Es ist Halb­zeit im West­küs­ten­derby zwi­schen IFK Göte­borg und IF Elfs­borg in der ersten schwe­di­schen Liga. Die Spieler sind bereits auf dem Weg in die Kabinen, dahinter kommt Elfs­borgs Trainer Klas Ingesson. Der 57-malige Natio­nal­spieler muss einen anderen Weg nehmen, denn er sitzt heut­zu­tage im Roll­stuhl. Plötz­lich aber bleibt er an einem Kabel hängen und fällt vorn­über aus dem Stuhl – ohne eine Chance, sich auf­zu­fangen. Ingesson hat danach offen­sicht­lich starke Schmerzen, medi­zi­ni­sches Per­sonal eilt zur Hilfe und binnen Minuten kommt ein Kran­ken­wagen, um ihn ins Hos­pital zu bringen. Wie sich her­aus­stellt, hat er sich einen Ober­schen­kel­hals­bruch zuge­zogen.

Trotzdem wei­gert er sich zunächst, das Ullevi-Sta­dion zu ver­lassen. Er wollte bleiben und abwarten, wie das Spiel aus­ging“, erzählte Elfs­borgs Team­ärztin später. Er fragte nach dem Platz­ver­weis und ob die Ent­schei­dung kor­rekt war. Aber wir mussten ihn ein­fach ins Kran­ken­haus bringen.“ Nein, von einem gebro­chenen Ober­schenkel wollte sich Klas Ingesson nicht klein­kriegen lassen. Und ebenso wenig, so hat er ent­schieden, von seiner Krank­heit.

Anfang 2009 wurde bei Ingesson ein Mul­ti­ples Myelom fest­ge­stellt, eine Krebs­er­kran­kung des Kno­chen­marks. Für die meisten Men­schen gibt es keine Hei­lungs­chance.

Ingessons Kar­riere ver­lief mär­chen­haft

Der aus Süd­schweden stam­mende Mit­tel­feld­spieler war nicht mit über­ra­gender Technik gesegnet, doch er war ein außer­ge­wöhn­li­cher Athlet, der noch rackerte und rannte, wenn andere längst auf­ge­geben hatten. Er spielte für IFK Göte­borg, KV Mechelen, PSV Eind­hoven, Shef­field Wed­nesday, Olym­pique Mar­seille sowie in Ita­lien für Bari, Bologna und Lecce. Par­allel dazu ackerte er ein Jahr­zehnt lang im Mit­tel­feld der schwe­di­schen Natio­nalelf, wo es ihm nach und nach gelang, das anfangs skep­ti­sche Publikum zu über­zeugen.

Am Ende war er ein Kult­spieler mit dem lie­be­vollen Spitz­namen Klabbe“. Seinen größten Erfolg im Natio­nal­trikot fei­erte er mit dem dritten Platz bei der WM 1994. Weil Tomas Brolin auf der rechten Seite alle Frei­heiten genoss, war Ingesson auf der linken für die Fleiß­ar­beit zuständig. Trotz der Hitze in den USA spielte er das ganze Tur­nier hin­durch über­ra­gend.

Die Dia­gnose kam urplötz­lich

2001 been­dete Ingesson seine aktive Lauf­bahn. Das erste Jahr danach war schwierig, wie er heute zugibt: Als ich noch spielte, rief mich ständig Hans Linné, ein Jour­na­list von Expressen‘, mitten in der Nacht an. Dann habe ich ihn ange­schnauzt. Im ersten Jahr nach meinem Rück­tritt lag ich nachts um halb zwei wach und dachte: Wie schön wäre es, wenn Linné jetzt anriefe!‘“

Auf Anraten seiner Frau kehrte er zu seinem Stamm­verein zurück, dem Fünft­li­gisten Ödeshög, dessen Trainer er schließ­lich wurde. Dann kam die Krebs­dia­gnose.

Ingesson hatte seit Monaten unter Rücken­schmerzen gelitten, bevor er end­lich einen Arzt auf­suchte. Dort erhielt er die Nach­richt, die sein Leben für immer ver­än­derte: Viele Men­schen in meiner Familie hatten Krebs, für mich war das Wort gleich­be­deu­tend mit dem Tod. Doch als der erste Schock ver­daut war, habe ich mich ent­schlossen zu kämpfen.“

Mitt­ler­weile hat er zwei Stamm­zell­trans­plan­ta­tionen hinter sich. Die Erkran­kung, sagt er, habe seine Prio­ri­täten kom­plett umge­dreht. Vor dem Krebs habe ich ein ego­is­ti­sches Leben geführt, in dem der Fuß­ball das Wich­tigste war. Jetzt zählt nur noch die Familie, und alles, was ich zuvor als selbst­ver­ständ­lich erach­tete, hat einen viel höheren Stel­len­wert.“

Der Fuß­ball hat geholfen – und wie

Es gibt keine Hei­lung für ein Mul­ti­ples Myelom, aber heut­zu­tage zumin­dest Hoff­nung. Dank neuer Medi­ka­mente und Behand­lungs­mög­lich­keiten über­leben 37 Pro­zent der Pati­enten nach der Dia­gnose fünf Jahre oder länger. Es ist jetzt fünf Jahre her, dass Ingesson den schlimmsten Tag seines Lebens erlebt hat, doch er denkt nicht daran auf­zu­geben.

Dabei hat ihm trotz allem auch der Fuß­ball geholfen. Im Sep­tember letzten Jahres betreute Ingesson eines der Jugend­teams von Elfs­borg, als der Trainer der Profis gefeuert wurde. Ingesson ließ sich über­reden, den Job anzu­nehmen.

Ich möchte, dass sie auf­richtig mit mir umgehen“

Weil sich schnell her­aus­stellte, dass dies wegen seiner Krank­heit nicht ein­fach war, wurde ihm im Winter Janne Mian als Partner zur Seite gestellt. Anfangs bewegte sich Ingesson auf Krü­cken, dann benö­tigte er einen Rol­lator. Im Februar haben ihm die Ärzte schließ­lich einen Roll­stuhl ver­ordnet. Ich habe diese Scheiße am Hals, so ist es nun mal“, sagt er.

Das Erste, was ich meinen Spie­lern gesagt habe, ist, dass ich kein Mit­leid will. Ich möchte, dass sie auf­richtig mit mir umgehen.“ Es besteht kein Zweifel, dass er sich schwer tut. Die Kno­chen in seinem Körper sind porös, das Risiko eines Bruchs ist hoch. Trotzdem besteht er darauf, wie jeder andere Trainer in der Liga behan­delt zu werden.

Ein schwe­di­scher Jour­na­list schrieb einmal, Ingesson sei mit geballter Faust auf die Welt gekommen. Klas Ingesson selbst hat ange­kün­digt, wei­ter­zu­ma­chen, bis alles vorbei ist“. Es gibt nie­manden, der daran zwei­felt.