Herr Adler, als was fühlen Sie sich: als Deutsch­lands Nummer eins, Deutsch­lands vor­läu­fige Nummer eins oder als Ver­treter von Deutsch­lands Nummer eins?

Schwie­rige Frage. Mir liegt es fern, öffent­lich irgend­etwas ein­zu­for­dern oder Kol­legen zu beur­teilen. Ich weiß, dass das Leis­tungs­prinzip oberstes Gebot ist. Also werde ich mich im Trai­ning anbieten und ver­su­chen, in den Län­der­spielen mein Bestes zu geben. Wenn ich das schaffe, habe ich auf Sicht ganz gute Karten.



Für das Publikum sind Sie die Nummer eins. Bei Ihrem Län­der­spiel­debüt gegen Russ­land wurden Sie gefeiert.

Das bedeutet mir unheim­lich viel – weil ich damit nie gerechnet hätte.

Woran liegt die Wert­schät­zung? An Ihrer Person? Oder an Ihrem Tor­wart­spiel?

Das weiß ich nicht. Es ist nicht so, dass ich nur für die Fans spiele. Ich spiele so, wie ich es für richtig halte. Ich will authen­tisch sein. Die Leute merken, wenn jemand ein Schau­spiel ablie­fert.

Wieso ist Ihnen die Aner­ken­nung wichtig?

Ich weiß, wie es ist, Fan zu sein, im Block zu stehen und nach dem Spiel eine Stunde auf ein Auto­gramm zu warten. In Leipzig war ich Ball­junge, da war ich immer ganz heiß darauf, von den Tor­hü­tern die Hand­schuhe zu kriegen. Ich war der Erste, der hinter dem Tor stand. Des­halb habe ich auch so einen hohen Hand­schuh­ver­schleiß – weil ich viele ver­schenke.

Was haben Sie mit den Hand­schuhen gemacht?

Was soll ich damit gemacht haben? Die habe ich ange­zogen. Meist waren die zwei, drei Num­mern zu groß. Da habe ich sie halt enger zusam­men­ge­schnürt. Ich hatte schon immer gutes Mate­rial, damit ich pro­fes­sio­nell arbeiten konnte.

Sie haben mal gesagt, Sie seien im Spiel immer auf Ball­höhe und ver­suchten, ein, zwei Situa­tionen vor­aus­zu­denken.

Ich ver­suche zu erkennen, was der Gegner macht oder machen kann: Wie steht der Ball­füh­rende? Welche Mög­lich­keiten hat er? Kann er den Ball in die Tiefe spielen? Vor allem: Kann ich einen oder zwei Schritte vor­gehen, um einen Vor­sprung zu haben? Die offen­sive Spiel­weise habe ich mir in der Jugend ange­eignet. Das hat nichts mit Spe­ku­lieren zu tun, ist auch kein Hokus­pokus. Das sind Situa­tionen, die sich in jeder Saison etliche Male wie­der­holen. Wenn ich raus­gehe, gehe ich davon aus, dass ich den Ball auch kriege.

Muss man dem Gegner einen Zug voraus sein, weil das Spiel so schnell geworden ist?

Es gibt kein Muss. Ich will agieren und nicht darauf reagieren, was der Gegner macht. Dann ist es meis­tens zu spät.

Würden Sie sagen, diese Art des Spiels macht Sie zu einem modernen Tor­hüter?

Was heißt modern? Im End­ef­fekt geht es darum, mög­lichst kein Tor zu kas­sieren. Wie ein Tor­wart das schafft, ist seine Sache. Das ist auch gut so. Meine Art, das Fuß­ball­spiel zu inter­pre­tieren, ist ein gewach­senes Ding, das ich mir über viele Jahre ange­eignet habe.

Wie haben Sie das gemacht?

Indem ich im Trai­ning neue Sachen aus­pro­biert habe, die ich bei anderen sah. Schon als Jugend­li­cher habe ich auf den Tor­hüter geachtet: Wo steht er bei Eck­bällen? Wo bei Frei­stößen? Wie rollt er sich ab? Ich habe das nach­ge­macht. So wächst der indi­vi­du­elle Stil. Tag für Tag.

Bei wem haben Sie sich etwas abge­schaut?

Ich könnte etliche Namen nennen, Oliver Kahn, Jens Leh­mann, Stefan Klos etce­tera. Und Peter Schmei­chel. Er war mein großes Idol. Seine Prä­senz und seine Domi­nanz im Straf­raum waren unglaub­lich. Als er einmal mit Spor­ting Lis­sabon in der Cham­pions-League in Lever­kusen gespielt hat, ist Rüdiger Voll­born …

… Ihr Zieh­vater und Tor­wart­trainer …

… mit mir zu ihm gegangen. Schmei­chel hat sogar mit mir geredet, hat mir seine Hand­schuhe und sein Trikot geschenkt. Die Hand­schuhe trug ich einmal beim Trai­ning – um mit seinen Hand­schuhen gespielt zu haben. Danach habe ich sie weg­ge­legt. Die haben einen Ehren­platz.

Sie schwärmen ja. Sonst sind Sie ein eher ratio­naler Typ, oder?

