Seite 2: „Ich hatte keine richtige Lobby“

Bereits mit 19 hüteten Sie als jüngster Tor­wart der DFB-Geschichte erst­mals das Tor der Natio­nal­mann­schaft (am 11.10. 1980 beim Spiel gegen Hol­land, d. Red.). Glauben Sie, dass Ihnen diesen Rekord noch jemand nimmt?
Ach, es ist ja alles mög­lich im Fuß­ball. Man hat jetzt erst – auch zu meiner Über­ra­schung – gesehen, wie schnell Manuel Neuer einen Frank Rost ver­gessen macht. Zu meiner Zeit gab es auch ein paar unglück­liche Umstände in Deutsch­land, durch die ich das über­haupt erst schaffen konnte. Sepp Maier hatte einen schweren Auto­un­fall, Nor­bert Nigbur eine Menis­kus­ope­ra­tion, und damit fielen die zwei besten Tor­hüter aus. So kamen Toni Schu­ma­cher zu seinem ersten Län­der­spiel und ich in den Kader. Es gehört also auch im rich­tigen Moment ein biss­chen Glück dazu. 

1988 gingen Sie als Nummer Eins in das EM-Tur­nier im eigenen Land. Können sie die Stim­mung damals mit der WM von 2006 ver­glei­chen? 
Nein. Die WM war etwas ganz Außer­ge­wöhn­li­ches, weil alles, von der Stim­mung bis zum Wetter, gepasst hat – so etwas wird es wahr­schein­lich nie wieder geben. Im Vor­feld der Euro 1988 hatten wir eine bes­sere Stim­mung um die Mann­schaft herum als 2006 vor der WM mit der Nie­der­lage gegen Ita­lien und den Dis­kus­sionen ums Spiel­system. Im Halb­fi­nale der EM gegen Hol­land waren aber Drei­viertel des Sta­dions orange. Ich weiß nicht, wie die Hol­länder es geschafft hatten, mehr Karten als die Deut­schen zu orga­ni­sieren. 

Bereits kurz nach der EM traten Sie über­ra­schend aus der Natio­nal­mann­schaft zurück, weil Bodo Ill­gner im WM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Finn­land zwi­schen den Pfosten stehen durfte.
Auch das war tat­säch­lich etwas kom­pli­zierter. Ich hatte mir am letzten Spieltag eine Innen­band­ver­let­zung zuge­zogen, die noch nicht richtig aus­ku­riert war. Aber ich war natür­lich ehr­geizig und wollte den gerade gewon­nenen Status nicht wieder ver­lieren. Ich wollte unbe­dingt spielen. Die Trainer haben das richtig ent­schieden, denn ich war nicht hun­dert­pro­zentig fit. Tat­säch­lich ging es mit der Ver­let­zung auch nicht richtig gut, aber das wollte ich damals nicht wahr­haben. 

Wieso haben Sie dann diesen – von außen über­stürzt wir­kenden – Ent­schluss gefasst?
Es hatte nicht nur damit zu tun, dass der Bodo jetzt mal das eine Spiel spielen durfte. Ich hatte viel­mehr den Ein­druck, dass es sich um eine grund­sätz­liche Wende han­delt. Bodo war ja einige Jahre jünger als ich, und ich dachte, man wollte sich lang­fristig auf ihn fest­legen. Heute würde ich wahr­schein­lich mehr Gegen­wehr zeigen. 

War es damals viel­leicht fal­scher Stolz, der Sie zum Rück­tritt bewogen hat?
Das kann fal­scher Stolz gewesen sein, aber ich hatte auch keine rich­tige Lobby. Es war damals schon schwer, sich gegen­über der Kölner und Münchner Frak­tion zu behaupten. Wahr­schein­lich war es ein Fehler, es nicht hart­nä­ckiger zu ver­su­chen. Aber mein Leben ist ja nicht nur durch Fehler gekenn­zeichnet. 

Aber durch Rück­schläge, nach denen Sie immer wieder auf­ge­standen sind.
Um ehr­lich zu sein, habe ich das gar nicht so sehr als Rück­schlag emp­funden. Ich habe mich dann völlig auf den Verein kon­zen­triert, ein Jahr später standen wir im UEFA-Cup-End­spiel, wir hatten hohe Ziele. Und ich muss sagen, dass meine Leis­tungen nach dem Rück­tritt noch besser wurden – inso­fern hatte die Ent­schei­dung auch etwas Gutes, denn sie hat mich als Tor­wart wei­ter­ge­bracht. 

Wie erklären Sie sich das?
Ich hatte mehr Ruhe. Überall, wo ich zu Natio­nal­mann­schafts­zeiten hinkam, schrieben die Medien vom großen Tor­hü­ter­kampf. Wenn ich in Bochum war, hieß es Zum­dick gegen Immel, wenn ich in Ham­burg war, hieß es Ippig gegen Immel, es war ja schon hane­bü­chen, welche Namen plötz­lich im Raum standen. Das war nicht ganz ein­fach. Den­noch: Die Natio­nal­mann­schaft ist das Größte, was man errei­chen kann, und ich hätte mehr um sie kämpfen müssen. Aber bevor Sie wei­ter­fragen: Ich bin da mit mir im Reinen. 

In den Jahren nach der WM waren Sie bis zu Ihrem Abschied aus Stutt­gart regel­mäßig einer der besten Bun­des­li­ga­tor­hüter. Nach der Meis­ter­schaft mit dem VfB 1992 über­flü­gelten Sie in der Kicker-Rang­liste auch die Natio­nal­tor­hüter Ill­gner und Köpke.
Die Kicker-Rang­liste finde ich schon relativ bedeutsam. Für jeden Spieler ist der Ärger groß, wenn er dort nicht berück­sich­tigt wird und die Freude genauso, wenn er weit oben steht. Ich sag’s mal so: Wenn man gute Leis­tungen gebracht hat, hofft man darauf, dass sie in der Rang­liste hono­riert werden.