Seite 4: „Was ist los? Wieder ein Anschlag?“

Thomas Tuchel galt als Ihr größter För­derer. Unter ihm wurden Sie in Mainz A‑Ju­gend-Meister, dann Profi und später Natio­nal­spieler.
Auch danach sind wir durch­gängig in Kon­takt geblieben. Als ich zu Chelsea ging, als ich für Lever­kusen spielte, wir haben uns immer regel­mäßig geschrieben. Als er mich dann 2016 anrief, schil­derte ich ihm meine Bedenken: Wieder würde ein Verein extrem viel Geld für mich aus­geben …

Ins­ge­samt legten Ver­eine fast 100 Mil­lionen Euro für Sie auf den Tisch. Allein der BVB zahlte 30 Mil­lionen Ablöse.
Des­halb sagte ich zu Thomas: Die Erwar­tungen an mich werden wegen des Preises sehr hoch sein. Das war für mich schon in Wolfs­burg nicht leicht zu ver­ar­beiten.“ Doch Tuchel machte mir den Wechsel schmack­haft. Und am Ende sagte mir mein Kopf: Das musst du machen.

Wie machte er Ihnen den Wechsel schmack­haft?
Das ganze Paket war ein­fach zu ver­lo­ckend. Ich war bei einem Trainer, der stets auf mich ver­traut und sich immer wieder nach mir erkun­digt hatte. Ich ging zu einem Verein, der Erfolg quasi garan­tiert und der Euphorie ent­fa­chen kann. Und dann sollte auch noch genau der Stil gespielt werden, der mir liegt. Der Anfang war sen­sa­tio­nell. Ich habe mich kör­per­lich gut gefühlt, die ersten Spiele liefen top. Danach war ich wegen einer Ver­let­zung für sechs Wochen raus und plötz­lich hinten dran. So etwas gab es vorher in meiner Kar­riere nie. So lange aus­fallen, oft nur auf der Bank sitzen, das war neu für mich.

Hat sich Ihr Ver­hältnis zu Thomas Tuchel in dieser Zeit ver­än­dert?
Ja. Aber wahr­schein­lich war von meiner Seite aus auch zu viel Wunsch­denken dabei. Ich dachte, unser Ver­hältnis wäre wie in Mainzer Zeiten. Ich kenne ihn ja, seit ich 17 Jahre alt bin. Aber es ist Pro­fi­fuß­ball. Ich war nicht mehr der Spieler, den er aus Mainz kannte, und er war nicht mehr der Trainer, den ich damals ken­nen­ge­lernt hatte. Irgend­wann war ich nicht mehr seine erste Wahl.

Ist auf diesem Level kein Platz für Freund­schaft?
Es ist auf alle Fälle schwer. Der Druck ist so hoch, dass Trainer keine Rück­sicht auf per­sön­liche Ver­bun­den­heit nehmen können. Das war bei José Mour­inho genauso, er stellt knall­hart nach Leis­tung auf. Egal wie groß die Ver­dienste eines Spie­lers sind.

Haben Sie jetzt noch Kon­takt zu Thomas Tuchel?
Sehr wenig. Als sein Wechsel zu Paris fest­stand, haben wir kurz mit­ein­ander geschrieben, und zum Geburtstag haben wir uns gra­tu­liert.

Zwi­schen Thomas Tuchel und Hans-Joa­chim Watzke kam es spä­tes­tens nach dem Bom­ben­an­schlag auf den Dort­munder Mann­schaftsbus zum öffent­li­chen Bruch. Wie haben Sie den 11. April 2017 erlebt?
Ich war ver­letzt und habe in der Kabine auf die Mann­schaft gewartet. Plötz­lich kam Michael Zorc rein, er tele­fo­nierte, und ich schnappte nur Wort­fetzen auf, irgend­etwas von einer Explo­sion, von Bomben. Es war kom­plett sur­real. Ich habe dann sofort die Jungs ange­schrieben. Sie erzählten, dass sie auf der Straße stehen würden und keiner wisse, was los sei. Es habe einen Knall gegeben, die Fenster seien zer­borsten und Marc (Marc Bartra, d. Red.) ver­letzt ins Kran­ken­haus gefahren worden. Eine Extrem­si­tua­tion. Vor allem, weil keiner genau wusste, was genau pas­siert war und ob die Gefahr vor­über ist.

Für Sie nicht das erste Erlebnis dieser Art.
Bei den Ter­ror­an­schlägen 2015 in Paris saß ich im Stade de France auf der Bank. Ich habe die Druck­welle gespürt. Damals habe ich den Knall noch nicht mit einem Anschlag asso­zi­iert. Wenn heut­zu­tage ein Böller in die Luft geht oder es einen lauten Knall gibt, rasen meine Gedanken sofort. Was ist los? Wieder ein Anschlag? Solche Erleb­nisse brennen sich in dein Gedächtnis ein, ob du es willst oder nicht. Von den Erzäh­lungen der Jungs weiß ich: Auch der Anschlag auf den Mann­schaftsbus wirkte trau­ma­ti­sie­rend auf sie. Ich kann mir gut vor­stellen, wenn sie heute in den Bus steigen und an der Stelle vor­bei­fahren, wo die Bomben explo­dierten, gehen alle Blicke ins Gebüsch. Und jeder ist froh, wenn der Bus heil vor­bei­ge­fahren ist. Solche Gedanken wünscht man keinem.

Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass am nächsten Tag gespielt wird?
Noch am Abend traf sich der Mann­schaftsrat mit den Ver­ant­wort­li­chen. Kurz darauf haben wir erfahren, dass das Spiel schon am nächsten Tag statt­finden soll. Die Reak­tion war bei allen Spie­lern gleich, damit hatte keiner gerechnet. Ich glaube, der Groß­teil der Mann­schaft war nicht ansatz­weise in der Lage, auf dem Platz zu stehen und ein Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale zu spielen.

Es gibt Psy­cho­logen, die die sport­liche Krise unter Peter Bosz ein halbes Jahr nach dem Anschlag mit post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rungen erklären. Was denken Sie?
In den ersten Wochen der neuen Saison flog das Team über die Liga hinweg, es gelang uns alles. Und plötz­lich hörte es auf. Wir ver­loren Spiele, alle dachten auto­ma­tisch viel mehr nach. Bei einigen Spie­lern hat das viel­leicht auch Dinge tief im Inneren auf­ge­wühlt. Ande­rer­seits gewannen wir andert­halb Monate später den DFB-Pokal. Eine sen­sa­tio­nelle Leis­tung.