Seite 2: „Dieser irre Psychomoment, der macht es aus"

Herr Brandt, einen sol­chen Still­stand wie in den letzten zwei Monaten hat es in der Geschichte des Sports noch nie gegeben. Wochen­lang kein kol­lek­tives Erlebnis, keine Glücks­ge­fühle, kein Frust – muss das der Dau­er­zu­stand von jemanden sein, der sich über­haupt nicht für Sport inter­es­siert?
Das ist lus­ti­ger­weise etwas, wor­über ich noch nie nach­ge­dacht habe: Wie das für jemanden ist, der sich nicht für Sport inter­es­siert. Nicht weil ich bestreite, dass es das gibt. Son­dern weil ich das als Lebens­form unin­ter­es­sant finde (lacht). Aber die­je­nigen haben es dann ja, was die letzten zwei Monate angeht, gut gehabt – eine Hor­ror­vor­stel­lung ist das ja nur für unser­einen.

Was bedeutet Ihnen der Fuß­ball?
Der Fuß­ball ist ein wich­tiger Teil meines Lebens, seit ich acht war. Das heißt, ich bin jetzt seit einem halben Jahr­hun­dert Fuß­ballfan. Er hat in meinem Leben und in meiner Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung wirk­lich eine rie­sige Rolle gespielt. Sowohl als min­der­be­gabter Spieler, wie auch als Fan, der sich mit seiner Mann­schaft ver­bindet. Ich möchte mir ein Leben ohne Fuß­ball eigent­lich nicht vor­stellen. Es wäre defi­nitiv weniger schön.

Was heißt das für Sie: sich ver­binden?
Das Gefühl, Fan zu sein, Anhänger einer Mann­schaft, sonst wo sein zu können auf der Welt und zu wissen, wir spielen jetzt – und sich in diesem Moment in gewisser Weise auch ver­bunden zu fühlen mit allen mög­li­chen, auch fremden Leuten, denen es genauso geht. Das ist doch etwas sehr Beson­deres. Zum Bei­spiel habe ich neu­lich im Rahmen dieser ganzen Wie­der­ho­lungen noch einmal dieses 4:0 von Liver­pool gegen Bar­ce­lona gesehen.

Das Rück­spiel im Cham­pions-League-Halb­fi­nale aus dem ver­gan­genen Jahr, als Liver­pool ein 0:3 aus dem Hin­spiel drehte.
Genau. Und das war ein Spiel, das die Zuschauer gewonnen haben! Wo diese irre Grup­pen­dy­namik ent­standen ist, die wir ja alle kennen, denen am Fuß­ball etwas liegt. Ein Sta­dion, das gemeinsam beschließt: Vier Tore gegen Bar­ce­lona? Egal, warum nicht? Ich behaupte jetzt mal, jeder Fuß­ballfan hat schon einmal Ähn­li­ches erlebt. Und bei diesen vier Toren, die sie dann tat­säch­lich geschossen haben, da ist ja kein Spieler zum Trainer gelaufen, obwohl die den offen­sicht­lich sehr mögen. Nein, die sind in die Kurve gelaufen, weil sie wussten, dass eigent­lich die Zuschauer das geschafft hatten. Und dass sie gewis­ser­maßen nur deren Willen in die Tat umge­setzt hatten. Und dieser irre Psy­cho­mo­ment, der macht es eigent­lich aus. Jeder echte Fan hat doch das Gefühl, er könne mit­tels Tele­pa­thie das Spiel­ge­schehen beein­flussen. Übri­gens auch vor dem Fern­seher. Man ver­bindet sich als Fan vor dem Fern­seher ja mit den Fans im Sta­dion – die sind meine Stell­ver­treter. Nicht die Spieler.

Dann ist Ihre Ver­bin­dung ins Sta­dion nun also vor­erst abge­rissen.
Ganz genau. Das ein­fach zu negieren, ist doch total gro­tesk. Wenn man das jetzt weg­nimmt, dann nimmt man mich, der ich vor dem Fern­seher hocke, eben auch weg. Ich habe da keinen Platz mehr.

Wie kalt hat Sie damals die abrupte Unter­bre­chung erwischt?
Also ohne das jetzt noch weiter sen­ti­mental über­höhen zu wollen: Sie merken ja viel­leicht, dass der Fuß­ball nichts ist, was irgendwie eine schöne Neben­sache für mich wäre, auf die ich pro­blemlos ver­zichten kann. Für mich waren die letzten zwei Monate wirk­lich ein Ein­schnitt, ent­beh­rungs­reich. Mein Leben war dadurch ein anderes. Das war ein klas­si­scher kalter Entzug.