Helmut Spahn, Sie haben sich mit Ver­tre­tern der Initia­tive Pyro­technik lega­li­sieren“ an einen Tisch gesetzt. Wie kam es dazu?
Spahn: Das war keine fixe Idee von mir per­sön­lich. Ich habe ja nicht zu Hause auf dem Sofa gelegen und ange­fangen zu träumen, wie schön Pyro­technik ist. Ganz im Gegen­teil: Ich bin der Mei­nung, dass Pyro­technik, so wie sie der­zeit ange­wendet wird, im Sta­dion nichts ver­loren hat. Punkt. Aus. Aller­dings haben wir uns jedes Jahr mit den Sicher­heits­be­auf­tragten der Ver­eine zusam­men­ge­setzt und dabei fest­ge­stellt: Die Vor­fälle häufen sich von Jahr zu Jahr und die Ver­eine müssen immer wieder Strafen bezahlen. Mit den her­kömm­li­chen Methoden bekommen wir das Pro­blem nicht in den Griff, war die ein­hel­lige Auf­fas­sung.

Momentan gehen viele Ver­eine dazu über, bes­sere Video­technik ein­zu­setzen.
Spahn: Es wurden bereits viele Dinge aus­pro­biert. Mehr Ord­nungs­dienst, bes­sere Kameras, vor man­chen Aus­wärts­blocks wurden Zelte auf­ge­baut, in denen sich Fans aus­ziehen mussten. Doch wir müssen auch mal der Rea­lität ins Auge bli­cken: Wir haben die modernsten Sta­dien der Welt, das modernste Sta­di­on­ma­nage­ment – und trotzdem immer wieder Pyro­technik im Sta­dion. Das haben wir in den unter­schied­lichsten Arbeits­gruppen the­ma­ti­siert und in der Ana­lyse gemerkt, dass wir nach neuen Mög­lich­keiten Aus­schau halten müssen. Just zu diesem Zeit­punkt kamen Ver­treter der Initia­tive auf uns zu und haben uns ein Kon­zept über­geben. Darin gab es erst­mals eine seriöse Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Thema Pyro­technik.

Sie wurden dafür kri­ti­siert, dass Sie die fol­genden Gespräche als ergeb­nis­offen“ bezeichnet haben.
Spahn: Dazu stehe ich. Ich kann doch keine Gespräche führen, aber vorher sagen, dass schon klar ist, wie es aus­geht. Man muss auch zwei Dinge beachten: Am Ende unserer Gespräche hätte genau das gleiche Ergebnis stehen können, wie es jetzt der Fall ist: Eine klare Absage an jeg­liche Form von Pyro­technik. Zwei­tens war allen Betei­ligten klar, dass unsere Ergeb­nisse von den Gre­mien geneh­migt werden müssen. Das DFB-Prä­si­dium hätte so oder so unab­hängig von unserer Emp­feh­lung ent­scheiden können.

Es gab ein Treffen im Mai, eins im Juli. Dann wurde der Dialog abge­bro­chen. Warum?
Spahn: Ich war zu dieser Zeit nicht mehr beim DFB tätig und habe die Ent­schei­dung, dass die Gespräche abge­bro­chen werden, nur aus der Ferne mit­be­kommen. Der Ver­band hat sich so ent­schieden, das ist sein gutes Recht. Aller­dings wurden die Gespräche abge­bro­chen, ohne dass man sich mit den Fan­grup­pie­rungen noch einmal zusam­men­ge­setzt und die Ent­schei­dung erklärt hat. Das führte natür­lich zu Irri­ta­tionen und Ent­täu­schungen.

Für Außen­ste­hende wirkt es so, als hätten Ihre Gespräche mit den Fans nach Ihrem Weg­gang ihre Gül­tig­keit ver­loren. Waren die Gespräche ein Allein­gang von Ihnen?
Spahn: Klares Nein. Schon die erste Über­gabe des Kon­zeptes geschah auf der öffent­li­chen Ver­an­stal­tung Feind­bilder im Abseits“ in Frank­furt. Dort waren sämt­liche Ver­bands­ver­treter anwe­send. Auch bei den Gesprä­chen saßen wei­tere Ver­treter von DFB und DFL mit am Tisch. Zudem gibt es von jeder Sit­zung Pro­to­kolle, die in die Gre­mien gereicht wurden. Wenn sich heute ein Ver­bands­ver­treter hin­stellt und sagt, dass er davon nichts gewusst hat, dann ist das eher ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem inner­halb der eigenen Orga­ni­sa­tion.

Sie haben die Gespräche vor Ihrem Weg­gang nach Katar begonnen. Hätten Sie das auch getan, wenn Sie beim DFB geblieben wären?
Spahn: Natür­lich. Wir haben uns mit dem Kon­zept der Initia­tive beschäf­tigt, als noch gar nicht klar war, dass ich nach Katar gehe.

