Seite 5: „Wir waren on top of the world“

Nach dem Pokal­sieg sagten Sie den Confed Cup wegen einer Ver­let­zung ab, seitdem spielen Sie in der Natio­nal­mann­schaft keine Rolle mehr. Wann haben Sie zuletzt mit Joa­chim Löw gespro­chen?
Ich habe ihn zwar neu­lich in London bei einer Fifa-Gala kurz gesehen, aber dort haben wir nicht mit­ein­ander gespro­chen. Das letzte rich­tige Gespräch führten wir im Herbst 2017. Wir haben auch vor der Welt­meis­ter­schaft nicht mit­ein­ander geredet, was ich schade fand, weil meine Rück­runde unter Peter Stöger gut lief. Ich habe zwölf oder drei­zehn Spiele am Stück gemacht, Tore geschossen und vor­be­reitet. Aber mein Gefühl hat mir von Anfang an gesagt, dass ich nicht dabei sein würde.

Wie haben Sie die Welt­meis­ter­schaft ver­folgt?
Im Urlaub.

2010 ver­folgten Sie das Tur­nier noch zusammen mit Lewis Holtby beim Public Viewing in Mainz.
Ich war die ganze Zeit im Aus­land unter­wegs. Abge­sehen von den Top­spielen habe ich nur unsere Spiele ver­folgt.

Konnten Sie zurück in die Rolle als Fan schlüpfen?
Schon. Aber es war eine neue Erfah­rung für mich, das Ganze vor dem Fern­seher zu betrachten. Ich habe richtig mit­ge­fie­bert. Ich wollte unbe­dingt, dass die Jungs ihre Spiele gewinnen.

Das hat nicht funk­tio­niert. Woran lag es? Fort­nite?
Das ist der größte Schwach­sinn! Wenn ich lese, dass die Jungs raus­ge­flogen sind, weil bis um ein Uhr gezockt wurde und einer gar eine Shisha ein­ge­packt hatte, dann lache ich mich kaputt. Das pas­siert in jeder Mann­schaft, das gab es auch bei uns 2014.

2014 lief es aber deut­lich besser. Damals schlugen Sie die Flanke auf Mario Götze vor dessen Siegtor im WM-Finale. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass dieser Moment Ihrer Kar­riere geschadet hat?
Nein. Ich konnte bei dem Tur­nier und mit der Flanke Geschichte schreiben. Darauf werde ich für immer stolz sein. Des­wegen bin ich Jogi Löw auch auf ewig dankbar. Er hat mir die Chance gegeben, diesen Moment zu erleben.

Macht Ihnen als Wett­kämpfer der Gedanke Angst, dass Ihr Kar­rie­re­hö­he­punkt höchst­wahr­schein­lich schon hinter Ihnen liegt?
Dar­über habe ich mir viele Gedanken gemacht. Beim WM-Finale war ich erst 23 Jahre alt. Und es wird für mich in Zukunft schwer bis unmög­lich, diese Art Hoch­ge­fühl jemals wieder zu errei­chen. Wir waren damals mit einer Gruppe aus Freunden on top of the world. Die nächsten zwei, drei Jahre war mir nicht bewusst, dass es nicht höher geht. Aber wenn ich dar­über nach­denke, würde ich es nicht ver­schieben wollen. Ich kann doch froh sein, dass es in meiner Kar­riere über­haupt diesen per­fekten Moment gab. Warum sollte ich des­wegen also Sorgen haben? Ich durfte die schönste Tro­phäe, die ich je gesehen habe, in meinen Händen halten und küssen. Das ist ein unglaub­li­ches Pri­vileg.

Waren die Erwar­tungen an Sie nach der WM über­zogen?
Die Erwar­tungen stellte ich ja in erster Linie an mich selber. Als ich nach der WM zurück zu Chelsea kam, dachte ich: Junge, jetzt reißt du hier die Hütte ab.“ Mein Stan­ding war gleich ein ganz anderes. Wie Mour­inho auf einmal mit mir gespro­chen hat, das war ein großer Unter­schied zur Zeit vor der WM. Er hielt zwar immer schon viel von mir, aber nach dem Tur­nier war ich für ihn ein echter Gewin­nertyp. Ein Kerl, den er jetzt auch ganz anders for­derte. Also wollte ich unbe­dingt auf das nächste Level, ich wollte durch­powern. Gleich­zeitig hatte ich davor kaum Urlaub gehabt, nach einem Erlebnis wie der WM fällt man auch mental auto­ma­tisch in ein Loch. Als es in den Monaten danach nicht rund lief, hat mich das schnell wieder zurück auf den Boden geholt.

Ist das Thema Natio­nal­mann­schaft für Sie erle­digt?
Ich kon­zen­triere mich jetzt nur auf mich und den FC Fulham. Aber für Deutsch­land zu spielen, ist immer eine große Ehre.