Herr Berger, Otto Reh­hagel hat Sie 1983 erst nach Infor­ma­tionen über Lok Leipzig aus­fragt und anschlie­ßend zum Dank ins Weser­sta­dion ein­ge­laden. Sie lehnten ab. Warum?

Ich hätte mich damit zur Ziel­scheibe für die Stasi gemacht. So offensiv wollte ich mich dem DDR-System nicht prä­sen­tieren.



Reh­hagel hat das damals aller­dings über­haupt nicht ver­standen.


Otto hat nie geglaubt, dass der Arm der Stasi bis nach Bremen rei­chen würde, dass die Stasi in West­deutsch­land für mich eine Gefahr dar­stellen könnte.

Hätten Sie ihm das nicht erklären können? Gründe gab es doch genug.

Otto hätte mich nicht ver­standen! Als ich meine Pro­ble­matik vor­sichtig andeu­tete, hat er gesagt: »Du bist doch im Westen, was soll dir schon pas­sieren?« Mit Erklä­rungen habe ich mich lange zurück­ge­halten. Bis zu meiner Ein­sicht in die Stasi-Akten. Selbst meine Frau, die ich ja im Westen kennen gelernt hatte, hat mich manchmal gefragt: »Jörg, lei­dest du schon unter Ver­fol­gungs­wahn?« Später hat sie sich dafür ent­schul­digt.

Sie haben sich ins­ge­samt also sehr bedeckt gehalten?


Ich habe es zumin­dest immer ver­sucht. Anders als Lutz Eigen­dorf, der sich sehr pro­vo­kant insze­niert hat. Wenn Ost-Ver­eine in West­deutsch­land gespielt haben, ist Lutz mit seinem großen Schlitten vor­ge­fahren und hat – über­spitzt for­mu­liert – mit den großen Scheinen gewe­delt. Der Erfolg von »Repu­blik­flücht­lingen« wie Lutz und mir war ein rotes Tuch für das DDR-Regime. Jedes Mal, wenn die uns gesehen haben, war das eine per­sön­liche Nie­der­lage. Ein Ver­räter, der im Westen gefeiert wird? Eine Kata­strophe!

Wann wurde Ihnen bewusst, dass die Stasi auch im Westen hinter Ihnen her war?

Eigent­lich schon in der deut­schen Bot­schaft in Bel­grad, nach meiner Flucht aus Subo­tica. Man sagte mir, in ganz Jugo­sla­wien werde bereits nach mir gefahndet. So wichtig hatte ich mich dann doch nicht ein­ge­schätzt. Im Auf­nah­me­lager in Gießen wurde ich stun­den­lang vom BND und der CIA ver­hört. Da ist mir erst klar geworden, wie ris­kant meine Flucht war, wel­cher rie­sige Partei-Apparat dahinter steckt. Nach einer Woche in West­deutsch­land wurde ich vom MfS (Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit, Anm. d. Red.) unter Druck gesetzt. Vor meiner Flucht war ich mir sicher gewesen, im Westen die ganze DDR-Ver­gan­gen­heit abzu­schüt­teln.

Hätten Sie nicht auch ein­fach Sport­lehrer auf dem Land werden können?


Dass ich Bun­des­liga-Trainer werde, hätte ich ja nie gedacht. Im Nach­hinein wäre mein Fall bei der Stasi dann sicher­lich schnell ver­gessen gewesen. Nur dachte ich damals: Je erfolg­rei­cher und popu­lärer du wirst, desto weniger traut sich die DDR an dich heran! Ich habe die Stasi unter­schätzt. So lange, bis das mit Lutz Eigen­dorf pas­sierte.

Als Eigen­dorf starb, haben Sie gleich gedacht: Das war Mord?

Sofort. Ich war im Sta­dion, als in der Halb­zeit ein Jour­na­list zu mir kommt und sagt: »Jörg, der Eigen­dorf ist tot.« Ich frage: »Wie und wo?« – »Mit dem Auto. In Braun­schweig.« Danach habe ich zu meiner Frau gesagt: »Jetzt muss ich noch mehr auf­passen. Denen ist alles zuzu­trauen.«

Was haben Sie kon­kret unter­nommen?

