Seite 2: „Ich weiß, dass eine Menge Glück dabei war“
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Tim Dechent

Gab es nie einen Verein, der wie in den alten Mafia­filmen gesagt hat: Wir machen ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann“?
Wir alle wissen, dass Arminia in den letzten Jahren nicht der Verein war, der Unsummen zahlen konnte. Und es gab immer mal wieder Anfragen, wo ich mit etwas Ver­hand­lungs­ge­schick finan­ziell mehr hätte raus­schlagen können. Aber ich bin ein Typ, der sich wohl­fühlen muss und Nest­wärme braucht, um gut Fuß­ball zu spielen.

Gibt es keinen Klub, der Sie gereizt hätte?
Zumin­dest keinen, bei dem ich mir nicht vorher bewusst gemacht hätte, was ich an Arminia habe. Braun­schweig hätte ich mir vor­stellen können, weil ich dort gewohnt habe und oft ins Sta­dion gegangen bin. Ich habe es auch genossen, am Mill­erntor zu spielen, und tat­säch­lich hatte der FC St. Pauli vor ein paar Jahren Inter­esse an mir. Doch letzt­lich habe ich mich immer wieder für Bie­le­feld ent­schieden.

Sie stammen aus der Nähe von Gif­horn im öst­li­chen Nie­der­sachsen. War Arminia dort nicht ein Verein wie jeder andere?
Wenn über­haupt. Das ein­zige Spiel, an das ich mich erin­nern kann, war ein 4:4 gegen Bayern, Ende der Neun­ziger.

Sie haben nie ein Nach­wuchs­leis­tungs­zen­trum von innen gesehen, statt­dessen noch im Senio­ren­be­reich in der Kreis­liga gespielt.
Ich habe dafür viele andere tolle Sachen gesehen, zum Bei­spiel die schönsten Dorf­plätze und Sport­ler­heime in unserer Umge­bung. In der Kreis­liga geht es zwar auch ums Gewinnen, aber nicht zu sehr. Daraus haben sich viele schöne Bekannt­schaften ent­wi­ckelt. Ich glaube, dass das in den Nach­wuchs­in­ter­naten eher selten der Fall ist.

Spä­tes­tens ab Dienstag ging es darum, auf welche Feier wir am Wochen­ende gehen“

Sie haben dem Fuß­ball also nicht Ihre Jugend geop­fert?
Ganz bestimmt nicht. Meine Jugend war über­ra­gend. Wenn ich manche Sachen heute in der Kabine erzähle, können es die Jungs kaum glauben. Spä­tes­tens ab Dienstag ging es darum, auf welche Feier wir am Wochen­ende gehen. Frei­tags nach dem Trai­ning dann Party in der Kabine. Im Sommer gab es die Schüt­zen­feste und ansonsten ein Dorf weiter eine Disko, in der sich alle getroffen haben.

Gibt es noch andere Profis mit Ihrem Wer­de­gang?
Ich kenne keinen.

Sind Sie selbst ver­blüfft über diese Kar­riere gegen jede Wahr­schein­lich­keit?
Ich kann schon ein­schätzen, wie außer­ge­wöhn­lich das ist. Und ich weiß, dass eine Menge Glück dabei war.

Haben die Unter­schiede im Lebens­lauf einen anderen Fuß­baller aus Ihnen gemacht?
Viel­leicht habe ich ein biss­chen mehr Locker­heit. Wenn du in einem NLZ bist, trich­tern dir alle ein: Dein Weg ist Fuß­ball­profi!“ Und wahr­schein­lich machst du dir selbst schon früh eine Menge Druck.

Ist es nicht schwer, im Alter von 14 oder 15 Jahren zu wissen, was man später werden will?
Ich wusste es noch nicht mal mit 20. Noch heute unter­halte ich mich mit meinem Vater dar­über, wie dankbar wir dafür sind, was aus mir geworden ist. Es gab damals nichts, was ich mir auf lange Sicht hätte beruf­lich vor­stellen können. Letzt­lich habe ich eine Aus­bil­dung bei der Volks­wa­gen­bank in Braun­schweig begonnen, weil mein Vater dort gear­beitet hat. Zum Glück kam einige Monate später das Angebot, für die Zweite des VfL Wolfs­burg zu spielen.

Und plötz­lich saß der ehe­ma­lige Kreis­li­ga­stürmer im Büro von Felix Magath.
Das war echt unwirk­lich. Auf einmal triffst du diesen Mann, den du nur aus dem Fern­sehen kennst, der ja auch eine ziem­lich eigene Art und eine krasse Aus­strah­lung hat. Trotzdem hat er es geschafft, das zu einem lockeren Gespräch werden zu lassen. Als mein Vater und ich das Büro ver­ließen, haben wir erst mal ein paar Minuten lang nicht geredet, weil wir die Sache ver­ar­beiten mussten. Aber wie das so ist: Als ich im Sommer zur VfL-Reserve stieß, waren sowohl Magath als auch Bernd Hol­ler­bach, der mich ges­coutet hatte, nicht mehr da.