Können Sie noch einmal kurz umschreiben, wie die Gespräche mit der Pyro-Initia­tive abge­laufen sind?
Spahn: Da muss man zunächst erst einmal eins fest­halten: Es ging bei unseren Gesprä­chen nie um eine Lega­li­sie­rung von Pyro­technik, son­dern um mög­liche Pilot­pro­jekte. Letzt­end­lich prüften wir Mög­lich­keiten, die das kon­trol­lierte Abbrennen von Pyro­technik zulassen könnten – bei bestimmten Anlässen, vor oder nach dem Spiel, außer­halb der Tri­bünen, von geschultem Per­sonal, geneh­migt durch Behörden, Polizei, Verein und Ver­band. Ähn­lich wie es bei Sai­son­er­öff­nungs­feiern schon statt­ge­funden hat. Und noch einmal: Ziel war, die Sicher­heit aller Zuschauer noch besser zu gewähr­leisten, indem wir die unkon­trol­lierte Pyro­technik aus dem Sta­dion ver­bannen. Die Gespräche wurden in einer solch ange­nehmen und sach­li­chen Atmo­sphäre geführt, wie ich es in meinen posi­tivsten Vor­stel­lungen nicht erwartet hätte. Vor allem hat mich über­rascht, dass die Fans auch Grenzen und Zwänge des Ver­bandes ohne Vor­be­halte aner­kannt haben.

Sie einigten sich auf ein Mora­to­rium, in den ersten Wochen der ver­gan­genen Saison sollte keine Pyro­technik gezündet werden.
Spahn: Mora­to­rium ist das fal­sche Wort. Wir saßen mit Ver­tre­tern aus unter­schied­li­chen Gruppen, Regionen und Ver­einen am Tisch. Für mich war also nicht abzu­sehen, wie groß der Ein­fluss der Initia­tive war. Also ver­ein­barten wir, vier bis fünf Wochen lang die Sicher­heits­re­ports der Ver­eine zu stu­dieren und uns danach noch einmal zusam­men­zu­setzen. Dieser Termin war aber keine Dead­line für die Frei­gabe von Pyro­technik. Einige Fans haben es aber leider so ver­standen und fragten bei den Ver­einen: So, wann fangen wir an?“ Da schrillten bei den Ver­eins­ver­tre­tern die Alarm­glo­cken, sie riefen beim Ver­band an und fragten: Was macht ihr denn da?“ Ich muss mir diesen Fehler ankreiden: Wir hätten öffent­liche kom­mu­ni­zieren müssen, dass es sich nicht um eine Dead­line zur Frei­gabe han­delte.

Sie haben aber bereits gesagt, dass alle beim Ver­band über den Stand der Gespräche ein­ge­weiht waren. Wäre es dann nicht Auf­gabe der DFL gewesen, die Ver­eine zu infor­mieren?
Spahn: Das lasse ich unkom­men­tiert. Fakt ist, dass es eine Miss­kom­mu­ni­ka­tion von uns, von mir und den Fans gegeben hat. Wir hätten unsere Gespräche medial besser begleiten sollen und nach außen trans­pa­renter machen müssen. Auf diese Weise hätten wir auch so man­chen Funk­tionär besser mit­ge­nommen. So aber war es wie bei Stille Post“ und manche Fans dachten, dass Pyro­technik lega­li­siert werden würde. Aber das konnte ja gar nicht stimmen. Der kon­trol­lierte Ein­satz von Pyro­technik muss in Ein­zel­fällen geprüft werden, am Ende sind die Ver­eine in der Ver­ant­wor­tung. Die Eigen­dy­namik der Debatte führte aber dazu, dass der eine oder andere im Ver­band dachte: Mein Gott, wie können wir das stoppen?“

Noch einmal zu den vier Wochen zu Beginn der ver­gan­genen Saison. Gab es dabei Vor­fälle?
Spahn: Ja, die gab es, in geringem Maße. Mir war klar, dass die Initia­tive nicht jeden Zuschauer der ersten Ligen kon­trol­lieren kann. Des­wegen waren die ein­zelnen Vor­fälle für mich keine Über­ra­schung. Wich­tiger war mir, dass die Zahl der Vor­fälle im genannten Zeit­raum sehr stark zurück­ge­gangen war.

Sie hätten also die Gespräche fort­ge­führt?
Spahn: Ich war Ange­stellter des Ver­bandes. Wenn der Prä­si­dent eine Ent­schei­dung trifft, dann richte ich mich danach. Wenn mir aller­dings nicht explizit unter­sagt worden wäre, die Gespräche fort­zu­führen, dann hätte ich es getan. Zumin­dest hätte ich noch einmal ver­sucht, die Ent­schei­dung zu erläu­tern. Ich kann die Ent­schei­dung des DFB und der DFL letzt­end­lich nach­voll­ziehen, aller­dings wuerde ich den Pro­zess dahin kri­tisch hin­ter­fragen.

Das Gespräch mit Helmut Spahn wurde im Rahmen der Repor­tage Der tiefe Graben zwi­schen Fans und Ver­bänden“ für die 11FREUNDE-Aus­gabe #132 geführt, die ab Don­nerstag im Handel erhält­lich ist. Lest hier im ersten Teil auf www​.11freunde​.de: Helmut Spahn über die Gewalt­de­batte. Außerdem: Inter­views mit Fan­ver­tre­tern und Unions Prä­si­dent Dirk Zingler.