André Schürrle hört auf

Vor zwei Tagen hatte André Schürrle seinen Ver­trag bei Borussia Dort­mund auf­ge­löst, heute folgte die über­ra­schende Nach­richt: Mit 29 Jahren beendet der Welt­meister von 2014 seine Pro­fi­kar­riere. Schon als wir ihn Ende 2018 in London zum Gespräch trafen, war sein Blick auf den Fuß­ball von kri­ti­scher Distanz geprägt. Aller­dings mischte sich in diesen Blick auch immer wieder vor­sich­tiger Opti­mismus. Damals war er gerade zum FC Fulham in die Pre­mier League aus­ge­liehen worden und hatte eine starke Hin­runde hinter sich, kur­zeitig wirkte es so, als hätte er sein Glück in Eng­land gefunden. Doch am Sai­son­ende stieg er mit Fulham aus der Pre­mier League ab, danach folgte eine wei­tere Leihe, diesmal nach Russ­land zu Spartak Moskau. Seit heute ist klar: Einen wei­teren Neu­an­fang wird es nicht geben. Hier lest ihr das Inter­view, das erst­mals in 11FREUNDE #205 im November 2018 erschienen ist.

André Schürrle, früher liebten Sie sehr teure und sehr schnelle Autos. Wann haben Sie zuletzt zuge­schlagen?
Das ist ewig her. Das Inter­esse ist inzwi­schen abge­flacht.

Weil Autos auf Dauer lang­weilig wurden und Sie jetzt in Yachten machen?
Nein, dafür ist auch bei mir das Geld zu knapp. (Lacht.) Als Jung­profi habe ich auf einen Schlag extrem viel Geld ver­dient. Damals wollte ich alles mit­nehmen, schnelle Autos, teure Schuhe, ich konnte mir ja fast alles leisten. Mitt­ler­weile sind mir solche Dinge nicht mehr wichtig. Ich habe fest­ge­stellt, dass sie mich nicht glück­li­cher machen.

Sie gelten als Fami­li­en­mensch, haben keine voll­tä­to­wierten Arme und noch nie in eine Hotel­lobby gepin­kelt. Wäre man gemein, könnte man sagen: Ihnen fehlt es an Ecken und Kanten. Brau­chen Sie end­lich einen hand­festen Skandal?
Bloß nicht. Aber klar, ich hätte in meiner Kar­riere pro­blemlos mehr Auf­merk­sam­keit erregen können. Hier ein gezieltes Inter­view, dort ein kurioses Outfit. Aber ich wollte stets so rüber­kommen, wie ich wirk­lich bin. Ich habe mehr Freude daran, Ver­eine durch die Vor­dertür zu ver­lassen. Das ist mir bisher gelungen. Und ich möchte auch wei­terhin, dass die Men­schen mich als höf­li­chen und netten Kerl in Erin­ne­rung behalten.

Wenn Sie auf Luxus keinen Wert mehr legen, was brau­chen Sie dann?
Ich brauche meine Ver­trauten, meine Ver­lobte, meine engen Freunde. Am besten rund um die Uhr um mich herum. Ich bin nicht gerne län­gere Zeit alleine. Gute Gespräche, Bei­sam­men­sein, das sind Dinge, die mir heute wich­tiger sind.

Warum wollten Sie dann im Sommer 2018 unbe­dingt weg aus Deutsch­land?
Weil ich das Gefühl hatte, zur Ziel­scheibe zu werden. Bestimmte Medien haben sehr häufig negativ über mich berichtet, bei man­chen Fans schlug die Stim­mung mir gegen­über auch des­wegen um. Die aller­meisten Fans standen zwar hinter mir, trotzdem wollte ich wieder mehr Ruhe für mich und mein Umfeld finden.

Auch BVB-Boss Hans-Joa­chim Watzke kri­ti­sierte Sie. In einem Inter­view mit der Welt“ sagte er Anfang des Jahres, dass der Verein unzu­frieden mit Ihnen sei. Außerdem hätten Sie nicht nur in Dort­mund nicht funk­tio­niert“.
Damit kein fal­scher Ein­druck ent­steht: Ich habe viele groß­ar­tige Momente in Deutsch­land erlebt, konnte hier Erfolge feiern und habe eine große Fan­ge­meinde, die mir den Rücken stärkt. Ich fühlte und fühle mich in Deutsch­land wohl, das gilt auch für Dort­mund. Letzt­lich wollte ich aber die ständig hohen und über­zo­genen Erwar­tungen, die nega­tiven und ober­fläch­li­chen Ein­schät­zungen und Mei­nungen und die – zumin­dest emp­fand ich es so – teils man­gelnde per­sön­liche Wert­schät­zung hinter mir lassen. Des­wegen bin ich nach Fulham gewech­selt.

