Chris­tian Tif­fert, Sie spielen seit Juli diesen Jahres bei den Seattle Sounders in der MLS. Wie finden Sie sich im Ame­rican Way of life“ zurecht? Fahren Sie schon einen breiten ame­ri­ka­ni­schen Stra­ßen­kreuzer?
Ich habe mir tat­säch­lich einen Cadillac gegönnt! Aller­dings ist der nicht so groß wie die Mons­ter­autos in den Filmen und die Anschaf­fung war reich­lich kom­pli­ziert.

Was war daran kom­pli­ziert?
Eines der großen Pro­bleme nach meiner Ankunft war, dass ich keine Credit History“ hatte. Ohne die ver­kauft dir in den USA keiner irgend­etwas, geschweige denn einen Cadillac. Anders als in Deutsch­land gibt es hier für die Profis auch keine Spon­so­ren­ver­träge inklu­sive Auto. Also musste ich einige Auto­häuser und Banken abklap­pern, bis mir end­lich erlaubt wurde, einen Kredit auf­zu­nehmen.

Klingt, als würden Sie noch ein wenig mit dem ame­ri­ka­ni­schem Lebens­stil frem­deln.
Es ist eine kom­plett andere Welt, in der man sich an viele neue Dinge gewöhnen muss. Aber meiner Familie und mir gefällt es sehr gut hier.

Wie ist es, den Sport, den man sein Leben lang als Fuß­ball geliebt hat, auf einmal Soccer“ nennen zu müssen?
Am Anfang dachten hier alle, ich spiele Ame­rican Foot­ball, weil ich es nicht Soccer“ genannt habe. Ein Fett­näpf­chen, in das viele Euro­päer treten.

Ihr neuer Trainer Sieg­fried Schmidt ist gebür­tiger Deut­scher. Konnten Sie die Sprach­bar­riere mit seiner Hilfe über­brü­cken?
Ich konnte schon vorher Eng­lisch und komme gut zurecht. Außerdem kommt Schmidt aus Tübingen und spricht ein Wirr­warr aus Schwä­bisch mit ame­ri­ka­ni­schem Akzent – das ist zwar eine recht lus­tige Mischung, aber nicht immer leicht zu ver­stehen. (lacht) Wir reden nur im äußersten Not­fall Deutsch.

Wie kam es zu Ihrem Wechsel? Wollten Sie schon immer als Profi ins Aus­land gehen?
Jeden­falls konnte ich mir aus­rechnen, wie viele Chancen ich dazu mit 30 Jahren noch bekomme und ich hatte große Lust auf etwas Neues. Als ich im Sommer nach Seattle ein­ge­laden wurde, um mir Stadt und Mann­schaft anzu­schauen, flog ich rüber und war begeis­tert. Anschlie­ßend habe ich mich mit meiner Familie zusammen gesetzt und wir haben uns ent­schieden, das Aben­teuer MLS anzu­gehen.

Hat es Sie nicht gestört, dass der Fuß­ball in den USA ein Neben­da­sein fristet?
In Seattle gibt es zwar ein Base­ball- und ein Foot­ball­team, aber trotzdem würde ich sagen, dass der Fuß­ball in dieser Stadt im Mit­tel­punkt steht. Wir haben den besten Zuschau­er­schnitt der MLS mit 40.000 Fans pro Heim­spiel, einige Male waren wir mit 60.000 sogar aus­ver­kauft. Der Fuß­ball in den USA wächst extrem schnell

40.000 ist für Bun­des­li­ga­ver­hält­nisse knapper Durch­schnitt. War der Unter­schied am Ende gar nicht so groß, was die Zuschauer angeht?
Es ist schon anders. Wir haben für die USA eine außer­or­dent­liche Stim­mung im Sta­dion, aber trotzdem unter­scheidet sich der Sup­port der Fans hier von dem in der Bun­des­liga. Der Besuch eines Sport­events hat hier eher den Cha­rakter eines gesell­schaft­li­chen Ereig­nisses. Soll heißen: Die ganze Familie geht gemüt­lich ins Sta­dion, um ein schönes Fuß­ball­spiel zu sehen.

