Seite 3: „Mensch Franz, das kann ja wohl nicht wahr sein“

Wel­ches war der schönste Moment Ihrer Kar­riere?
Den schönsten Moment gibt es nicht. Zu den schönsten gehören das erste Bun­des­li­ga­spiel, das erste Län­der­spiel, da wurde ich in Eind­hoven gegen Hol­land ein­ge­wech­selt und habe kein Gegentor kas­siert. Dann natür­lich der Gewinn der deut­schen Meis­ter­schaft mit dem VfB, der extrem über­ra­schend für uns kam. Dazu noch hun­dert­tau­send andere schöne Momente, die man im Fuß­ball eben so hat. Unter dem Strich ist es ein­fach eine wun­der­schöne Zeit. Wissen Sie, da geht ein Traum in Erfül­lung. Man frönt als Kind diesem Hobby und rechnet nie­mals damit, dass man mal Geld damit ver­dienen kann. Auf einmal ist man Fuß­ball­profi. Wie gut die Zeit war merkt erst dann so richtig, wenn es fast schon wieder vorbei ist. Natür­lich gibt es auch Höhen und Tiefen, aber letzt­lich kann man nur dankbar sein, dass man diese Zeit hatte. 

Wo Sie gerade Tiefen sagen: Was fällt Ihnen zu Rolf Fringer ein?
Ja… (muss plötz­lich lachen) Das ist ja ne ganz böse Frage. 

Rolf Fringer zog Ihnen zu Beginn der Saison 1995/96 völlig über­ra­schend den damals noch unbe­kannten Marc Ziegler vor.
Ich sage es mal so: Egal, ob ich jetzt zehn oder zwanzig Jahre Stamm­tor­hüter in der Bun­des­liga bin, wenn ich sehe, dass jemand kommt, den man nicht auf­halten kann, viel­leicht wie damals Olli Kahn in Karls­ruhe oder René Adler in Lever­kusen, dann beuge ich mich dem und frage, wie ich mich noch ein­bringen kann. Ich weiß nicht, was Fringer damals geritten hat, mich in Frage zu stellen. Nichts gegen Marc Ziegler, der ja in Dort­mund gezeigt hat, dass er ein guter Tor­hüter ist. Aber damals war er ein­fach noch nicht soweit.

Wie hat Fringer Ihnen die Ent­schei­dung begründet?
Er hat mich damals zu sich zitiert und mir gesagt: »Du spielst hier nie wieder. Es sei denn, alles läuft schief und wir brau­chen noch mal einen erfah­renen Mann.« Nach dieser Aus­sage blieb mir nichts anderes übrig, als den Verein zu wech­seln. Wir müssen das jetzt auch gar nicht so breit treten. Rolf Fringer möchte ich nicht weiter kom­men­tieren, es hat sich ja dann auch schnell erle­digt, und ich weiß gar nicht, wo er heute über­haupt ist. 

War das der bit­terste Moment Ihrer Kar­riere?
Ich denke schon. Ich habe für meine Ver­eine immer 110 Pro­zent gegeben. Ich war immer dann beson­ders prä­sent, wenn es im Verein schlecht lief und keiner Lust hatte, Rede und Ant­wort zu stehen oder Spon­so­ren­ter­mine wahr­zu­nehmen. Das bedeutet nicht, dass man des­wegen spielen muss, aber das bedeutet, dass mit einem ver­nünftig umge­gangen wird.

Die Ent­schei­dung gegen Sie stellte sich bald als falsch heraus.
Auch für Marcs Kar­riere wäre es viel­leicht besser gewesen, denn für ihn war es natür­lich eine unheim­lich schwere Situa­tion. Er musste auf Anhieb jemanden ersetzen, der die Jahre vorher auch nicht so ganz schlecht gewesen ist. Man hätte ihn behutsam auf­bauen müssen, aber so hat man ihm dann wenig später Franz Wohl­fahrt vor die Nase gesetzt. 

Wie kam dann der Kon­takt zu Man­chester City zustande?
Das war ein Glücks­fall. Ich kam aus dem Gespräch mit Rolf Fringer und hatte mich kaum wieder gesam­melt, als ich einen Anruf bekam und gefragt wurde, ob ich nicht Lust hätte, in Eng­land zu spielen. Für mich war die Sache nach zwei Minuten klar, nur der Verein hat sich dann noch ein biss­chen quer gestellt. Da bin ich Ger­hard Meyer-Vor­felder im Übrigen sehr, sehr dankbar, weil er in dieser Situa­tion der ein­zige war, der ein biss­chen Mensch­lich­keit hat walten lassen. Er hat gesagt: Der Junge hat große Ver­dienste um den Verein, dem legen wir keine Steine in den Weg.“ So konnte ich noch mal nach Eng­land gehen und mir damit einen Traum erfüllen. 

Wie war es denn auf der Insel?
Sen­sa­tio­nell. Das war eine der schönsten Erfah­rungen über­haupt. Viel­leicht bin ich da nicht ganz gerecht, denn wenn man 20 Jahre Bun­des­liga spielt und dann nur knapp zwei Jahre in Eng­land, neigt man mög­li­cher­weise dazu, die Sache ein biss­chen zu positiv zu sehen. Aber die Tra­di­tionen, die sen­sa­tio­nellen Sta­dien – schon als kleines Kind hatte ich Bücher dar­über gelesen.

Sport­lich lief es nicht ganz so gut.
Wir hatten leider keine Mann­schaft, die richtig mit­halten konnte. Man­chester City befand sich damals in einer finan­ziell schwie­rigen Situa­tion, so dass im Lauf der Saison wich­tige Leis­tungs­träger ver­kauft werden musste. Letzt­lich hat uns dann ein ein­ziges Tor zum Klas­sen­er­halt gefehlt. Das war schon bitter. 

Wer war für Sie der beste Tor­hüter aller Zeiten?
Peter Schmei­chel ist zumin­dest der beste Tor­hüter, den ich in meinem Leben gesehen habe. Es ist unvor­stellbar, was der Mann in der Pre­mier League gehalten hat. Er hatte eine Prä­senz, eine Kör­per­be­herr­schung, eine phy­si­sche Aus­strah­lung – unglaub­lich! Auf der Linie war er fast unbe­zwingbar. Lustig ist: Vor einem Spiel gegen Däne­mark sagt der Franz Becken­bauer: »Der Schwach­punkt der Dänen ist ja ihr Tor­hüter.« Peter Schmei­chel, Flie­gen­fänger und so. Ich denke nur: »Mensch Franz, das kann ja wohl nicht wahr sein.« Und im Län­der­spiel flutscht dem Schmei­chel der erste Ball, der aufs Tor kommt, durch die Beine.