Uli Borowka, vor gut zwei Monaten wurde Ihre Bio­grafie ver­öf­fent­licht, in der Sie scho­nungslos offen Ihre Kar­riere und die damit ver­bun­dene Alko­hol­sucht sezieren. Das Buch hat erstaun­lich viele Reak­tionen pro­vo­ziert. Wel­ches Feed­back hat Sie ganz beson­ders berührt?
Ein Mann schrieb mir: Uli, Danke für die Grät­sche direkt in mein Herz. Ich habe vor acht Tagen auf­ge­hört zu saufen“. Und er war nicht der ein­zige, der sich offenbar von meinen Erfah­rungen hat positiv beein­flussen lassen. Noch per­sön­li­cher ist das Feed­back bei den Lesungen: Da sitzen Men­schen im Publikum, die ganz offen zugeben, dass sie nasse oder tro­ckene Alko­ho­liker sind und mit mir das Gespräch suchen. Das zeigt mir, dass ich den rich­tigen Weg gewählt habe.

Sie galten als aktiver Spieler als Rau­bein und Böse­wicht – nicht nur auf dem Platz. Das Axt“-Image haben Sie auch als Pri­vat­person aus­ge­lebt. Wie reagieren die Men­schen darauf, dass Sie nun so offen und ehr­lich über Ihr Fehl­ver­halten spre­chen?
Viele, ob nun Leser, Fans oder Jour­na­listen, sind sich im Vor­feld immer sehr unsi­cher, ob ich sie nicht gleich über die andere Stra­ßen­seite treten würde. Und sind dann natür­lich über­rascht, dass ich doch eigent­lich ein ganz netter Kerl bin, der durchaus unfall­frei drei gerade Sätze sagen kann. Ganz klar: Das Buch hat mir bis­lang auch geholfen, mein ram­po­niertes Image auf­zu­po­lieren.

Gab es in den ver­gan­genen zwei Monaten einen Tag, an dem Sie dachten: Hätte ich bloß nicht dieses Buch geschrieben?
Nein. Wäh­rend der Arbeit an der Bio­grafie habe ich durchaus auch mal Zweifel gehabt, ob das richtig ist, was ich hier tue. Und als ich dann das erste Mal das vor­läu­fige Manu­skript gelesen hatte, bin ich richtig in ein Loch gefallen. Zwei Wochen lang ging es mir dre­ckig. Weil mir das, was in dem Buch steht, ein­fach noch mal vor Augen führt, was ich in meinem Leben alles falsch gemacht habe. Ich fuhr zu einem meiner besten Kum­pels, wir redeten viel und ich konnte mich aus diesem Tief befreien. Seitdem kann ich das Buch und seine Folgen auch genießen.

Als Fuß­baller nannte man Sie die Axt“, auf Ihrer Visi­ten­karte und Ihrer Home­page werben Sie noch immer mit dem Axt-Symbol. Gleich­zeitig hat noch kaum ein Fuß­baller so offen über sein Fehl­ver­halten gespro­chen und geschrieben wie Sie. Wenn man so will, ist die Axt zum größten Sen­si­bel­chen der Fuß­ball-Szene geworden. Müssen Sie sich Gedanken über ein neues Image machen?
Ach was, ich bin ein­fach nur reifer geworden, habe mich seit der The­rapie 2000 per­sön­lich extrem wei­ter­ent­wi­ckelt. Dass ich heute so offen und ehr­lich über meine Gefühle spreche, ist auch Teil der Bekämp­fung meiner Alko­hol­sucht. Das Leben hat für mich heute einen ganz anderen Sinn und weil ich so offen an mich und mein Leben heran gehe, kann ich die Axt von früher und den Uli der Gegen­wart auch sehr gut mit­ein­ander ver­knüpfen.

