Die ganze Saison über hatten wir mitten im Abstiegs­kampf gesteckt. Mein erstes Spiel als Nummer eins machte ich zwar erst am 29. Spieltag gegen Ein­tracht Braun­schweig, weil der Stamm­tor­hüter Horst Bertram sich ver­letzt hatte. Danach habe ich aber bis Sai­son­ende jedes Spiel gemacht – so schlecht konnte ich also nicht gewesen sein. Im vor­letzten Spiel schafften wir mit mir im Kasten end­lich den Klas­sen­er­halt. Des­halb ist es mög­lich, dass bei dem einen oder anderen im letzten Spiel ein­fach die Luft raus war. Uns war natür­lich klar, dass Glad­bach ver­su­chen würde, seine letzte kleine Mög­lich­keit im Kampf um die Meis­ter­schaft gegen den 1. FC Köln zu nutzen. Aber einen sol­chen Sturm­lauf hatten wir nicht erwartet.

Ich machte mich ganz normal warm. Die Fans waren guter Dinge und beju­belten immer noch unseren Nicht­ab­stieg. Jupp Heynckes erzielte gleich in der ersten Minute das 1:0 für Glad­bach – und das Unheil nahm seinen Lauf. Ich weiß gar nicht mehr, wer wel­ches Tor erzielt hat. Ich sah nur Bälle aus acht Metern Ent­fer­nung auf mich zufliegen, und die gingen immer flach in die Ecke, so dass ich gar nicht mehr reagieren konnte. Wenn ich mal einen abwehren konnte, hat ihn der nächste Gegen­spieler rein­ge­macht. Komisch: Ich habe eigent­lich gut gehalten und trotzdem bis zur Pause sechs Tore rein­ge­kriegt.

Jetzt hältst du mal noch ein paar gute Bälle“

Otto Reh­ha­gels Kabi­nen­an­sprache war kurz. Was sollte er auch groß sagen? Er meinte natür­lich, dass wir uns schämen sollten und dass es nicht sein könne, wie wir uns abschießen lassen. Aber er hat nicht groß getobt. Mich fragte er schließ­lich, ob ich wei­ter­spielen wolle. Da hätte ich sagen müssen, dass ich nicht wei­ter­ma­chen will. Aber ich hatte die Ein­stel­lung: Jetzt hast du sechs Stück bekommen, das werden ja nicht noch mal sechs werden. Jetzt hältst du mal noch ein paar gute Bälle“. Ich wollte ja meinen gerade gewon­nenen Stamm­platz nicht gleich schon wieder los­werden. Aber das war leider die fal­sche Ent­schei­dung. Heute weiß ich: Ich hätte raus­gehen sollen. Dann hätte Horst Bertram die sechs Dinger bekommen. Davon bin ich über­zeugt. Die meisten ver­gessen, dass ich eigent­lich fast alles gehalten habe, was haltbar war. Ich glaube, es war das zehnte Tor, bei dem ich mal eine Flanke unter­laufen habe. Aber das pas­siert, und beim Stand von 10:0 spielte da auch eine gehö­rige Por­tion Frust mit. Irgend­wann war ich nur noch mit mir selbst und mit dem Spiel beschäf­tigt.

Die Schmäh­rufe der Fans habe ich schon gar nicht mehr wahr­ge­nommen. Als der Schieds­richter dann end­lich abpfiff, war ich total kon­ster­niert. Da habe ich mit keinem gespro­chen. Ich bin ganz schnell zu meinem Auto gerannt und nach Hause gerast. Ein biss­chen erträg­li­cher wurde die Situa­tion nur durch den Umstand, dass Köln trotz des 12:0‑Sieges der Glad­ba­cher doch noch Meister geworden ist. Im Nach­hinein habe ich mich sehr geär­gert, dass ich keine Chance mehr bekommen habe, mich in einem anderen Spiel aus­zu­zeichnen. So eine hohe Nie­der­lage ist für einen Keeper Gift. Ich hatte fest mit einer Ver­trags­ver­län­ge­rung gerechnet, aber die Unter­schrift wurde immer wieder hin­aus­ge­zö­gert. Die Ver­eins­ver­ant­wort­li­chen wollten wohl gucken, ob sie mich als Nummer eins behalten wollen. Nach dem Spiel habe ich dann keinen Ver­trag mehr gekriegt. So schnell ging das. Des­wegen bin ich dann zu Tennis Borussia Berlin gewech­selt.