Was denken die Men­schen in Eng­land über Sie?
Sie hono­rieren, dass ich viel geleistet habe. Und Sie erkennen an, dass ich immer alles gebe. Vor allem Zweites spielte in Deutsch­land bei meiner Beur­tei­lung zuletzt kaum eine Rolle.

Ihr Ex-Trainer Dieter Hecking sagte: Er grü­belt zu viel.“
Richtig ist, dass ich mich immer hin­ter­fragt habe. Manchmal habe ich mir viel­leicht auch zu viele Gedanken gemacht. Aber ich war nie lustlos, egal ob ich ver­letzt war, ob ich auf die Bank musste oder auf dem Platz stand. Meine Ein­stel­lung hat immer gestimmt.

Der BVB ver­pflich­tete Sie ja nicht nur wegen ihrer tadel­losen Ein­stel­lung.
Wenn es um Tore und Assists geht, konnte ich die Erwar­tungen in Dort­mund nicht erfüllen, das weiß ich selbst. Und ich weiß auch, dass es schlechte Phasen gab. Aber zur Wahr­heit gehört auch, dass ich in Dort­mund so oft mit Ver­let­zungen zu kämpfen hatte wie noch nie zuvor in meiner Kar­riere. Trotzdem hatte ich auch gute und schöne Momente beim BVB. Mit den tollen Zuschauern, mit wich­tigen Toren wie gegen Madrid, mit inten­siven Spielen und mit neuen Freunden, die ich gewonnen habe.

Ist die Leihe nach Fulham eine Flucht?
Ich habe als Natio­nal­spieler doch längst bewiesen, was ich leisten kann, wenn man mir ver­traut. Und ich habe in Wolfs­burg bewiesen, dass ich mich aus einem Loch her­aus­ziehen kann, wenn man mir die nötige Zeit gibt. Zuletzt wurde es aber schwer für mich, gegen nega­tive Stim­mungen anzu­kämpfen. Unter dem Strich war es kon­se­quent, die Mög­lich­keit für einen Wechsel zu nutzen.

Als es für Sie im Jahr 2009 rasant bergauf ging, haben Sie jeden Artikel über sich gelesen. Wie ist es heute?
Dieses Ver­halten kann man sich leider nicht so leicht abge­wöhnen. Dem­entspre­chend habe ich auch einiges an nega­tiven Äuße­rungen mir gegen­über mit­be­kommen. Man lernt damit umzu­gehen und ver­sucht, bestimmte Kom­men­tare – gerade in den sozialen Netz­werken – nicht per­sön­lich zu nehmen.

Dort wurden Sie als Witz­figur“ oder Voll­gurke“ bezeichnet. Unter einem Wer­be­foto, auf dem Sie mit neuen Fuß­ball­schuhen posieren, ver­glich Sie ein Nutzer mit einem Veganer, der für Gehacktes wirbt.
Solche Sprüche sind nicht schön und haben auch dazu geführt, dass ich mich in den sozialen Medien zurück­ge­nommen habe. Ande­rer­seits muss man ver­stehen, dass solche Leute sich auf Kosten anderer anonym lustig machen wollen und sich dabei scheinbar gut fühlen. Umso wich­tiger sind mir die Fans, die mich unter­stützen, die mich aber auch sach­lich kri­ti­sieren können.

Fühlten Sie sich respektlos behan­delt?
Respektlos ist ein großes Wort. Aber wenn es schlecht läuft oder einer dich auf dem Kieker hat, gehen Kom­men­tare und Zitate durchaus ins Respekt­lose. In den sozialen Medien und im Schutz der Anony­mität ist der Anteil natür­lich ungleich höher. Aber es gehört auch zur Ent­wick­lung, Dinge aus­zu­blenden. Man weiß, dass es immer nur bestimmte Gruppen sind, die dich treffen wollen. Gruppen, die nicht wichtig sind.

