Aus Bie­le­felder Sicht ging ja nun wirk­lich alles schief an diesem Nach­mittag in Bremen. Da fügte es sich nahtlos ein, dass der legen­däre Regio­nal­ex­press 19:06 Uhr ab Bremen Haupt­bahnhof in Rich­tung Osna­brück, den die mit­ge­reisten Bie­le­felder nun mal auch nehmen mussten, auf­grund ver­schie­dener Stö­rungen mehr als eine Stunde Ver­spä­tung hatte. Das war mehr als bloß ein Sinn­bild für diesen Tag. 

Denn auch das Spiel der Bie­le­felder unterlag meh­reren Stö­rungen. Und nun mussten die armen Fans auch noch den­selben Zug nehmen wie zahl­lose Werder-Anhänger aus Bassum, Syke oder Twistringen. Da nimmt ein Grüner einen Blauen schon mal in den Arm, wie ein Vater seinen Sohn nach einer völlig ver­geigten Mathe­ar­beit. Da dis­ku­tiert man über den Trainer Ernst Mid­den­dorp, der wäh­rend des Spiels aussah, als ob er noch schnell eine Stel­len­an­zeige für die Sonn­tags­zei­tung for­mu­liert: 11 Fuß­ball­spieler gesucht, oder so ähn­lich. Bitte bringen Sie fol­gende Eigen­schaften mit: Ein­satz­be­reit­schaft, Zwei­kampf­stärke, tak­ti­sche Dis­zi­plin. Von alledem war bei den Bie­le­fel­dern, die auf dem Platz im Weser­sta­dion standen, ja nichts zu sehen. Viel­leicht hat er auch dar­über nach­ge­dacht, ob es in Ost­west­falen wohl genü­gend Psy­cho­the­ra­peuten gibt, die nächste Woche Zeit haben um seine ange­schla­gene Truppe wieder zu kurieren. Viel­leicht lässt er auch den Rasen des Bie­le­felder Trai­nings­ge­ländes blau färben. Denn mit der Farbe Grün sind seine Jungs bis auf wei­teres durch.

Andere blaue Fans (im dop­peltem Sinne des Wortes) dis­ku­tierten in einer Mischung aus Gal­gen­humor und Trotz ernst­haft dar­über, ob nun das 1:3 oder das 1:4 den Knack­punkt im Spiel bedeu­tete, oder ob es richtig war zeit­weise zwei Gegen­spieler als Leib­garde der Bremer Zau­ber­maus abzu­stellen, der mal wieder in Gala-Form war und seinen Markt­wert von 30 auf 31 Mil­lionen stei­gerte. Wieder andere Bie­le­felder fingen ein­fach wieder an zu singen: La Paloma, oder einen gelungen Pot­pourri von Liedgut á la Roger Whitaker und Nana Mouskouri oder den Flip­pers. Mein Sohn schaut mich fra­gend an und sagt: Wieso singen die denn noch? Tja, sage ich, was sollen sie denn sonst machen?

Werder war so gut, dass man es sich bei diesem bes­seren Herbst­spa­zier­gang auch erlauben konnte mal Daniel Jensen zum Spieler des Tages zu wählen und mit Max Kruse gleich noch einen Debü­tanten vor­zu­stellen, der, kaum auf dem Platz, seinen ersten Scorer-Punkt ein­heimste, als er Rosen­berg das 6:1 auf­legte. Und über­haupt: Peter Nie­meyer, den Werder ja noch nicht mal für den CL-Kader berief, eröff­nete den Tor­reigen, so, als wollte er sagen: bitte schön – solche Gra­naten hättet ihr auch in der CL haben können. Aber bitte.… So sind an diesen Freu­dentag meh­rere Hoff­nungen geknüpft. Das erwähnte Tor von Rosen­berg möge doch bitte dessen Blo­ckade lösen. Schön zu sehen, dass Cle­mens Fritz wieder dabei ist. Mit dem erwähnten Max Kruse klopft mal wieder ein Nach­wuchs­ta­lent an die Tür des Bun­des­liga-Kaders und, so scheint es zumin­dest heute am Sonn­tag­morgen: es hat sich kein wei­terer ver­letzt. Tim Wieses Hum­pel­ein­lage war wohl nur fal­scher Alarm.

Einen habe ich noch: zum Geburtstag habe ich ein nagel­neues Werder-Sweat­shirt geschenkt bekommen, auf dem der Name meines Lieb­lings­ver­eins in großen Let­tern auf­ge­stickt ist. Den hatte ich heute morgen (mit Absicht) an, als ich Bröt­chen holen fuhr. Der Typ hinter der Theke ist näm­lich Dort­mund-Fan und so ging, nein, stol­zierte ich heute in den Laden und fragte nur: Na, wie geht’s?“ Das kommt davon, wenn man Werder 3:0 schlägt.

So, die Werder Welt ist wieder in Ord­nung: Platz 5 vor dem HSV (!), Tor­ver­hältnis wieder positiv, in der Kicker-Scorer-Liste zwei Mann unter den ersten Zehn und als nächste Bun­des­li­ga­auf­gabe den MSV Duis­burg. Das geht so.