Herr Hol­ler­bach, sie sind vom FC St. Pauli über Kai­sers­lau­tern zum HSV gewech­selt. Glauben Sie, dass Sie sich damit zu einer der unbe­lieb­testen Per­sonen am Mil­l­erntor gemacht haben?

Nein. Ich denke, dass sich das im Laufe der Jahre rela­ti­viert hat. Aber ein Wechsel von einem Stadt­verein zum anderen ist natür­lich immer schwierig. Egal, ob das jetzt von St. Pauli zum HSV oder von Sechzig zu Bayern ist.

Waren Sie denn ent­täuscht, als die St. Pauli-Fans die Ho-Ho-Hollerbach“-Rufe in Ho-Ho-Hoch­verrat“ geän­dert haben?

Nein, da war ich nicht ent­täuscht. Es war ja schön, dort Publi­kums­lieb­ling zu sein. Ande­rer­seits hab’ ich das dann auch beim HSV geschafft. Von dem her muss ich mich ja ganz gut für die Ver­eine ein­ge­setzt haben.

Konnten Sie die Reak­tion der St. Pauli-Fans nach­voll­ziehen?

Ja, klar. Ich konnte gut nach­voll­ziehen, dass sie ent­täuscht waren. Aber ich wollte unbe­dingt inter­na­tional spielen. Das war mir wichtig. Ich wollte das Maximum aus meiner Kar­riere raus­holen.

Würden Sie sich heute noch trauen, ins Mil­l­erntor-Sta­dion zu gehen?

Ich hab erst kürz­lich beim Tag der Legenden“ dort gespielt und bin wirk­lich super emp­fangen worden. Ich will ja nur, dass die Leute sagen: Mensch, der hat alles für den Verein gegeben.“ Und ich glaube, so denken die St. Pauli-Fans mitt­ler­weile.

Meinen Sie, dass Ihre Spiel­weise ein wenig dem Fantum von St. Pauli ent­spricht? Rau­beinig, kom­pro­misslos und ein wenig unge­zogen.

Ich hab’ halt immer ver­sucht, alles für meinen Verein zu geben und bis an die Grenzen zu gehen. Viel­leicht ist es das.

Ist Ihnen der Wechsel damals zum HSV schwer gefallen? Und warum haben Sie sich dafür ent­schieden?

Klar ist mir das schwer gefallen. Aus­schlag­ge­bend war, dass ich unbe­dingt unter Felix Magath trai­nieren und inter­na­tional Fuß­ball spielen wollte.

Was ist so fas­zi­nie­rend an Felix Magath?

Er war für mich als Spieler schon ein ganz Großer, und als Trainer ist er das auch. Es war damals schon so, dass ich meine Antennen aus­ge­fahren und gut zuge­hört habe, wenn Felix Magath etwas gesagt hat. Er hat mich nach vorne gebracht. Ich glaube, ohne ihn hätte ich nie­mals Cham­pions League gespielt.

Sie haben über Jahre hinweg den Mythos St. Pauli mit­er­lebt und geprägt. Haben Sie Erin­ne­rungen an diese Zeit, die ihnen beson­ders im Gedächtnis geblieben sind?

Ja, klar. Der Abstieg 1991 war natür­lich richtig depri­mie­rend. Als junger Spieler, der gerade in den Verein gekommen ist, durch die Rele­ga­ti­ons­spiele den Abstieg hin­nehmen zu müssen, das war schon eine schwie­rige Zeit. Aber umso schöner war dann wieder der Auf­stieg. Das waren beides Erleb­nisse, die man nicht ver­gisst. Beson­ders der Auf­stieg war toll, eine schöne Erfah­rung.

Aber dann haben Sie den Verein ver­lassen.

Ja. Das war doch ein schöner Abschluss.

Was macht für sie den Mythos St. Pauli aus? Was ist das Beson­dere am Verein und an den Fans?

In dem Sta­dion sind alle gleich. Egal, ob das jetzt ein Rektor ist oder ein Doktor oder jemand aus der Hafen­straße. Alle Schichten sind da ver­treten und kommen gut zurecht. Das finde ich toll.

Wenn man als junger Spieler zu St. Pauli kommt, ist das so wie man es erwartet?

Es hat eigent­lich alles über­troffen. Es war viel auf­re­gender, als ich es mir vor­ge­stellt habe. Diese tollen Fans, dieser Rück­halt, den sie uns zu Hause immer gegeben haben, das war für mich als junger Spieler eine super Zeit. Ich bin dem Verein auch sehr dankbar, dass ich mich dort ent­wi­ckeln konnte. Ich durfte spielen, was sehr wichtig ist für einen jungen Spieler. Dafür ist der Verein ein­fach super.

Mussten Sie lange über­legen, als Sie ein Angebot von St. Pauli hatten?

Es hat damals auch andere Ange­bote gegeben. Aber ich war dann zum Pro­be­trai­ning da und die haben mich ein­fach nicht mehr weg­ge­lassen. Eigent­lich wollte ich erst im Sommer wech­seln, aber die Ver­ant­wort­li­chen haben mich sofort unter Ver­trag genommen. Die haben mir eigent­lich keine Chance gegeben, mich mit anderen Ver­einen zu treffen.

Was sind Ihrer Mei­nung nach die kras­sesten Unter­schiede zwi­schen dem HSV und St. Pauli?

