Seite 3: „Ein groteskes Ratatouille"

Wie ist es Ihnen ergangen in dieser Zeit?
Als Zuschauer? In der Ver­blüf­fung der ersten zwei Wochen war man ja erstmal nur baff und hat die ganzen Corona-Sachen geguckt. Und dann ent­deckte ich, dass es auf einmal in der Media­thek so fan­tas­ti­sche Sachen wie Deutsch­land – Ita­lien, WM 1970“ gab. Da waren ein paar Spiele dabei, die ich zuletzt als Kind gesehen hatte. Das war schon lustig und unter­haltsam. Und dann kamen noch solche Perlen dazu wie die his­to­ri­sche Kon­fe­renz bei Sky, ein voll­kommen gro­teskes Rata­touille aus uralten Bun­des­li­ga­kon­serven, mit Live­kom­mentar. Aber wenn alle alten Spiele geguckt sind und man sich einmal noch an einer tat­säch­lich ganz inter­es­santen Bas­ket­ball-Doku­men­ta­tion ver­sucht hat, dann ist trotzdem mal ein Punkt erreicht, wo eben nichts mehr ist.

Was ist Ihnen sams­tags um 15.30 Uhr durch den Kopf gegangen?
Es ist inter­es­sant oder, wie man auf diese Zeit noch gepolt ist. Obwohl man mitt­ler­weile ziem­li­ches Glück haben muss, damit das Spiel, das einem am Herzen liegt, tat­säch­lich sams­tags um 15.30 Uhr statt­findet. Und nicht sonn­tags zum Früh­stück oder am Mon­tag­abend oder was weiß ich. Aber das Ver­missen und die Ent­beh­rung sind grund­sätz­li­cher. Ich gucke ja nicht des­wegen Fuß­ball, weil ich sonst nicht weiß, was ich sams­tag­nach­mit­tags machen soll.

Erzählen Sie bitte.
Es geht um ein Lebens­ge­fühl. Wissen Sie, ich bin zum Bei­spiel ein begeis­terter Tur­nier­gu­cker. Ich habe über­haupt kein Pro­blem damit, kom­plette Welt­meis­ter­schaften zu gucken, auch vier Spiele an einem Tag. Da ist es so, dass ein gewisses Unwohl­sein bei mir schon mit dem Ende der Grup­pen­phase ein­tritt. Der große Schock: der erste spiel­freie Tag nach zwei oder drei Wochen. Der ist schlimmer als der nach dem Finale, weil er so unver­mit­telt kommt. Man wird aus dem Para­dies ver­trieben.

Moment mal, vier Spiele an einem Tag?
Das Tolle an so einem Tur­nier ist doch, dass ich mir über­haupt keine Gedanken mehr über Lebens­sinn oder Lebens­ge­stal­tung machen muss, weil mir das alles abge­nommen wird. Mein Lebens­sinn ist dann Ecuador gegen Senegal.

Herr Brandt, es muss Ihnen wahn­sinnig schwer­fallen: Gucken Sie am Montag wirk­lich nichts vom Werder-Spiel?
Nein.

Nicht eine Sekunde?
Nicht eine Sekunde.

Man könnte die Saison aus­po­kern! Dann holen wir schnell Max Kruse zurück und werden noch Meister“

Inter­es­siert Sie denn das Ergebnis?
Sagen wir mal so: Wäre ich stärker als ich es bin – dann nicht. Ehr­li­cher­weise muss ich aber zugeben, dass ich es nicht weiß. Als Fan ist man enormen inneren Zwängen unter­legen, es ist ja nicht alles meinem Willen unter­worfen. Wir reden hier immerhin über etwas, das mit Liebe zu tun hat. Viel­leicht muss ich irgend­wann gucken, wie es aus­ge­gangen ist. Ob es womög­lich Hoff­nung gibt. Aber für mich fühlt es sich trotzdem so an, als könnte man die Saison auch mit der Play­sta­tion zu Ende spielen. Da würde ich dann auch nur kurz nach­schauen, wie es denn aus­ge­gangen ist. Sie sehen, mei­net­wegen könnte man sich den ganzen Auf­wand sparen. Oder noch besser: die Saison aus­po­kern! Dann holen wir schnell Max Kruse zurück und werden noch Meister.

Die Bild“-Zeitung schreibt: End­lich wieder Fuß­ball! End­lich wieder Tore! End­lich wieder Siege beju­beln und Nie­der­lagen beweinen.“ Können Sie selbst sich das vor­stellen: Mat­thias Brandt sitzt Ende Juni zu Hause im Wohn­zimmer und weint?
Dass Mat­thias Brandt zu Hause im Wohn­zimmer sitzt und weint, kann ich mir jeder­zeit aus den ver­schie­densten Gründen vor­stellen. Ich wäre sicher auch sehr, sehr traurig, falls meine Mann­schaft wirk­lich absteigen sollte. Aber ich würde das dann immer auf den Ver­lauf der Saison bis Mitte März beziehen und nicht auf das, was da jetzt noch statt­findet. Aber, sagen Sie, welche Edel­feder hat das wohl geschrieben? Dieses Par­al­lel­uni­versum, in dem der oder die sich auf­hält, würde ich gerne mal besu­chen. War das am Ende sogar noch der große F.J. Wagner?

Es war eine andere Edel­feder.
Ob die das wohl selber glauben, wenn sie es hin­schreiben? Falls ja, wäre es total benei­dens­wert (lacht).

Dieses Inter­view erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Tages­spiegel.