War das Buch auch Teil Ihrer Lang­zeit­the­rapie gegen die Sucht?
Absolut! Ich habe mir damals in der Klinik vor­ge­nommen, die Sucht scho­nungs- und kom­pro­misslos zu bekämpfen. Dazu gehört, dass ich keinen Tropfen Alkohol mehr anrühre, dazu gehört, dass ich gleich nach der The­rapie wieder in der elter­li­chen Gast­stätte am Tresen stand, dazu gehört, dass ich ein Buch geschrieben habe, dazu gehört, dass ich brutal ehr­lich zu mir selbst bin. Diese Ehr­lich­keit, das haben mir viele andere Betrof­fene gesagt, würden sich die meisten Süch­tigen oder Sucht­ge­fähr­deten auch wün­schen. Aber dazu muss man auch bereit sein. Leicht ist es nicht. Womög­lich kommt mir dabei die Dis­zi­plin des ehe­ma­ligen Leis­tungs­sport­lers zugute.

Hätte der Uli Borowka im Winter 2012 dem Uli Borowka kurz vor dem Alkohol-Exitus eigent­lich helfen können?
Nein. Wenn der Süch­tige nicht auch nur ein Fünk­chen Eigen­in­itia­tive zu seiner Ret­tung ver­spürt, kann ihm nie­mand helfen. Ich erlebe diese Tra­gödie gerade im Freun­des­kreis. Ich will helfen, ich will alles tun, aber Süch­tige können einen so dicke Mauer um sich heraus auf­bauen, dass kein anderer Mensch die ein­reißen kann, außer sie selbst. Dass ich damals gerettet wurde, war ein­fach nur Glück und der Ver­dienst von meinen alten Glad­ba­cher Freunden, die mir zum rich­tigen Zeit­punkt Hilfe ange­boten haben.

Ihr Freund Chris­tian Hoch­stätter hat Ihnen damals einen Platz in der Sucht­klinik ver­schafft. Wie hat die Fuß­ball­szene eigent­lich auf die Ver­öf­fent­li­chung Ihrer Bio­grafie reagiert?
Mal von einigen wenige Aus­nahmen abge­sehen sehr positiv. Andy Möller hat mir erst neu­lich auf dem Sport­pres­se­ball seinen Respekt bezeugt und auch von anderen Sport­lern war das Feed­back toll. Die ehe­ma­lige Boxerin Regina Hal­mich etwa hat gesagt, ihr wäre ein so ehr­li­cher Typ wie ich tau­sendmal lieber, als all die glatt­ge­bü­gelten Kol­legen.

Sie wirken bei Ihren Auf­tritten sehr geläu­tert, fast schon demütig: Müssen Sie jetzt eigent­lich auf­passen, bei all der Öffent­lich­keit nicht die frisch gewon­nene Boden­haf­tung zu ver­lieren?
Natür­lich. Ich war schon immer ein Typ, dem das Leben schnell den Kopf ver­drehen kann. Es gibt ein altes Sprich­wort, das passt bei mir wie die Faust aufs Auge: Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis. Aber ich habe meine Frau, meine Freunde – und schließ­lich auch mich selbst, um auf­zu­passen, dass das nicht pas­siert.

Tro­ckener Alko­ho­liker, die Bio­grafie ver­öf­fent­licht – was kommt als Nächstes?
Gemeinsam arbeiten wir an der Grün­dung eines gemein­nüt­zigen Ver­eins, der eine Anlauf­stelle für sucht­kranke oder sucht­ge­fähr­dete Leis­tungs­sportler werden soll. Keine Sorge, die Arbeit wird mir nicht aus­gehen.

Letzte Frage: Wie groß ist die Gefahr, dass der neue sym­pa­thi­sche Uli Borowka plötz­lich auch auf dem Fuß­ball­platz ein ganz netter Zeit­ge­nosse ist?
Tja, auf dem Rasen brennen mir tat­säch­lich immer noch regel­mäßig die Siche­rungen durch, ein altes Über­bleibsel aus den alten Bun­des­li­ga­tagen… Ich muss bei jedem Kick auf­passen, dass mich nicht mein Fuß­baller-Ich über­mannt, schließ­lich sind wir alle schon etwas in die Jahre gekommen, da ist der Körper doch ziem­lich ver­let­zungs­an­fällig. Aber kein Angst, die Axt werde ich schon nicht begraben…