Das lässt sich schwer ver­glei­chen. Die HSV-Fans kommen eher aus dem Umland, wogegen die Pauli-Fans eher aus der Stadt kommen. Außerdem ist der HSV natür­lich ein rie­siger Tra­di­ti­ons­verein, der auch sport­lich sehr große Erfolge erzielt hat. St. Pauli lebt mehr von seinem Underdog-Image. Die Leute lieben ja meist die Under­dogs.

Haben Sie das Gefühl, dass sich der Verein seit ihrer Zeit sehr ver­än­dert hat? Stich­wort: Sta­di­onbau und Kom­mer­zia­li­sie­rung.

Ich denke, dass es diesen Kult St. Pauli immer geben wird. Und ich glaube nicht, dass auf St. Pauli zu viel kom­mer­zia­li­siert wird. Man muss natür­lich mit der Zeit gehen, und man hat immer Auf­lagen vom DFB zu erfüllen, was die Sicher­heit betrifft. Aber ich denke, so wie das Sta­dion jetzt gebaut wird, klein und eng­lisch, werden sie es auf St. Pauli lieben. Außerdem ist der Standort am Hei­li­gen­geist­feld toll. Es ist ja nicht so, dass die Fans jetzt in die Nord­bank-Arena müssen. Für den St. Pauli-Fan war immer wichtig, dass am Mil­l­erntor gespielt wird.

Die Fans wehren sich aber bei­spiels­weise gegen die Ein­füh­rung des Mil­l­ern­ta­lers“. Zu Recht?

Ich finde, Mil­l­ern­taler“ klingt toll. Mar­ke­ting­tech­nisch hat St. Pauli doch schon einige Erfolge gefeiert. Die sind doch dafür bekannt, dass sie sich immer was Beson­deres ein­fallen lassen. Ich finde die Geschichte eigent­lich witzig. Und wenn die Sache dann auch noch Geld bringt, damit der Verein wett­be­werbs­fähig ist und bleibt, dann haben doch alle was davon.

Wo sehen Sie Zukunft des Ver­eins?

St. Pauli hat durchaus seine Mög­lich­keiten. Man merkt, dass es auf­wärts geht im Verein. Sie haben den Auf­stieg in die Zweite Bun­des­liga geschafft, was sich ja lang als schwierig her­aus­ge­stellt hat. Außerdem haben sie mit Holger Sta­nis­lawski einen Mann, der den Verein kennt, der weiß, was da los ist, und gute Arbeit macht. Ich könnte mir schon vor­stellen, dass die irgend­wann wieder erste Liga spielen können. Und für die Stadt und die Fans gäbe es, glaube ich, nichts Schö­neres. Für mich als Spieler waren die Derbys immer die High­lights. Ich glaube, dass die Fans danach lechzen, wieder ein Derby in Ham­burg aus­zu­tragen. Und ich drück’ den Ver­ant­wort­li­chen auf St. Pauli die Daumen, dass es wieder in die erste Liga geht.

Jetzt sind Sie Co-Trainer in Wolfs­burg. Ist der VfL nicht das abso­lute Kon­trast­pro­gramm zu St. Pauli?

Schon. Beide Ver­eine sind auf ihre Art und Weise sehr inter­es­sant. Aber Wolfs­burg ist ein ganz anders geführter Verein. Wir sind dort ja noch am Anfang der Ent­wick­lung und ver­su­chen, uns in der Bun­des­liga-Spitze zu eta­blieren. Aber St. Pauli in die erste Liga zu führen ist, sicher­lich auch eine inter­es­sante Auf­gabe. Mit den Zuschauern, mit dem Umfeld, mit der Stadt und dem ganzen Enthu­si­asmus im Rücken. Das ist beides hoch­in­ter­es­sant und macht beides bestimmt viel Spaß, lässt sich aber nur schwer ver­glei­chen.

Könnten Sie sich denn vor­stellen, irgend­wann mal als Trainer ans Mil­l­erntor zurück­zu­kehren?

Die Frage stellt sich für mich nicht. Ich bin im Moment sehr glück­lich.

Sie haben einmal gesagt: An mir kommt ent­weder der Ball oder der Gegner vorbei, aber nie beide.“ Ver­su­chen Sie diese Phi­lo­so­phie auch den Spie­lern zu ver­mit­teln?

Man sagt immer das ein oder andere, wenn man jung ist. Grund­sätz­lich habe ich immer die Ein­stel­lung gehabt, alles für meinen Verein zu geben und bis an die Grenzen zu gehen. Aber ich war nicht nur hart zu meinen Gegen­spie­lern, son­dern auch hart zu mir selber. Das ist immer das Ent­schei­dende.

Dick van Burik hat mal gesagt, er würde Sie auch gerne mal auf einem Ama­teur­platz treffen, frei nach dem Motto: Wer aus­teilt muss auch ein­ste­cken können. Macht Sie solch eine Bemer­kung nach­denk­lich?

Nein, absolut nicht. Da kann ich eigent­lich nur drüber lachen. Wenn es auf den Platz geht, dann geht’s halt zur Sache, aber nach dem Spiel ist alles ver­gessen. Ich mag auch Leute nicht, die nach­tra­gend sind. Ich hab mich nie über jemanden beschwert. Ich glaub’, ich hab’ viel aus­ge­teilt, und ich hab’ auch viel ein­ge­steckt, aber das war alles im Rahmen. Ich denke, Dick van Burik wäre froh gewesen, wenn er mit mir in einer Mann­schaft gespielt hätte.