0 H1 A2059 RZ
Luca Sage

In Fulham fliegen Ihnen die Herzen dagegen förm­lich zu. Und das, obwohl Sie früher für den Rivalen Chelsea gespielt haben, dessen Sta­dion nur fünf Minuten ent­fernt liegt.
Als ich im Sommer gemeinsam mit meiner Ver­lobten in Fulham Häuser ange­schaut habe, lernte ich viele Fans kennen. Men­schen, die ihre Sai­son­ti­ckets und ihre Liebe zum Klub seit Genera­tionen wei­ter­ver­erben. Die haben mir gedankt, dass ich für ihren Verein spiele. Das war für mich sehr wichtig und ein beson­deres Gefühl. Egal, ob vor oder nach einem Spiel – sie geben dir das Gefühl: Ich bin ihr Spieler, ich gehöre dazu. Sie danken einem für den Ein­satz und wün­schen dir viel Erfolg für das nächste Spiel.

Craven Cot­tage ist eines der ältesten Sta­dien im Pro­fi­fuß­ball, die Holz­tri­büne wurde 1905 gebaut, die Umklei­de­ka­binen sind in einer alten Jagd­hütte unter­ge­bracht. Bei Chelsea und Dort­mund war mehr Lametta.
Als ich das erste Mal nach Fulham kam, spielte ich noch für Chelsea. Wir kamen am Craven Cot­tage an und ich dachte nur: Leck’ mich am Arsch.“

Warum?
Für den Mann­schaftsbus gab es auf dem kleinen Gelände keinen Park­platz, also mussten wir draußen auf der Straße halten. Und in der win­zigen Gäs­te­ka­bine konnten wir Spieler nicht mal richtig sitzen, dau­ernd stießen wir mit den Knien anein­ander. Die Mas­sa­ge­bänke wurden in der Dusche auf­ge­baut, weil es sonst zu eng geworden wäre. Damals war Früh­ling, draußen wurde es end­lich etwas wärmer, und trotzdem war es in der Kabine bit­ter­kalt. Da wusste ich: Das wird kein ange­nehmes Spiel.

Liegt Ihnen der feh­lende Kom­fort? In dem Spiel erzielten Sie gleich drei Tore.
Die Chelsea-Fans sangen minu­ten­lang meinen Song: André Schürrle, düp­düp­düdüp, André Schürrle düp­düp­düdüp!“ Als ich im August mein erstes Spiel für Fulham im Craven Cot­tage machte, über­nahmen die Fans den Song sofort. Schon nach den ersten gelun­genen Aktionen, einem Dribb­ling, einem Abschluss, einer vor­be­rei­teten Chance sangen sie das Lied. Ein phan­tas­ti­scher Start.

Für Sie läuft es in der Pre­mier League gut, in der Hin­runde erzielten Sie schon fünf Tore. Doch ihr Team steckt im Abstiegs­kampf. Müssen Sie sich mit schlechtem Gewissen freuen?
Nein. Weil ich spüre, dass unsere Leis­tung trotz der bisher mauen Resul­tate wert­ge­schätzt wird. Ich spiele befreiter, habe meine Aktionen, meine Schüsse, meine Tore. Das erkennen die Leute an – und daraus ziehe ich eine Form von innerer Sicher­heit.

Thomas Brdaric hat mal gesagt, er würde lieber 4:4 spielen und dabei vier Tore schießen, als ohne ein eigenes Tor 1:0 zu gewinnen. Danach galt er als schwer ver­mit­tel­barer Egoist. Aber, Hand aufs Herz: Denkt nicht klamm­heim­lich jeder Stürmer so?
Schwie­rige Frage. Was ich sagen kann: Ein eigenes Tor macht eine Nie­der­lage erträg­li­cher. Das wird auch kein Fuß­baller ver­neinen, wenn er ganz ehr­lich ist. Wir sind Mann­schafts­sportler und am Ende bringen dir gute indi­vi­du­elle Leis­tungen nichts, wenn du als Team auf die Mütze bekommst. Aber wenn du 1:2 ver­lierst und dabei das Tor gemacht hast, liegst du abends viel­leicht nicht ganz so lange wach. Spiele, die wir ohne Tor von mir gewinnen, sind mir den­noch lieber als Nie­der­lagen oder Unent­schieden mit eigenem Tor.

