Sergej Bar­barez, Sie haben mal gesagt, dass Sie von Bos­nien und Her­ze­go­winas WM-Pre­miere 2018 träumen.
Stimmt. Doch soll ich jetzt ent­täuscht sein, weil wir uns vier Jahre eher qua­li­fi­ziert haben? Ich habe mich natür­lich sehr gefreut.
 
Was macht die aktu­elle bos­nisch-her­ze­go­wi­ni­sche Natio­nalelf so stark?
Die Spieler sind mitt­ler­weile alle in aus­län­di­schen Top­ligen aktiv und dort zu wich­tigen Akteuren geworden. Spieler wie Miralem Pjanic vom AS Rom, Lazios Senad Lulic, Edin Dzeko von Man­chester City oder Asmir Begovic von Stoke City, den ich für einen der besten Keeper der Pre­mier League halte. Sie alle haben eine gewisse Ratio­na­lität, Dis­zi­plin und west­eu­ro­päi­sche Men­ta­lität erlernt – also das, was vielen meiner Lands­leuten in der Heimat fehlt.
 
In Bos­nien-Her­ze­go­wina erwarten die Leute also den WM-Titel?
(Lacht) So weit sollten wir nicht denken. Aber es stimmt: Viele meiner Lands­leute glauben, dass wir die Vor­runde schon geschafft haben. Gegen Argen­ti­nien Unent­schieden und dann zwei Siege gegen Iran und Nigeria. Doch so ein­fach wird das ganz sicher nicht. Wir haben zwei­fels­ohne einen tollen Kader, doch um richtig weit zu kommen, ist die Bank ver­mut­lich zu dünn besetzt.
 
Bos­nien-Her­ze­go­wina hat kaum mehr Ein­wohner als Berlin: 3,7 Mil­lionen. Erstaunt es Sie nicht, wie viele gute Fuß­baller aus Ihrer Heimat kommen?
Wie soll man das erklären? Bei uns sagen sie ja immer: Das ist von Gott gegeben. Im Übrigen trifft das nicht nur auf Bos­nien und Her­ze­go­wina zu, son­dern auf die gesamte Region des ehe­ma­ligen Jugo­sla­wiens. Wäre das Land zusam­men­ge­blieben, könnte die Natio­nalelf ver­mut­lich wirk­lich um den Titel mit­spielen. 
 
Sie standen als Spieler im Oktober 2003 kurz vor der Qua­li­fi­ka­tion für ein großes Tur­nier. Wieso hat es nicht gelangt?
Wir waren in der EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppe mit Rumä­nien, Nor­wegen und Däne­mark der totale Underdog. Bei einigen Spielen wurden wir sogar aus­ge­lacht, weil wir nicht genü­gend Spieler zusammen bekamen. Nach Däne­mark reisten wir etwa nur mit 13 Mann, und die Gegner spot­teten: Wollt ihr Hal­len­fuß­ball spielen?“ Das hat uns aller­dings enorm moti­viert, und auf einmal standen wir, wenige Jahre nach dem Krieg, vor dem ganz großen Fuß­ball­tri­umph.
 
Für die EM hätte Bos­nien-Her­ze­go­wina das letzte Spiel gegen Däne­mark nur gewinnen müssen.
Doch das Spiel endete 1:1. Heute denke ich manchmal, dass wir nicht zwei Stunden vor Spiel­be­ginn aufs Feld hätten gehen sollen.
 
Warum?
Das Asim-Fer­ha­tović-Sta­dion in Sara­jevo war schon am frühen Nach­mittag bis auf den letzten Platz gefüllt. Als ich gegen 16 Uhr, zwei Stunden vor Spiel­be­ginn, aus den Kata­komben guckte, sah ich in so viele hoff­nungs­volle Gesichter. Auf den Tri­bünen saßen all die Men­schen, die in den ver­gan­genen Jahren so viel Leid und Elend erlebt hatten. Wir wollten unbe­dingt ihre Erwar­tungen erfüllen – und dann ver­krampften wir. Es war einer der emo­tio­nalsten und tra­gischsten Momente meines Lebens. Ich habe nach einem Fuß­ball­spiel nie so bit­ter­lich geweint wie an jenem Okto­be­r­abend 2003.
Sie hätten es doch ganz ein­fach haben können: Berti Vogts soll Mitte der Neun­ziger an Ihrer Ein­bür­ge­rung inter­es­siert gewesen sein. Warum haben Sie ihn nie ange­rufen?
Es gab vor der WM 1998 tat­säch­lich diese Dis­kus­sion, und hätte ich ihn ange­rufen, wäre ich heute viel­leicht mehr­ma­liger WM- und EM-Teil­nehmer. So habe ich kein ein­ziges großes inter­na­tio­nales Tur­nier gespielt. Den­noch: Für mich hat sich die Frage damals nie gestellt, denn ich wollte immer für das Land spielen, in dem ich geboren wurde. Ganz egal, wie klein oder erfolglos die Natio­nalelf ist.
 
Für Bos­nien und Her­ze­go­wina haben Sie Ihr erstes Spiel aller­dings erst mit 26 gemacht. Wieso?
Ich hatte bereits 1996 und 1997 etliche Ein­la­dungen zu den WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spielen bekommen, doch ich lehnte sie alle ab, denn meine Mutter Zlata bekam damals Mord­dro­hungen.
 
Weil sie Kroatin ist?
Sie ist gebür­tige Kroatin und lebte damals im geteilten Mostar im kroa­ti­schen Teil. Ich habe immer gesagt: Erst wenn meine Mutter sicher ist, werde ich für mein Land spielen. Eines Tages schal­tete sich die Politik ein und garan­tierte meiner Familie Schutz. Auch wenn das natür­lich keine hun­dert­pro­zen­tige Sicher­heit bedeu­tete, gab mir diese Zusage doch eine gewisse innere Ruhe.
 
Ihre Mutter hat Body­guards bekommen?
Mostar ist eine kleine Stadt, jeder wusste, wer meiner Mutter gedroht hat. Wenn gewisse Leute gewisse Hebel bewegen, reicht das. So habe ich am 14. Mai 1998 mein Län­der­spiel­debüt gegeben. Wir ver­loren in Cór­doba mit 0:5 gegen Argen­ti­nien.
 
Gegen Argen­ti­nien geht es für Bos­nien und Her­ze­go­wina auch im ersten WM-Grup­pen­spiel. Was sollten die Spieler anders machen als Sie?
Sie sollten nicht nur nach vorne rennen. Was aller­dings schwierig wird, denn unsere Elf kann eigent­lich nur offensiv spielen. (Lacht)