Steffen Baum­gart, wen würden Sie zum besten Stürmer aller Zeiten küren?

Ich glaube, auf­grund seiner Quote, auf­grund dessen, was er erreicht hat, wie er es erreicht hat und welche Mann­schaften durch ihn etwas beson­deres geworden sind – Gerd Müller.

Im Detail…

…hat er aus einer sehr guten Bayern-Mann­schaft eine über­ra­gende Bayern-Mann­schaft gemacht, und dazu, vor allem 1974, aus einer eher durch­schnitt­lich spie­lenden Natio­nal­mann­schaft eine aus Sicht der Ergeb­nisse über­ra­gende Natio­nal­mann­schaft. Ich glaube, selbst Franz Becken­bauer sagte einmal, dass jeder Bayern-Spieler, der in diesem Zeit­raum mit Gerd Müller zusam­men­spielte, ihm das meiste zu ver­danken hat. Der FC Bayern hatte dank ihm das, was andere eben nicht hatten.



Wenn man über­haupt einen rea­lis­ti­schen Ver­gleich ziehen kann: Wie nah kommt der dama­lige Gerd Müller einem heu­tigen Thierry Henry?

Henry ist ein ganz anderer Spie­lertyp aus einer ganz anderen Spiel­erge­nera­tion. Es ist voll­kommen richtig, dass man den Fuß­ball der 60er nicht mit dem der 70er, den wie­derum nicht mit dem der 80er und so weiter ver­glei­chen kann. Wenn wir uns frü­here Fuß­ball-Spiele anschauen, bei­spiels­weise die Welt­meis­ter­schaft 1974, und dann Spiele auf diesem Niveau von heute, besteht die ein­zige Gemein­sam­keit darin, dass auch damals jeweils elf Spieler gegen­ein­ander ange­treten sind. Was Henry beson­ders aus­zeichnet, ist, dass er alles mit­bringt – über­ra­gende Schnel­lig­keit, tolle Technik, und und und. Dazu zähle ich ebenso Miroslav Klose.

Wie groß sind die Unter­schiede zwi­schen Gegen­wart und der Zeit Ihres Kar­rie­re­be­ginns?

Ich habe vor 13 Jahren im Profi-Bereich ange­fangen. Selbst dieser Fuß­ball ist mit dem gegen­wär­tigen nicht mehr zu ver­glei­chen. Alles ist auf einer ganz anderen Ebene so ath­le­tisch, so schnell und so aggressiv geworden.

Fehlt den über­ra­genden Stür­mern der gegen­wär­tigen Genera­tion auch die Aura eines Gerd Müller, Pelé oder di Ste­fano?

Sagen wir so: Ein wert­voller Old­timer wird immer teurer sein und die grö­ßere Fas­zi­na­tion aus­üben als ein neuer Sport­wagen. Was aber nicht heißen soll, dass dieses neue Auto später nicht viel­leicht einmal einen ähn­li­chen Wert besitzt.

Bei aller Effi­zienz: Wie wichtig ist Ihnen fuß­bal­le­ri­sche Ele­ganz?

(Benö­tigt einige Momente, um mit dem Lachen auf­zu­hören) Also, das fragen sie nicht wirk­lich mich. Sie müssen mich ver­wech­seln!

Doch, ich frage gerade Sie.

Wer mich spielen sieht, sieht wenig an Ele­ganz. Die Ele­ganz und ich, wir beide haben nichts gemeinsam (lacht).

Steffen Baum­gart, die Anti­pode der Ele­ganz – von wegen! Beim FC Hansa gelang Ihnen gegen den Ham­burger SV einmal ein Kunsttor von der Sei­ten­linie aus, das Sie mit dem Spruch quit­tierten: »Wenn ich ein Bra­si­lianer wäre, hätte ich gesagt, das war Absicht, aber das glaubt mir sowieso keiner.«

Das weiß ich noch, als wenn er mir gerade abge­rutscht wäre. In der Mitte lief Magnus Arvidsson frei in Rich­tung HSV-Tor, ihn wollte ich anspielen und treffe den Ball eigent­lich gar nicht, und der fällt hinter Butt rein. Unhaltbar. Manchmal ist es gut, wenn man selbst nicht weiß, wo man ihn hin­schiebt. Das war damals eigent­lich ein Tor des Jahres, und ich bin nur aus der Wer­tung gefallen, weil mal jemand gegen Bayern aus 25m das 1:0 geschossen hatte.