Bevor Sie zum VfL Wolfs­burg gewech­selt sind, haben Sie sich auf einem Blatt mög­liche Auf­stel­lungen notiert und Ihre eigene Rolle darin jeweils akri­bisch genau geplant. Lief das vor dem Wechsel nach Fulham ähn­lich?
Nein, über­haupt nicht. Ich habe mir zwar den Kader und Sequenzen aus der ver­gan­genen Saison ange­schaut. Aber nur, weil ich die zweite eng­li­sche Liga nicht ver­folgt hatte und dem­entspre­chend ahnungslos war. Doch ins Detail bin ich ganz bewusst nicht gegangen. Es kommt sowieso immer anders, als man es sich auf dem Papier aus­malt. Das erste Jahr in Wolfs­burg war zum Bei­spiel extrem schwierig für mich und von den Sachen, die ich mir notiert hatte, ist genau gar nichts ein­ge­troffen. Bei dem Wechsel nach Fulham wollte ich des­halb auf mein Gefühl hören, nicht nur auf den Kopf.

Weil Sie mit Kop­f­ent­schei­dungen in der Ver­gan­gen­heit dane­ben­ge­griffen hatten?
Es gab zumin­dest Ent­schei­dungen, bei denen ver­meint­lich logi­sche Über­le­gungen eine grö­ßere Rolle spielten als das Bauch­ge­fühl. Zum Bei­spiel der Wechsel nach Dort­mund. Ich hatte zwar auch große Lust auf den Klub, auf das Sta­dion und die Atmo­sphäre. Trotzdem fiel mir die Ent­schei­dung schwer, weil ich in Wolfs­burg gerade erst in Form gekommen war. In der Rück­runde hatte ich neun Tore erzielt, ich fühlte mich end­lich richtig ange­kommen. Und ich bin mir sicher: Das wäre in der nächsten Saison so wei­ter­ge­gangen. Doch dann kam der Anruf von Thomas Tuchel. 

Thomas Tuchel galt als Ihr größter För­derer. Unter ihm wurden Sie in Mainz A‑Ju­gend-Meister, dann Profi und später Natio­nal­spieler.
Auch danach sind wir durch­gängig in Kon­takt geblieben. Als ich zu Chelsea ging, als ich für Lever­kusen spielte, wir haben uns immer regel­mäßig geschrieben. Als er mich dann 2016 anrief, schil­derte ich ihm meine Bedenken: Wieder würde ein Verein extrem viel Geld für mich aus­geben …

Ins­ge­samt legten Ver­eine fast 100 Mil­lionen Euro für Sie auf den Tisch. Allein der BVB zahlte 30 Mil­lionen Ablöse.
Des­halb sagte ich zu Thomas: Die Erwar­tungen an mich werden wegen des Preises sehr hoch sein. Das war für mich schon in Wolfs­burg nicht leicht zu ver­ar­beiten.“ Doch Tuchel machte mir den Wechsel schmack­haft. Und am Ende sagte mir mein Kopf: Das musst du machen.

Wie machte er Ihnen den Wechsel schmack­haft?
Das ganze Paket war ein­fach zu ver­lo­ckend. Ich war bei einem Trainer, der stets auf mich ver­traut und sich immer wieder nach mir erkun­digt hatte. Ich ging zu einem Verein, der Erfolg quasi garan­tiert und der Euphorie ent­fa­chen kann. Und dann sollte auch noch genau der Stil gespielt werden, der mir liegt. Der Anfang war sen­sa­tio­nell. Ich habe mich kör­per­lich gut gefühlt, die ersten Spiele liefen top. Danach war ich wegen einer Ver­let­zung für sechs Wochen raus und plötz­lich hinten dran. So etwas gab es vorher in meiner Kar­riere nie. So lange aus­fallen, oft nur auf der Bank sitzen, das war neu für mich.

Hat sich Ihr Ver­hältnis zu Thomas Tuchel in dieser Zeit ver­än­dert?
Ja. Aber wahr­schein­lich war von meiner Seite aus auch zu viel Wunsch­denken dabei. Ich dachte, unser Ver­hältnis wäre wie in Mainzer Zeiten. Ich kenne ihn ja, seit ich 17 Jahre alt bin. Aber es ist Pro­fi­fuß­ball. Ich war nicht mehr der Spieler, den er aus Mainz kannte, und er war nicht mehr der Trainer, den ich damals ken­nen­ge­lernt hatte. Irgend­wann war ich nicht mehr seine erste Wahl.