Mein Auto häu­figer warten lassen. Reifen prüfen, die Brems­lei­tung unter­su­chen. Mir fiel auf, wie oft meine Reifen zer­sto­chen waren. Einmal ist mir bei Tempo 160 das Rad abge­fallen. Das war kein Zufall.

In einem Stasi-Ein­trag über Eigen­dorfs Tod heißt es: »Eigen­dorf ver­blitzt.« Warum war er zur Ziel­scheibe geworden?

Lutz war ein Eigen­brötler, sehr von sich ein­ge­nommen und ziem­lich unbe­dacht. Er hat dieses schick­sal­hafte Inter­view für »Kenn­zei­chen D« direkt vor der Ber­liner Mauer gegeben, im Hin­ter­grund sah man das Sta­dion vom BFC. Ich war einen Tag vorher da und sollte mich eben­falls vor der Mauer befragen lassen. »Das könnt ihr gleich wieder ver­gessen«, habe ich gesagt. Lutz hat es gemacht. Das war quasi eine Auf­for­de­rung an alle Ost-Fuß­baller: Folgt mir in die Frei­heit! Ich habe ihn gewarnt: »Lutz, so kannst du die nicht weiter pro­vo­zieren, sonst bekommst du irgend­wann einen Knüppel auf den Kopf!«

1986 bekamen Sie keinen Knüppel auf den Kopf, son­dern wurden ver­giftet.

Ich war inzwi­schen Trainer bei Hessen Kassel und litt plötz­lich unter Läh­mungen. Zuerst wurde der Fuß taub, dann das Bein und die Hände. Alles war wie abge­storben. Ver­mut­lich eine Schwer­me­tall-Ver­gif­tung, irgendwas wurde mir auf jeden Fall ins Essen getan.

Wie hat der Westen darauf reagiert?

Das wurde schnell unter den Tisch gekehrt. Der Tod von Eigen­dorf, meine Ver­gif­tung: das hätte die diplo­ma­ti­schen Bezie­hungen zur DDR nur gestört. Offi­ziell sollte ich vom BND abge­schirmt werden, später habe ich in meinen Stasi-Akten gelesen, dass die Mielke-Behörde tat­säch­lich über jeden meiner Schritte in West­deutsch­land Bescheid wusste.

Wie haben Sie das Ende der DDR erlebt?

Das Regime war für mich gestorben, die DDR abge­hakt, nicht aber die Men­schen. Meine gesamten Erspar­nisse hätte ich darauf ver­wettet, dass die Grenze nie­mals wieder geöffnet werden würde. Als die Mauer fiel, war das für mich der poli­tisch bewe­gendste Moment in meinem Leben. Ich dachte: Was ist denn jetzt pas­siert? Was hat das für Folgen? Ich habe geheult, ich habe geju­belt. Und wieder geheult. Andere haben Cham­pa­gner getrunken.

Nach der Wende sind viele Ex-»Genossen« in neuen Ämtern auf­ge­taucht, auch im Fuß­ball. Sie beschreiben die Szene, als Sie Wolf­gang Riedel wieder sehen …


… aus­ge­rechnet den Mann, der mich als Leiter unserer Ver­bands­de­le­ga­tion in Jugo­sla­wien nach meiner Flucht durch das ganze Land gejagt hatte. Ein abso­luter Hard­liner. 100 Pro­zent SED-treu. Der läuft mir auf der Treppe in der Otto-Fleck-Schneise ent­gegen, Riedel war inzwi­schen beim DFB gelandet. Hätte ich dem zwölf Jahre vorher gesagt, wie toll der DFB ist, wäre meine Kar­riere beendet gewesen. Wenn meine Frau nicht dabei gewesen wäre, ich hätte mich auf den gestürzt! Nach der Wende hat man sich im Fuß­ball nicht genü­gend um Auf­klä­rung bemüht. Sie glauben doch nicht, dass jemand vom DFB wieder eine ähn­liche Posi­tion im DDR-Ver­band bekommen hätte?

Hätten Sie die Ver­bands­füh­rung nicht auf­klären können?

Wie denn? Damals hatte ich doch noch gar keine hand­festen Beweise. Die fielen mir erst später in die Hand, bei der Ein­sicht in meine Sta­si­akten. Mir hätte direkt nach der Wende kein Mensch geglaubt.