Seite 3: „Ich hörte das Gedonner bis in die Kabine“

Mit Verona wurden Sie sen­sa­tio­nell Meister. Wie kam es zu diesem Fuß­ball­wunder?
Das frage ich mich bis heute. Wir hatten nur 16 Mann im Kader, zum Glück hat sich nie­mand ernst­haft ver­letzt. Trainer Osvaldo Bagnoli hatte nicht einmal einen Assis­tenten, trotzdem trai­nierten wir zweimal am Tag. Und es funk­tio­nierte. Am ersten Spieltag schlugen wir Neapel mit Diego Mara­dona. Und gaben die Tabel­len­füh­rung bis zum letzten Spieltag nicht mehr ab. Ein Start-Ziel-Sieg.

Im ersten Spiel direkt gegen Mara­dona. Es gibt sicher­lich ein­fa­chere Auf­gaben.
Ich sprach noch kein Ita­lie­nisch. Vor der Partie kam Bagnoli in mein Zimmer und sagte: Du: Mara­dona.“ Ich ant­wor­tete Si“, und er ging wieder. Das waren meine tak­ti­schen Anwei­sungen. (Lacht.) Im Spiel nahm ich Mara­dona in Mann­de­ckung und ver­suchte, nicht zu früh zu grät­schen. Er war groß­artig. Vor dem Spiel jon­glierte er zum Auf­wärmen den Ball auf den Schul­tern. Damit hätte er im Zirkus auf­treten können. Und mensch­lich war er ein feiner Kerl. Bis vor ein paar Jahren hat er mir jedes Jahr eine Karte zu Weih­nachten geschickt.

Eine Weih­nachts­karte von Mara­dona?
Keine Ahnung, wo er meine Adresse her hatte, aber immer im Dezember kam eine selbst­ge­schrie­bene Karte von ihm aus Buenos Aires. Lieber Peter, fröh­liche Weih­nachten und ein frohes neues Jahr. Ich konnte leider nie zurück­schreiben, weil er seine Adresse nicht angab. Vor einigen Jahren hat er der Sport­bild eines seiner sel­tenen Inter­views gegeben. Und zum Abschluss gefragt, wie es mir gehe. Das hat mich sehr gefreut.

Sie hatten die Pfalz nie ver­lassen. Wie gefiel es Ihnen denn in Ita­lien?
Sehr gut. Ich wohnte in Bar­do­lino am Gar­dasee, auch heute mache ich dort immer noch Urlaub und gehe in die alten Restau­rants. Mein Nachbar war unser Stürmer Preben Elk­jaer Larsen, wir fuhren immer gemeinsam zum Trai­ning. Wenn er fuhr, musste ich öfter mal die Augen schließen, wenn er in den Kurven zum Über­holen ansetzte. Einmal ging es schief, da kam uns ein Auto ent­gegen und wir lan­deten in einem Vor­garten.

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Hellas Verona war nie zuvor und auch nie danach ita­lie­ni­scher Meister. Wie war die Party?
Wir wurden am vor­letzten Spieltag bei Ata­lanta Ber­gamo Meister. Und Verona war im Aus­nah­me­zu­stand. Die Häuser waren in gelb-blaue Fahnen getaucht, die Leute über­malten die Zebra­streifen in Gelb-Blau, es gab von jedem Spieler eine sechs Meter hohe Figur aus Papp­maché, die wie beim Fasching durch die Straßen getragen wurden. Aber das Ver­rück­teste pas­sierte vor dem letzten Sai­son­spiel. Das Sta­dion war voll­be­setzt und vier Jets der Frecce Tri­co­lori, der Kunst­flug­staffel der ita­lie­ni­schen Luft­waffe flogen ins Sta­dion rein, wo sie kreuzten und wieder raus­flogen.