Ist auf diesem Level kein Platz für Freund­schaft?
Es ist auf alle Fälle schwer. Der Druck ist so hoch, dass Trainer keine Rück­sicht auf per­sön­liche Ver­bun­den­heit nehmen können. Das war bei José Mour­inho genauso, er stellt knall­hart nach Leis­tung auf. Egal wie groß die Ver­dienste eines Spie­lers sind.

Haben Sie jetzt noch Kon­takt zu Thomas Tuchel?
Sehr wenig. Als sein Wechsel zu Paris fest­stand, haben wir kurz mit­ein­ander geschrieben, und zum Geburtstag haben wir uns gra­tu­liert.

Zwi­schen Thomas Tuchel und Hans-Joa­chim Watzke kam es spä­tes­tens nach dem Bom­ben­an­schlag auf den Dort­munder Mann­schaftsbus zum öffent­li­chen Bruch. Wie haben Sie den 11. April 2017 erlebt?
Ich war ver­letzt und habe in der Kabine auf die Mann­schaft gewartet. Plötz­lich kam Michael Zorc rein, er tele­fo­nierte, und ich schnappte nur Wort­fetzen auf, irgend­etwas von einer Explo­sion, von Bomben. Es war kom­plett sur­real. Ich habe dann sofort die Jungs ange­schrieben. Sie erzählten, dass sie auf der Straße stehen würden und keiner wisse, was los sei. Es habe einen Knall gegeben, die Fenster seien zer­borsten und Marc (Marc Bartra, d. Red.) ver­letzt ins Kran­ken­haus gefahren worden. Eine Extrem­si­tua­tion. Vor allem, weil keiner genau wusste, was genau pas­siert war und ob die Gefahr vor­über ist.

Für Sie nicht das erste Erlebnis dieser Art.
Bei den Ter­ror­an­schlägen 2015 in Paris saß ich im Stade de France auf der Bank. Ich habe die Druck­welle gespürt. Damals habe ich den Knall noch nicht mit einem Anschlag asso­zi­iert. Wenn heut­zu­tage ein Böller in die Luft geht oder es einen lauten Knall gibt, rasen meine Gedanken sofort. Was ist los? Wieder ein Anschlag? Solche Erleb­nisse brennen sich in dein Gedächtnis ein, ob du es willst oder nicht. Von den Erzäh­lungen der Jungs weiß ich: Auch der Anschlag auf den Mann­schaftsbus wirkte trau­ma­ti­sie­rend auf sie. Ich kann mir gut vor­stellen, wenn sie heute in den Bus steigen und an der Stelle vor­bei­fahren, wo die Bomben explo­dierten, gehen alle Blicke ins Gebüsch. Und jeder ist froh, wenn der Bus heil vor­bei­ge­fahren ist. Solche Gedanken wünscht man keinem.

Was haben Sie gedacht, als Sie hörten, dass am nächsten Tag gespielt wird?
Noch am Abend traf sich der Mann­schaftsrat mit den Ver­ant­wort­li­chen. Kurz darauf haben wir erfahren, dass das Spiel schon am nächsten Tag statt­finden soll. Die Reak­tion war bei allen Spie­lern gleich, damit hatte keiner gerechnet. Ich glaube, der Groß­teil der Mann­schaft war nicht ansatz­weise in der Lage, auf dem Platz zu stehen und ein Cham­pions-League-Vier­tel­fi­nale zu spielen.

Es gibt Psy­cho­logen, die die sport­liche Krise unter Peter Bosz ein halbes Jahr nach dem Anschlag mit post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rungen erklären. Was denken Sie?
In den ersten Wochen der neuen Saison flog das Team über die Liga hinweg, es gelang uns alles. Und plötz­lich hörte es auf. Wir ver­loren Spiele, alle dachten auto­ma­tisch viel mehr nach. Bei einigen Spie­lern hat das viel­leicht auch Dinge tief im Inneren auf­ge­wühlt. Ande­rer­seits gewannen wir andert­halb Monate später den DFB-Pokal. Eine sen­sa­tio­nelle Leis­tung.

