Da ist zum einen der per­sön­liche sport­liche Miss­erfolg, zum anderen das schlechte Gewissen gegen­über den Fans. Ich kann mich noch an die rie­sige Choreo vor dem Spiel erin­nern. Alle sehnten den Klas­sen­er­halt herbei. Und was machen wir? Ver­mas­seln es und sind schuld daran, dass diese Leute ent­täuscht werden und wieder mal so mit ihrem Verein leiden müssen.

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War Ihr erster Impuls danach: ein­fach nur weg?
Nein. Nach einer schlaf­losen Nacht habe ich schon am nächsten Morgen mit Trainer Nor­bert Meier und Manager Samir Arabi gespro­chen und gesagt: Wenn wir es schaffen, eine Mann­schaft auf­zu­bauen, die im nächsten Jahr um den Auf­stieg mit­spielt, bin ich dabei.“

Unge­wöhn­lich für einen Profi.
Wenn ich etwas ver­bocke, will ich das wie­der­gut­ma­chen. Und ich glaube, dass gerade solch ein Erlebnis – einmal richtig durch die Scheiße zu laufen und im nächsten Jahr gleich wieder hoch­zu­gehen – eine Ver­bun­den­heit erzeugt, die nicht so häufig vor­kommt. Außerdem bin ich ein Typ, der glaubt, dass man Kar­ma­punkte sam­meln kann. Gerade bei Nega­tiv­erleb­nissen, egal ob privat oder sport­lich, liegt es immer an einem selbst, wie man damit umgeht.

Werden Sie sich irgend­wann ärgern, dass Sie in Ihrer Kar­riere nicht mal etwas Grö­ßeres ver­sucht haben?
Nie­mals. Wenn ich an meine Zeit bei diesem Verein denke, bin ich nur dankbar und habe nicht das Gefühl, etwas ver­passt zu haben. Unab­hängig davon, ob ich mit Arminia noch mal in die Bun­des­liga auf­steige oder nicht.

Wie wichtig wäre es, im Herbst der Kar­riere noch zum Erst­li­ga­profi zu werden?
Es geht mir nicht um meinen Wiki­pedia-Ein­trag, son­dern um das Erlebnis. Ich bin mit Arminia Bie­le­feld zweimal in die zweite Liga auf­ge­stiegen, und ich kann mir nicht im Ent­fern­testen aus­malen, wie das Gefühl wäre, oben auf dem Rat­haus­balkon zu stehen und den Bun­des­li­ga­auf­stieg zu feiern.