Wie bitte?
Kein Witz. Die gleiche Staffel, die drei Jahre später in Ram­stein abstürzte. Vor dem Spiel flogen sie ins Sta­dion und ver­sprühten gelb-blauen Rauch. Fritz Walter, mit dem mich eine enge Freund­schaft ver­band, besuchte mich mit­samt eines Bekannten zur Meis­ter­feier. Sein Bekannter ist vor Schreck von seinem Platz geflüchtet. Ich hörte das Gedonner bis in die Kabine.

Als ich Trainer in Alba­nien war, haben mich zwei Brie­gels im Hotel besucht“

Stimmt es eigent­lich, dass Sie die Pyro­technik nach Deutsch­land gebracht haben?
Indi­rekt. Es kamen immer wieder mal Kai­sers­lau­tern-Fans nach Verona, um mich spielen zu sehen. Dort war blau-gelbe Pyro an der Tages­ord­nung. Das hat die FCK-Fans beein­druckt, und so fingen sie auch auf dem Bet­zen­berg mit Pyro an. Ich fand das vor den Par­tien immer ganz schön. Ich habe den Geruch noch heute manchmal in der Nase.

Sie kamen erst wieder als Trainer nach Deutsch­land.
Ich heu­erte in Wat­ten­scheid an, eine Kata­strophe. Die Tochter des Mäzens Klaus Steil­mann, Britta Steil­mann, war im Vor­stand und ver­suchte, dem Klub mit neuen Ideen ein bes­seres Image zu ver­passen. Unter anderem hingen Pla­kate von uns überall in Bochum. Das meiste hat aber nur Unruhe gebracht. Sie berief auch Mann­schafts­sit­zungen ein, ohne dass ich davon wusste. Nach neun Monaten warf ich hin.

Sie gingen in die Türkei, trai­nierten Bes­iktas, Trab­zon­spor und Anka­ra­gücü. Jemals irgend­welche ver­rückten Klub­bosse ken­nen­ge­lernt, die mit Pis­tole auf dem Tisch ver­han­deln?
Das nicht, aber einmal bedrohte mich ein Spieler bei Anka­ra­gücü. Er war Ex-Natio­nal­spieler, saß aber bei mir nur auf der Bank. Eines Tages setzte er sich mir gegen­über, in der Hand einen schweren Aschen­be­cher, und sagte, dass es besser wäre, wenn er dem­nächst spielen würde. Da wurde mir schon mulmig. Glück­li­cher­weise konnte mein Co-Trainer die Situa­tion ent­schärfen. Ich mel­dete den Vor­fall dem Prä­si­denten und zwei Tage später war der Spieler weg.

Ihre größten Erfolge als Trainer fei­erten Sie mit der alba­ni­schen Natio­nal­mann­schaft. Stimmt es, dass dort Kinder auf den Namen Briegel“ getauft wurden, nachdem Sie den Erz­ri­valen Grie­chen­land zweimal geschlagen hatten?
Es stimmt, dass es Kinder gab, die mit Vor­namen Briegel“ hießen. Aber nicht wegen meiner Erfolge als Trainer, son­dern weil wir in den Acht­zi­gern mit der Natio­nal­mann­schaft zweimal in Alba­nien spielten. Dabei haben wir wohl einige Albaner ziem­lich beein­druckt. Es gibt übri­gens nicht nur kleine Brie­gels, son­dern auch kleine Rum­me­nigges und Schus­ters. Als ich Trainer in Alba­nien war, habe ich zwei der Brie­gels ken­nen­ge­lernt. Sie haben mich im Hotel besucht.

Warum sehen wir Sie eigent­lich nicht mehr auf der Trai­ner­bank?
In der Türkei gab es zwei Spiel­zeiten, nach denen ich meh­rere Tage mit 41,5 Grad Fieber flach lag. Eine Stress­re­ak­tion. Mein Arzt sagte, das sei beide Male sehr knapp gewesen. Den Stress wollte ich mir ein­fach nicht mehr antun.