Ist es also so, wie man es sich ste­reotyp vor­stellt: Pop­corn, Cola, Hot­dogs und am Ende gehen alle satt und zufrieden nach Hause?
Ganz so schlimm wie bei einem sechs­stün­digen Base­ball-Match ist es nicht. Natür­lich fie­bern die Zuschauer mit, aber die Welt geht für die Fans nicht gleich unter, wenn ihr Team mal ver­liert. Der Druck, den man als Profi durch die Fans ver­spürt, ist lange nicht so hoch wie in Deutsch­land.

Arne Fried­rich, der bereits eine Saison bei Chi­cago Fire spielt, schwärmte kürz­lich vom Rück­halt der Fans in der MLS. Er sagte, die Fans jubeln auch bei Nie­der­lagen, solange man alles gebe. Können Sie das bestä­tigen?
Natür­lich wollen die Leute auch hier schönen und erfolg­rei­chen Fuß­ball sehen. Doch die Stim­mung bleibt immer positiv und das ist eigent­lich sehr ange­nehm.

Sie haben Erste und Zweite Bun­des­liga gespielt. Wo würden Sie das Niveau der MLS ansie­deln?
Die MLS gilt in Europa als unheim­lich schwache Liga. Aber wer in Deutsch­land kann das letzt­lich beur­teilen? Schließ­lich laufen die Spiele, wäh­rend jeder Euro­päer schläft.

Also bestä­tigten sich die Vor­ur­teile von einer schwa­chen Major League nicht?
Ich war positiv beein­druckt vom Niveau der MLS. Das Spiel ist hier sehr phy­sisch und es gibt viele offen­siv­starke Mann­schaften mit guten Ein­zel­kön­nern. Die Spiele sind sehr sehens­wert, weil es ins­ge­samt zu mehr Tor­chancen kommt.

Eine Grund­ver­schie­den­heit zu den euro­päi­schen Liga­sys­temen ist der Playoff-Spiel­modus. Ist es nicht ein biss­chen unge­recht, wenn man sich über die gesamte Saison einen vor­deren Platz erkämpft und dann in der ersten Playoff-Runde her­aus­fliegt?
Einer­seits ist das natür­lich unge­recht: In der Wes­tern Con­fe­rence hatten die San Jose Ear­th­quakes bei­spiels­weise nach 34 Spiel­tagen als Tabel­len­führer neun Punkte Vor­sprung und jetzt sind sie trotzdem in der ersten Runde der Play­offs raus­ge­flogen. Ande­rer­seits bedeuten K.O.-Spiele ein­fach einen Rie­sen­spaß für Zuschauer und Spieler. Die Ame­ri­kaner lieben ihre Play­offs, so läuft es nun einmal hier.

Sehr beliebt ist in ihrer neuen Hei­mat­stadt Seattle auch ein anderer deut­scher Sportler. Wissen Sie, wel­cher?
Der ehe­ma­lige Bas­ket­ball-Star Detlef Schrempf natür­lich. Der hat lange in Seattle bei den Seattle Super­so­nics gespielt und lebt sogar noch hier. Ab und zu soll er auch zu unseren Spie­lern kommen. Ich hätte große Lust, ihn mal zu treffen.

Haben Sie in Seattle etwas von dem Jahr­hun­dert­sturm Sandy“ mit­be­kommen?
Der Sturm beherrschte den Alltag in den gesamten USA. Das war wirk­lich heftig und Sandys“ Aus­wir­kungen waren auch hier an der West­küste zu spüren. Wir mussten bei­spiels­weise wäh­rend des Sturms auf unser Gehalt ver­zichten.

Warum?
Da unsere Klub­be­sitzer ihr Büro in New York haben, waren sie wäh­rend des Sturms von der Außen­welt abge­schnitten und konnten keine Pay­checks aus­stellen. Wir haben zwar zwei Wochen lang kein Gehalt bekommen, aber das war ange­sichts der Kata­strophe natür­lich kein Pro­blem.