Seite 2: „Es wurde schwer für mich, dagegen anzukämpfen“

Der BVB ver­pflich­tete Sie ja nicht nur wegen ihrer tadel­losen Ein­stel­lung.
Wenn es um Tore und Assists geht, konnte ich die Erwar­tungen in Dort­mund nicht erfüllen, das weiß ich selbst. Und ich weiß auch, dass es schlechte Phasen gab. Aber zur Wahr­heit gehört auch, dass ich in Dort­mund so oft mit Ver­let­zungen zu kämpfen hatte wie noch nie zuvor in meiner Kar­riere. Trotzdem hatte ich auch gute und schöne Momente beim BVB. Mit den tollen Zuschauern, mit wich­tigen Toren wie gegen Madrid, mit inten­siven Spielen und mit neuen Freunden, die ich gewonnen habe.

Ist die Leihe nach Fulham eine Flucht?
Ich habe als Natio­nal­spieler doch längst bewiesen, was ich leisten kann, wenn man mir ver­traut. Und ich habe in Wolfs­burg bewiesen, dass ich mich aus einem Loch her­aus­ziehen kann, wenn man mir die nötige Zeit gibt. Zuletzt wurde es aber schwer für mich, gegen nega­tive Stim­mungen anzu­kämpfen. Unter dem Strich war es kon­se­quent, die Mög­lich­keit für einen Wechsel zu nutzen.

Als es für Sie im Jahr 2009 rasant bergauf ging, haben Sie jeden Artikel über sich gelesen. Wie ist es heute?
Dieses Ver­halten kann man sich leider nicht so leicht abge­wöhnen. Dem­entspre­chend habe ich auch einiges an nega­tiven Äuße­rungen mir gegen­über mit­be­kommen. Man lernt damit umzu­gehen und ver­sucht, bestimmte Kom­men­tare – gerade in den sozialen Netz­werken – nicht per­sön­lich zu nehmen.

Dort wurden Sie als Witz­figur“ oder Voll­gurke“ bezeichnet. Unter einem Wer­be­foto, auf dem Sie mit neuen Fuß­ball­schuhen posieren, ver­glich Sie ein Nutzer mit einem Veganer, der für Gehacktes wirbt.
Solche Sprüche sind nicht schön und haben auch dazu geführt, dass ich mich in den sozialen Medien zurück­ge­nommen habe. Ande­rer­seits muss man ver­stehen, dass solche Leute sich auf Kosten anderer anonym lustig machen wollen und sich dabei scheinbar gut fühlen. Umso wich­tiger sind mir die Fans, die mich unter­stützen, die mich aber auch sach­lich kri­ti­sieren können.

Fühlten Sie sich respektlos behan­delt?
Respektlos ist ein großes Wort. Aber wenn es schlecht läuft oder einer dich auf dem Kieker hat, gehen Kom­men­tare und Zitate durchaus ins Respekt­lose. In den sozialen Medien und im Schutz der Anony­mität ist der Anteil natür­lich ungleich höher. Aber es gehört auch zur Ent­wick­lung, Dinge aus­zu­blenden. Man weiß, dass es immer nur bestimmte Gruppen sind, die dich treffen wollen. Gruppen, die nicht wichtig sind.

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Luca Sage

In Fulham fliegen Ihnen die Herzen dagegen förm­lich zu. Und das, obwohl Sie früher für den Rivalen Chelsea gespielt haben, dessen Sta­dion nur fünf Minuten ent­fernt liegt.
Als ich im Sommer gemeinsam mit meiner Ver­lobten in Fulham Häuser ange­schaut habe, lernte ich viele Fans kennen. Men­schen, die ihre Sai­son­ti­ckets und ihre Liebe zum Klub seit Genera­tionen wei­ter­ver­erben. Die haben mir gedankt, dass ich für ihren Verein spiele. Das war für mich sehr wichtig und ein beson­deres Gefühl. Egal, ob vor oder nach einem Spiel – sie geben dir das Gefühl: Ich bin ihr Spieler, ich gehöre dazu. Sie danken einem für den Ein­satz und wün­schen dir viel Erfolg für das nächste Spiel.

Craven Cot­tage ist eines der ältesten Sta­dien im Pro­fi­fuß­ball, die Holz­tri­büne wurde 1905 gebaut, die Umklei­de­ka­binen sind in einer alten Jagd­hütte unter­ge­bracht. Bei Chelsea und Dort­mund war mehr Lametta.
Als ich das erste Mal nach Fulham kam, spielte ich noch für Chelsea. Wir kamen am Craven Cot­tage an und ich dachte nur: Leck’ mich am Arsch.“

Warum?
Für den Mann­schaftsbus gab es auf dem kleinen Gelände keinen Park­platz, also mussten wir draußen auf der Straße halten. Und in der win­zigen Gäs­te­ka­bine konnten wir Spieler nicht mal richtig sitzen, dau­ernd stießen wir mit den Knien anein­ander. Die Mas­sa­ge­bänke wurden in der Dusche auf­ge­baut, weil es sonst zu eng geworden wäre. Damals war Früh­ling, draußen wurde es end­lich etwas wärmer, und trotzdem war es in der Kabine bit­ter­kalt. Da wusste ich: Das wird kein ange­nehmes Spiel.