Nach dem Pokal­sieg sagten Sie den Confed Cup wegen einer Ver­let­zung ab, seitdem spielen Sie in der Natio­nal­mann­schaft keine Rolle mehr. Wann haben Sie zuletzt mit Joa­chim Löw gespro­chen?
Ich habe ihn zwar neu­lich in London bei einer Fifa-Gala kurz gesehen, aber dort haben wir nicht mit­ein­ander gespro­chen. Das letzte rich­tige Gespräch führten wir im Herbst 2017. Wir haben auch vor der Welt­meis­ter­schaft nicht mit­ein­ander geredet, was ich schade fand, weil meine Rück­runde unter Peter Stöger gut lief. Ich habe zwölf oder drei­zehn Spiele am Stück gemacht, Tore geschossen und vor­be­reitet. Aber mein Gefühl hat mir von Anfang an gesagt, dass ich nicht dabei sein würde.

Wie haben Sie die Welt­meis­ter­schaft ver­folgt?
Im Urlaub.

2010 ver­folgten Sie das Tur­nier noch zusammen mit Lewis Holtby beim Public Viewing in Mainz.
Ich war die ganze Zeit im Aus­land unter­wegs. Abge­sehen von den Top­spielen habe ich nur unsere Spiele ver­folgt.

Konnten Sie zurück in die Rolle als Fan schlüpfen?
Schon. Aber es war eine neue Erfah­rung für mich, das Ganze vor dem Fern­seher zu betrachten. Ich habe richtig mit­ge­fie­bert. Ich wollte unbe­dingt, dass die Jungs ihre Spiele gewinnen.

Das hat nicht funk­tio­niert. Woran lag es? Fort­nite?
Das ist der größte Schwach­sinn! Wenn ich lese, dass die Jungs raus­ge­flogen sind, weil bis um ein Uhr gezockt wurde und einer gar eine Shisha ein­ge­packt hatte, dann lache ich mich kaputt. Das pas­siert in jeder Mann­schaft, das gab es auch bei uns 2014.

2014 lief es aber deut­lich besser. Damals schlugen Sie die Flanke auf Mario Götze vor dessen Siegtor im WM-Finale. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass dieser Moment Ihrer Kar­riere geschadet hat?
Nein. Ich konnte bei dem Tur­nier und mit der Flanke Geschichte schreiben. Darauf werde ich für immer stolz sein. Des­wegen bin ich Jogi Löw auch auf ewig dankbar. Er hat mir die Chance gegeben, diesen Moment zu erleben.

Macht Ihnen als Wett­kämpfer der Gedanke Angst, dass Ihr Kar­rie­re­hö­he­punkt höchst­wahr­schein­lich schon hinter Ihnen liegt?
Dar­über habe ich mir viele Gedanken gemacht. Beim WM-Finale war ich erst 23 Jahre alt. Und es wird für mich in Zukunft schwer bis unmög­lich, diese Art Hoch­ge­fühl jemals wieder zu errei­chen. Wir waren damals mit einer Gruppe aus Freunden on top of the world. Die nächsten zwei, drei Jahre war mir nicht bewusst, dass es nicht höher geht. Aber wenn ich dar­über nach­denke, würde ich es nicht ver­schieben wollen. Ich kann doch froh sein, dass es in meiner Kar­riere über­haupt diesen per­fekten Moment gab. Warum sollte ich des­wegen also Sorgen haben? Ich durfte die schönste Tro­phäe, die ich je gesehen habe, in meinen Händen halten und küssen. Das ist ein unglaub­li­ches Pri­vileg.

Waren die Erwar­tungen an Sie nach der WM über­zogen?
Die Erwar­tungen stellte ich ja in erster Linie an mich selber. Als ich nach der WM zurück zu Chelsea kam, dachte ich: Junge, jetzt reißt du hier die Hütte ab.“ Mein Stan­ding war gleich ein ganz anderes. Wie Mour­inho auf einmal mit mir gespro­chen hat, das war ein großer Unter­schied zur Zeit vor der WM. Er hielt zwar immer schon viel von mir, aber nach dem Tur­nier war ich für ihn ein echter Gewin­nertyp. Ein Kerl, den er jetzt auch ganz anders for­derte. Also wollte ich unbe­dingt auf das nächste Level, ich wollte durch­powern. Gleich­zeitig hatte ich davor kaum Urlaub gehabt, nach einem Erlebnis wie der WM fällt man auch mental auto­ma­tisch in ein Loch. Als es in den Monaten danach nicht rund lief, hat mich das schnell wieder zurück auf den Boden geholt.

Ist das Thema Natio­nal­mann­schaft für Sie erle­digt?
Ich kon­zen­triere mich jetzt nur auf mich und den FC Fulham. Aber für Deutsch­land zu spielen, ist immer eine große Ehre.