Eric Can­tona, gehört Grö­ßen­wahn dazu, sich bei einem Ken-Loach-Film selbst ins Gespräch zu bringen?

Ich weiß nicht so recht, warum alle Welt immer davon aus­geht, dass meine Aktionen etwas mit Drauf­gän­gertum oder Grö­ßen­wahn zu tun haben? Dieses Mal war es ein­fach so, dass ich die logi­schen Schlüsse aus dem Kult um mich gezogen habe.



Das heißt, man hat Sie zuviel gelobt?

Das würde ich auch wieder nicht sagen. Aber wenn die Ehrungen nicht abreißen, die United-Fans immer noch Lieder auf mich singen, wenn einem immer wieder gesagt wird, dass man eine Kult­figur ist, ergreift man irgend­wann eine Kon­se­quenz.

In diesem Fall, sich selbst zu spielen, unter der Regie eines der besten euro­päi­schen Fil­me­ma­chers.

Genau so ist es. Ich bin ja nun schon eine ganze Weile Schau­spieler. Was nicht sofort erfolg­reich war und immer noch nicht soviel Spaß macht wie einst auf dem Rasen. Aber was man mir ständig ange­boten hat: Spiel doch irgendwas mit deinem Namen. Mit der Idee bin ich zu Ken Loach gegangen.
Der erst einmal wie reagiert hat?

Der hat sich ver­arscht gefühlt, glaube ich zumin­dest. Er kam recht skep­tisch zum ersten Treffen. Viel­leicht dachte er, ich würde gleich wieder auf­stehen und gehen.

Wäre ihm nicht zu ver­übeln. Die legen­däre Pres­se­kon­fe­renz, mit der Sie sich 1997 ver­ab­schie­deten, hat er ans Ende des Films gesetzt. Sie laden die Welt­presse ein und ver­ab­schieden sich mit einem Satz, der heute zu den Klas­si­kern zählt: Die Möwen folgen dem Fisch­kutter, weil sie glauben, dass die Sar­dinen wieder ins Wasser geworfen werden.“ Wie lange haben Sie daran gesessen?

Über­haupt nicht lang. Er ist mir in dem Moment ein­ge­fallen, als diese ganzen Sport­jour­na­listen vor mir saßen und mit gie­rigen Augen darauf war­teten, dass ich Ihnen eine Sen­sa­tion lie­fere. In dem Moment hatte ich das Bild des Fisch­kut­ters vor mir, dem die Möwen folgen. Später haben mir viele Leute gesagt, dass das sehr ris­kant von mir gewesen sei. Aber hey, wo wären wir ohne Risiko? 

Keine Über­le­gung, den Leuten zu erklären, was in Ihnen vor­ge­gangen ist?

Wie sollte ich das anders sagen? Soll ich mich hin­setzen und den Leuten wie im Gebet wie­der­holen, dass all das eine große Scheiße ist (Can­tona hatte einen Fan mit einem Kung-Fu-Tritt ver­letzt, Anm. d. Red.). Dass ich Mist gebaut und dafür zur Genüge gelitten habe, dass ich sogar das Innere eines Gefäng­nisses ken­nen­lernen musste? Nein, das konnte ich nicht sagen.

Wie haben Sie Ken Loach über­zeugt, dass Sie es ernst meinen?

Ich habe ihm ein­fach gesagt, dass ich mich selbst spielen würde. Also keinen alternden Fuß­baller, der so aus­sieht wie ich. Ich wollte voll auf Risiko gehen. Was ich in Loo­king for Eric“ gemacht habe, das kann ich nur einmal machen. Ich hoffe, dass ich noch viele Rollen spielen werde. Aber Eric Can­tona kann ich nie wieder spielen. Das hat Ken Loach beein­druckt.

In den Film um einen alternden Post­boten, der sein Leben nicht in den Griff kriegt und sich immer mit dem Plakat von Eric Can­tona unter­hält, bis der plötz­lich auf­taucht, sind mit Liebe zum Detail etliche Tore von Ihnen ein­ge­baut. Auf die Frage nach dem besten ant­worten Sie

Dass es kein Tor war, son­dern ein Pass. Ich weiß, man sagt, dass ich das Sun­der­land-Tor als das schönste meiner Kar­riere ansehe. Aber das stimmt nicht. Es war ein Spiel gegen Tot­tenham, und ich war der­je­nige, der den Pass gegeben hat, der zum Tor führte. Einer dieser Gän­se­haut-Momente, den die Leute nicht ver­gessen, wenn sie dabei gewesen sind.

Ver­stehen Sie, warum die United-Fans heute noch Lieder über Eric the King“ singen, wenn Sie im Sta­dion sind?

Nein, das ver­sucht man anfangs viel­leicht zu ver­stehen. Da fühlt man sich groß­artig und könnte die ganze Welt umarmen. Aber je länger die Gesänge dauern, desto kleiner und demü­tiger wird man. Wenn ich heute in Old Traf­ford bin, habe ich Angst.

Wieso das?

Ich fühle mich nach wie vor in Man­chester im Sta­dion wie daheim. Ande­rer­seits: Ja, ich habe Angst, dass diese Gesänge eines Tages auf­hören könnten. Dass ich nach Man­chester komme und die Men­schen fragen: Wer ist Eric Can­tona?“ Ich muss ganz ehr­lich sagen, dass mich das sehr treffen würde.

Warum sind Sie nach Ihrem Abschied nicht beim Fuß­ball geblieben?

Waren Sie jemals richtig Fuß­ballfan? Ich glaube, dass Sie das, wovon ich Ihnen jetzt erzählen möchte, nie erlebt haben. Fuß­ball war meine große Liebe! Ich habe alles für diesen Sport getan und alles durch ihn erfahren, was mich geprägt hat. Nach meinem Aus­scheiden musste ich einen Schluss­strich ziehen. Kom­men­tator für Spiele oder Experte am Spiel­feld­rand? Ich wäre aus­ge­rastet, weil ich nicht mehr auf den Platz gedurft hätte. Nein, eine Zukunft beim Fuß­ball konnte ich mir nicht vor­stellen.
Und heute?

Es gibt ja noch eine andere Seite, die man erlebt, wenn man eine große Liebe ver­loren hat. Irgend­wann, wenn der Schmerz weg ist, kommt eine unglaub­lich große Frei­heit. Ich weiß nicht, ob ich diese Frei­heit wieder auf­geben möchte. Und mein neuer Beruf macht mir auch zuviel Spaß. Außerdem habe ich ja den Beach-Fuß­ball. Viel­leicht gelingt es mir damit, die Lücke Fuß­ball in meinem Leben für alle Zeiten zu schließen. Aber wer weiß, ich bin ja noch nicht einmal Mitte 40. Da kann noch aller­hand kommen!