Chris­tian Gentner, Sie sind seit fast vier Monaten bei Union Berlin. War die Alte Förs­terei nach fast zehn Jahren beim VfB Stutt­gart eine Art Kul­tur­schock?
Zumin­dest was die Atmo­sphäre im Sta­dion angeht, ist es bei Union total anders. Wir haben in Stutt­gart ein wun­der­schönes Sta­dion mit her­aus­ra­genden Fans, die eine her­aus­ra­gende Stim­mung erzeugen können – gerade wenn es mal läuft. Was bei Union aber ganz spe­ziell ist: Das sport­liche Ergebnis spielt auf den Rängen keine Rolle. Es ist egal, ob wir 3:0 gewinnen oder 0:2 ver­lieren. Zumin­dest seitdem ich hier spiele.

Das hört man immer wieder: An der Alten Förs­terei wird nicht gepfiffen.
Das wurde mir vor meinem Wechsel zu Union so ange­kün­digt und hat sich voll und ganz bestä­tigt. Es herrscht ein ganz beson­deres eng­li­sches Flair ab dem Moment vor dem Warm­ma­chen über das Spiel hinaus. Und bisher waren wir nach Abpfiff immer noch 20 Minuten draußen und haben die Atmo­sphäre auf uns wirken lassen. Die Fans besingen und feiern sich und uns nach Siegen. Nach Pleiten mun­tert das ganze Sta­dion uns auf. Diese spe­zi­elle Atmo­sphäre zieht sich durch den gesamten Verein.

Ändert das etwas an der gene­rellen Her­an­ge­hens­weise im Abstiegs­kampf? In Stutt­gart war die Stim­mung nach schlechten sport­li­chen Leis­tungen ja eher ange­spannt…
Das kann man so sagen. Durch meine lang­jäh­rige Erfah­rung im Verein und gene­rell im Pro­fi­fuß­ball hatte ich eine gewisse Rou­tine ent­wi­ckelt, die mir in sol­chen Situa­tionen geholfen hat, nicht den Kopf zu ver­lieren. Es ist wichtig, im Spiel keine Unter­schiede zu machen, ob die Stim­mung jetzt gut oder schlecht ist und auch danach pro­fes­sio­nell damit umzu­gehen.

Haben das alle Mit­spieler so hin­be­kommen?
In Stutt­gart war das für einige Spieler ein erheb­li­ches Pro­blem. Die ange­spannte Stim­mung wurde für sie zur Belas­tung auf und neben dem Platz. Wir hatten vor allem keine guten Heim­spiele in der ver­gan­genen Saison, haben schlechte Leis­tungen gezeigt, haben wenig Chancen kre­iert. Auch wenn die Kritik wegen der schlechten Ergeb­nisse berech­tigt war, war der Umgang damit für uns nicht ein­fach. 

Also lässt sich Abstiegs­kampf bei Union leichter bestreiten?
Ich glaube, die viel gerin­gere Erwar­tungs­hal­tung bei den Fans von Union führt dazu, dass es einigen Spie­lern hier in Berlin leichter fällt, ohne Druck Fuß­ball zu spielen und gute Leis­tungen zu zeigen. Wir sind im Leis­tungs­sport: Ganz ohne Druck bist du als Spieler in der Bun­des­liga nie. Aber es ist eine andere Belas­tung hier.

Wie stehen Sie denn gene­rell zum Thema Druck im Leis­tungs­sport? Wie war bei­spiels­weise Ihre Reak­tion, als Per Mer­te­sa­cker in einem Inter­view mit dem Spiegel 2018 offen über nega­tive Folgen gespro­chen hat?
Bei diesem sen­si­blen Thema ist jeder Mensch und damit auch jeder Bun­des­li­ga­spieler anders gestrickt und geht auf eine andere Art und Weise damit um. Ich habe den Druck und den Kon­kur­renz­kampf schon früh im Jugend­be­reich gespürt. Ich bin als 14-Jäh­riger zum VfB in die Nach­wuchs­ab­tei­lung gekommen. Je näher das Früh­jahr rückte, desto größer wurde der Druck, die Anspan­nung, weil es nie ganz sicher war, ob meine Kol­legen und ich in die nächste Alters­stufe über­nommen werden würden. Diese Phasen waren Ansporn und Belas­tung zur glei­chen Zeit und bereits ein Vor­ge­schmack auf den Her­ren­be­reich. Der Umgang mit Druck im Pro­fi­fuß­ball ist näm­lich defi­nitiv nicht ein­fach ein­zu­ordnen und zu kana­li­sieren. Ich per­sön­lich habe es Gott sei Dank durch ein sehr, sehr starkes und solides Umfeld in meiner Familie und in meinem Freun­des­kreis immer recht ordent­lich hin­be­kommen, dem Druck stand­zu­halten und zu per­formen.