Seite 3: „Den zehnten Todestag verbringt jeder für sich“

Die Bild ver­öf­fent­lichte in dieser Woche einen Artikel, in dem die letzten Stunden vor dem Tod Enkes minu­tiös nach­ge­zeichnet wurden. In einem anderen wurde sich der Frage gewidmet, was aus seinen Sarg­trä­gern wurde. Wie emp­finden Sie diese Art der öffent­li­chen Auf­ar­bei­tung?
Davon höre ich gerade zum ersten Mal, das habe ich nicht mit­be­kommen. Aber ich wohne auch in Bozen und die ein­zige deut­sche Zei­tung, die ich in dem Café lese, in dem ich immer früh­stücke, ist die FAZ. Inso­fern kann ich nicht beur­teilen, was genau andere Redak­tionen in diesen Tagen ver­öf­fent­li­chen. Ich weiß nur, dass es von Psych­ia­tern und Jour­na­lis­ten­ver­bänden klare Anwei­sungen gibt, wie man bei der Bericht­erstat­tung über Suizid vor­gehen sollte. Dass man bei­spiels­weise nicht den genauen Tatort nennen sollte und nicht erklärt, wie genau ein Mensch sich umge­bracht hat. Damit man Leute nicht zum Nach­ahmen ver­leitet. Im Ide­al­fall sollten diese Richt­li­nien ein­ge­halten werden.

Sie haben mit Ihrem Buch über Robert Enke Mil­lionen von Men­schen erreicht. Haben sich danach andere Profis, die psy­chi­sche Pro­bleme hatten, bei Ihnen gemeldet?
Profis nicht. Aber manche Trainer haben bei mir nach Rat gefragt. Nach dem Tod von Gary Speed wurde ich außerdem darum gebeten, mit seiner Mutter zu spre­chen. Ins­ge­samt bin ich aber nicht zum Kum­mer­kasten der Pro­fi­sportler geworden. Dafür haben sich nor­male Leser, die mit psy­chi­schen Erkran­kungen zu kämpfen hatten, bei mir gemeldet und erzählt, dass ihnen das Buch geholfen hätte. Dass da ein so hoch-talen­tierter, erfolg­rei­cher und starker Mensch genauso betroffen sein konnte wie sie, hat vielen das Gefühl gegeben: Ich bin ganz normal, es kann jeden treffen, es liegt nicht an mir.

Heute vor zehn Jahren beging ihr Freund Robert Enke Suizid. Wie ver­bringen Sie diesen Tag?
In den ersten Jahren war es mir und vielen anderen, die Robert nahe­standen, sehr wichtig, seinen Todestag gemeinsam zu ver­bringen. Um über ihn zu reden. Seine Frau Teresa, seine Mutter, sein Berater Jörg Neb­lung, sein guter Freund Marco Villa. Jetzt, nach zehn Jahren, ist der Drang, unbe­dingt an diesem einen Tag bei­ein­ander zu sein, nicht mehr da. Wir sehen uns ja auch zu anderen Anlässen und reden auch im Alltag mit­ein­ander über unsere Erin­ne­rungen. Den zehnten Todestag ver­bringt also jeder für sich, in eigenen Gedanken an Robert. Die Zeit heilt nicht nur die Wunden, sie nor­ma­li­siert auch die Trauer über den Ver­lust. Auch wenn das Wort nor­ma­li­siert“ in diesem Zusam­men­hang kein schönes ist.

Woran machen Sie das außerdem fest?
Ich fahre zum Bei­spiel nicht mehr jedes Mal zu seinem Grab, wenn ich in Han­nover bin. Manchmal reicht es mir auch, mich ins Café Kreipe an der Oper zu setzen, wo Robert selber sehr gerne Zeit ver­brachte. Und dort an ihn zu denken.