Seite 2: „Natürlich spielte am Wochenende wieder Manuel Neuer“
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Hatten Sie das Gefühl, dass Sie mit dem Wechsel zum FC Bayern einen Berufs­wechsel voll­zogen haben? Vom arri­vierten Stamm­tor­hüter zur klaren Nummer 2?
Das ist eine super Beschrei­bung! Sie müssen wissen: Ich war lange in der Bun­des­liga dabei und habe die Ent­schei­dung, auf die Bank der Bayern zu wech­seln, nicht spontan gefällt. Mich dazu durch­zu­ringen, das hat gedauert, weil ich eine neue Rolle ergriffen habe. Wichtig war mir, dass ich die Auf­gabe als Ersatz­tor­hüter mit dem glei­chen Ehr­geiz aus­fülle, wie ich das auch als Nummer 1 getan hätte. Und wenn ich mal etwas trau­riger war, dann habe ich mich zurück­be­sinnt, dass ich diese Ent­schei­dung einmal ganz bewusst getroffen hatte.

In wel­chen Situa­tionen waren Sie traurig?
Wenn ich in Test­spielen richtig gut gehalten habe, eine super Trai­nings­woche absol­vierte, wenn ein­fach alles geklappt hat – da dachte ich heim­lich schon: Ich bin so gut drauf, jetzt wäre es schön, auch zu spielen! Weil ich es mir auch selbst beweisen wollte. Und natür­lich spielte am Wochen­ende dann wieder Manuel Neuer. (Lacht.)

Ihr erstes Spiel für Bayern machten Sie aus­ge­rechnet gegen die TSG Hof­fen­heim, die sich im Sommer für Wiese ent­schieden hatte. War Ihr Ein­satz Sym­bolik?
Ich habe mich riesig gefreut, aus­ge­rechnet in Hof­fen­heim mein erstes Spiel machen zu können. Ich wurde oft gefragt, warum ich diesen Schritt gemacht hatte. Aber das war ein Ein­satz, der die ganze Mensch­lich­keit von Jupp Heynckes beschreibt. Er hatte mir einen Ein­satz schon zu Sai­son­be­ginn ver­spro­chen, vor der gesamten Mann­schaft. Er hat gesagt, wie wichtig ich wäre und dass ich ganz sicher gebraucht würde. Er meinte: Bis jetzt hat Tom noch keinen Ein­satz, aber er wird Deut­scher Meister mit uns und er wird noch auf dem Platz stehen, bevor wir Deut­scher Meister sind.“ Und natür­lich hat es mich gefreut, dass Manuel Neuer es sofort akzep­tiert hat, als das Spiel kam und ich auf­laufen sollte.

Vor dem Hin­ter­grund: Haben Sie sich gefreut, als Roberto Man­cini, Ita­liens Natio­nal­trainer, den zweiten Tor­hüter in der 89. Minute des zweiten Grup­pen­spiels ein­wech­selte, um ihm einen Ein­satz zu spen­dieren?
Ja, natür­lich, ich freue mich sehr über so eine Ent­schei­dung. Mal abge­sehen davon, dass ich Sal­va­tore Sirigu, die ita­lie­ni­sche Nummer 2, für einen tollen Tor­wart halte, kann ich mir unge­fähr vor­stellen, was dieser Wechsel für den Spieler und für das Team­ge­füge bedeutet. Und es ist auch ein aus­sa­ge­kräf­tiger Wechsel. Denn so einen Ein­satz bekommt kein Que­ru­lant, den bekommen nur Ersatz­tor­hüter, die sich in den Dienst stellen und auch die Qua­lität besitzen.

Wie hat sich ihr Arbeits­ab­lauf als Ersatz­mann ver­än­dert?
Die Abläufe waren kom­plett gleich. Das Warm­ma­chen war gleich, wie ich mir Trikot und Hand­schuhe über­ge­zogen habe. Und auch schon unter der Woche: Ich habe die glei­chen Kraft­übungen gemacht, von denen ich wusste, dass sie mein Körper braucht, habe meine Ernäh­rung fort­ge­führt. Alles pro­fes­sio­nell. Unser dama­liger Co-Trainer Her­mann Ger­land hat immer gesagt: Wie man trai­niert, so spielt man auch.“ Und ich wollte ja immer bereit sein, wenn beim Auf­wärmen etwas pas­sieren sollte, wenn jemand zum Bei­spiel über eine Trep­pen­stufe stol­pert.

Nun ja: Im Zwei­fels­fall hätten Sie etwas weniger vor­be­reitet bei den Bayern im Tor gestanden. Es gibt här­tere Jobs.
Nie­mand kann aus der kalten Hose ein Bun­des­li­ga­spiel bestreiten, auch nicht bei den Bayern im Tor, das ist unmög­lich. Natür­lich, es kann gut­gehen, aber …

… auch nicht mit Ihrer Erfah­rung?
Aber gerade meine Erfah­rung hat mich doch gelehrt, wie viel dazu gehört, um in einem Bun­des­li­ga­spiel zu bestehen. Nein, unvor­be­reitet in ein Spiel zu gehen, das hätte ich mir nicht ver­ziehen.

Welche Auf­gaben hatten Sie am Spieltag? Mussten Sie die Geträn­ke­fla­schen auf­füllen?
Ich bin vor dem Spiel mit Manuel gerne nochmal durch­ge­gangen, ob ein Stürmer einen Haken beson­ders gerne macht und ob es des­halb Sinn ergibt, das Gleich­ge­wicht schon ein wenig auf das eine oder andere Bein zu ver­la­gern. Und ich habe auf Franck Ribéry auf­ge­passt …

Wie bitte?
… naja, er neigte halt dazu, sich bei der einen oder anderen Fehl­ent­schei­dungen über den Assis­tenten auf­zu­regen. Da bin ich gerne mal dazwi­schen, habe das Meckern für ihn über­nommen, um im Zwei­fels­fall die Gelbe Karte zu kas­sieren. Der Franck war für unser Spiel ja viel wich­tiger.

Im Laufe des Spiels traben Aus­wech­sel­spieler meist hinter das Tor, um sich auf­zu­wärmen. Was haben Sie getan?
Anfangs habe ich über­legt, ob ich ein­fach mit­gehe, aber ich habe schnell her­aus­ge­funden, dass es das nicht braucht. Sie müssen wissen: Wenn ich mich zusammen mit Manuel vor dem Anpfiff vor­be­reitet und in der Halb­zeit noch ein wenig gemacht hatte, blieb die Mus­ku­latur über 90 Minuten warm. Also konnte ich sitzen bleiben.

Haben Sie von der Bank aus Ein­fluss genommen?
Ich habe mich ein wenig wie ein Ana­lyst ver­halten, viel beob­achtet, das geschah aber aus Eigen­in­ter­esse. Mir war klar, dass ich nach der Kar­riere in einer Trai­ner­funk­tion wei­ter­ar­beiten wollte, also saß ich da und habe ver­sucht, wäh­rend des Spiels mein Wissen zu ver­grö­ßern. Was macht der geg­ne­ri­sche Tor­wart? Was macht die geg­ne­ri­sche Abwehr­kette? Darauf habe ich ganz bewusst geachtet. Es war aber nicht so, dass ich 90 Minuten mit dem Notiz­buch auf der Bank saß (Lacht.).