Abge­sehen von diesem Tor, ist Ihnen mal ein Trick gelungen, den sie später selbst nicht begriffen haben?

(lacht wieder) Ich hatte nie einen Trick im Reper­toire. Ich habe mir den Ball gera­deaus vorbei gelegt und bin mit guter Hoff­nung hin­terher gestie­felt. Zwei, drei ver­wun­der­liche Sachen sind schon mal geglückt, aber ich habe nicht krampf­haft über meine fuß­bal­le­ri­schen Ver­hält­nissen gelebt. Das kann mir auch jeder bestä­tigen. Damit bin ich auch am besten gefahren.

An wel­ches Tor erin­nern Sie sich beson­ders gerne zurück?


Puh! Für mich per­sön­lich schoss ich eines meiner schönsten Tore letzte Saison gegen Bayern. Es war mein erstes Spiel von Anfang an nach langer Zeit, dann gegen Olli Kahn, dann in der neuen Arena. Jeder Spieler hat seinen Wunsch, was er gerne noch voll­bringen würde. Und den Wunsch habe ich damit erfüllt. Aber so ganz kann ich mich nicht ent­scheiden. Das erste Tor in der Bun­des­liga war ein tolles Gefühl (am ersten Spieltag 1995 gegen Bayer Lever­kusen, Anm. der Red.). Oder mein erstes Tor im Pro­fi­fuß­ball für Hansa gegen Hertha BSC – ein 1:0. Danach sind wir durch die zweite Liga mar­schiert. Das sind Dinge, die man nicht ver­gisst.

Welche Tore sind am schwie­rigsten?


Jedes Tor ist schwer. Ob ich ihn über die Linie drücke oder aus 40 Metern den Winkel mas­siere. Am besten finde ich die Reporter-Kom­men­tare: Wenn einer alleine auf den Tor­wart läuft und ihn rein­schiebt, hat er es cool und lässig gemacht. Aber wenn er den Pfosten trifft oder vorbei legt, ist er über­heb­lich, unkon­zen­triert und kläg­lich. Des­halb weiß ich, dass jeder Ball auch erstmal rein muss. Um am Bei­spiel Henry zu bleiben: In dieser Situa­tion ist er her­aus­ra­gend in Quote und Können.

Sie als lang­jäh­riger Stürmer müssen es ja wissen.

Ich war nie ein Tor­jäger, über den man sagte, er sei im Jahr für so und so viele Tore gut. Das muss man ja mal klar zugeben. Ich wäre es gern, bin es aber auf diesem hohen Niveau nie gewesen. Als Stürmer habe ich vorne mit dem Grät­schen für die Defen­sive ange­fangen. Ich habe auch meine Tore gemacht, meine Vor­lagen gegeben. Aber in erster Linie sieht man bei mir Arbeit, Kampf, ab und zu ein Aua für den Anderen und dass ich bei Fouls nicht den Kunst­turner mache und schnell wieder auf­stehe.

Wie geht man als Stürmer mit wochen­langen Tor­flauten um?

Das macht jeder auf seine Art. Ob mit Kampf, mit seiner Technik, der andere flippt viel­leicht mal aus. Auf Krampf funk­tio­niert das jedoch nicht. Viel­leicht lege ich in Situa­tionen dann auch lieber noch mal rüber. So kann man sich genauso Selbst­ver­trauen zurück­holen.

Das eigene Tor zählt nur halb so viel wie der Erfolg der Mann­schaft. Stimmt diese Weis­heit?

Wenn ich fünf Wochen hin­ter­ein­ander nicht treffe, und meine Mann­schaft fünfmal hin­ter­ein­ander gewinnt, habe ich auch fünfmal Geld ver­dient. Das lin­dert den Schmerz. Natür­lich schmerzt es, selber nicht zu treffen.

Kann ein Stürmer tat­säch­lich ein Spiel alleine ent­scheiden?


Ja und aber.

Aber?

Weil jeder Spieler ein Spiel alleine ent­scheiden kann. Ganz beson­ders auch Tor­hüter, im Posi­tiven und Nega­tiven. Doch genauso jeder andere, selbst wenn es den Anschein einer noch so belang­losen Aktion hat.

Wenn Stürmer ein Spiel ent­scheiden und in der Sonne glänzen, kann es dann zu Eifer­süch­te­leien, Neid oder Miss­gunst kommen?

Ein guter Stürmer erkennt die Arbeit anderer an, und er erkennt, warum er das Tor machen konnte und wer ihm dabei geholfen hat. Sergiu Radu hätte nicht glänzen können, wenn wir nicht hinten mit acht Mann das Ding dicht gehalten hätten. Ich glaube, dass sich jeder sehr gute Stürmer durch Mann­schafts­dien­lich­keit aus­zeichnet. Miroslav Klose ist das Para­de­bei­spiel. Der läuft sechsmal alleine auf das Tor und legt fünf­ein­halb davon rüber.

Wie haben Sie als Stürmer gehan­delt: Abgeben oder auf eigene Faust?


Das kam ganz darauf an, und ich ent­schied aus dem Gefühl heraus. Hat man gerade das über­ra­gende Selbst­ver­trauen, dann hat man natür­lich geschossen, und wenn’s schief ging, bekam man natür­lich von den Kol­legen Ärger.

Sie erwähnten, dass Sie kein Typ sind, der nach Zwei­kämpfen oder Fouls lange lamen­tiert und liegen bleibt. Welche Aktionen zwi­schen Geg­nern bringen ein mora­li­sches Ungleich­ge­wicht ins Spiel?

Was bedeutet Moral? Bei uns geht’s um Fair­play auch den Kol­legen gegen­über. Und das ist wichtig und bleibt auch dabei. Aber eine Moral­dis­kus­sion hat in unserem Job nichts zu suchen. Wenn sich Spieler nach Abpfiff vor die Kamera stellen, sich selbst zum Richter machen und auf Moral pochen, dann ist genau das schein­heilig und unmo­ra­lisch. Wir sind in einem Kampf­sport, und es pas­sieren in der Emo­tion Dinge unter der Gür­tel­linie. Mitt­ler­weile wird jede Szene von jedem kom­men­tiert. Vor dem Spiel unter­halte ich mich mit alten Freunden, im Spiel bekommen sie auch mal einen auf die Socken von mir. Und ich erwarte von ihnen, dass sie mir gegen­über genauso hart zur Sache gehen. Nach dem Spiel sollte alles ver­gessen sein. Mich ärgert es viel mehr, wenn sich einer 25 Mal wälzt und nicht wieder hoch­kommt, weil er einen Dreh­wurm hat.

Wer war Ihr unan­ge­nehmster Gegen­spieler?

Da gab es einige. Aber ich bin auch kein Wai­sen­knabe. Ich hatte den meisten Spaß mit Leuten, mit denen man sich gegen­seitig unge­hauen hat. Und nach dem Spiel war alles ver­gessen. Diese waren mir eigent­lich sogar die Ange­nehmsten. Ich möchte ja einen Gegner, der mich for­dert. Dabei muss man auch ein­ste­cken können.

Ver­liert man irgend­wann die Lust, nach Fouls wieder auf­zu­stehen?

Nie! Das macht doch gerade Spaß. Das will ich ja. Es hat doch jeder mit dem Fuß­ball ange­fangen, weil er im Dreck und im Matsch spielen konnte. Und jetzt, da wir erwachsen sind, tun wir gerade so, als ob im Spiel die Haare liegen müssen.

Viele, vor allem Krea­tive und Stürmer erfahren oft eine regel­rechte Glo­ri­fi­zie­rung. Sind sie wirk­lich die Haupt­at­trak­tion des Spiels?


Die Haupt­at­trak­tion ist und bleibt der Fuß­ball. In den letzten Jahren ist der Fuß­ball zum Show­ge­schäft geworden. Es wird immer der Fokus auf ein­zelne gelegt – ob das bei Schau­spie­lern oder Sän­gern ist. Bei »Tokio Hotel« kennen alle auch nur den einen. Das ist in den meisten Fuß­ball­mann­schaften genauso, die diesen Verein nach außen vor der Öffent­lich­keit ver­kör­pern.