Ja, absolut. Ich mache sehr viel mit dem Kopf. Der Kopf ist das Ent­schei­dende. Ab einem gewissen Niveau haben alle Tor­hüter etwa die glei­chen Grund­lagen, dann hängt es nur daran, ob du mental stark bist, dich nicht unter Druck setzen lässt und Ver­trauen in dein Spiel hast.

Trai­nieren Sie ihren Kopf?

Wenn ich bei der Natio­nal­mann­schaft bin, arbeite ich mit unserem Sport­psy­cho­logen zusammen. Ich lese auch sehr viel dar­über. Auf diesem Gebiet kann ich noch viel an Stärke hin­zu­ge­winnen.

Denken Sie inzwi­schen anders über sich und Ihre Posi­tion nach?

Auf jeden Fall. Ich bin ja jetzt Natio­nal­spieler. Manchmal denke ich viel­leicht sogar zu viel nach. Es gibt nie­manden, der kri­ti­scher zu mir ist als ich selbst.

Gibt es für Sie das per­fekte Spiel?

Per­fekt wird man nie. Man kann ver­su­chen, nah ans Optimum her­an­zu­kommen. Das ist mein Ziel.

Die Leute, die Sie in Ihrem ersten Bun­des­li­ga­spiel gesehen haben, sagen: René Adler war da schon nah am Optimum.

Sie müssen wissen, dass ich vor diesem Spiel in Schalke ein halbes Jahr ver­letzt und gerade erst wieder zwei Wochen im Trai­ning war. Das war also nicht all­täg­lich. Ich habe ein­fach ver­sucht, das Spiel zu genießen. Wir haben 1:0 gewonnen, die Bälle kamen richtig gut, für mich war dieses Spiel wie gemalt. Aber man kann die Stärke eines Tor­hü­ters nicht an einem Spiel fest­ma­chen. Du musst über Jahre hinweg kon­stant spielen. Nach fünf oder zehn Jahren will ich sagen können: Ich habe mich wei­ter­ent­wi­ckelt.

Kennen Sie denn gar keine Selbst­zweifel?

Doch, die kennt jeder Mensch. Das ist bei mir nicht anders. Aber in unserer Branche darfst du deine Zweifel nicht zeigen.

Ruhe haben Sie auch bei Ihrem Debüt in der Natio­nal­mann­schaft aus­ge­strahlt. Haben Sie sich die Auf­zeich­nung des Spiels gegen Russ­land inzwi­schen einmal ange­sehen?

Bisher noch nicht.

Ihr Kon­kur­rent Robert Enke war ein wenig irri­tiert, wie eupho­risch der Fern­seh­kom­men­tator Ihre Leis­tung bespro­chen hat.

Das kann ich ver­stehen. Ich will meine Leis­tung nicht schlecht machen. Ich habe sicher­lich meinen Teil dazu bei­getragen, dass wir 2:1 gewonnen haben. Aber ich habe dieses Spiel nie über­be­wertet. Es war von mir eine nor­male, gute Leis­tung, aber sicher keine über­ra­gende. Und schon gar nicht das Spiel meines Lebens.

Der Kicker hat Ihnen eine 1,5 gegeben.

Da habe ich auch ein biss­chen gestaunt. Ich will nicht sagen, dass alles besser gemacht wurde, als es war. Aber ich kann das schon ein­schätzen. Nach guten Spielen feiere ich mich nicht ab, ich habe aber auch kein Pro­blem, Fehler zuzu­geben.

Nach dem Gegentor gegen Eng­land haben Sie darauf beharrt, gefoult worden zu sein.

Ich habe gedacht, dass die Aktion abge­pfiffen wird, selbst nach dem Spiel war ich noch über­zeugt, dass es ein Foul war. Aber ich habe die Situa­tion noch einmal ana­ly­siert. An dem Tor habe ich sicher eine Aktie. Ich weiß jetzt, dass ich mit beiden Fäusten zum Ball gehen muss, auch ener­gisch gegen den Gegen­spieler, dann hätte ich den Ball sicher gekriegt.

Hatten Sie das Gefühl, dass man regel­recht auf einen Fehler von Ihnen gewartet hat?

Das ist doch normal. Ich habe zwei­ein­halb Jahre lang keinen Fehler gemacht, der zu einem ent­schei­denden Tor geführt hat. Dass dann gesucht wird, viel­leicht auch um den Kon­kur­renz­kampf unter den Tor­hü­tern anzu­heizen, ist nur logisch.

Ihr Tor­wart­trainer Rüdiger Voll­born hat gesagt, er habe sich das für Sie gewünscht.

Als wir uns nach dem Spiel gesehen haben, hat er mich ange­lacht. Ich wusste genau, was er meint. Die Woche war sehr lehr­reich für mich, sie war auch nicht ein­fach – weil ich mich zum ersten Mal der Kritik stellen musste. Ich bin für diese Situa­tion sehr dankbar.

Warum?

Ich glaube, dass alles Nega­tive etwas Gutes hat. So war es auch mit meiner Schul­ter­ver­let­zung im Sommer. Natür­lich war es bitter für mich, für das erste Län­der­spiel nach der EM abzu­sagen. Aber für mich ist keine Welt zusam­men­ge­bro­chen. Ich konnte in den drei Wochen gezielt meine kör­per­li­chen Defi­zite auf­ar­beiten, weil ich ein biss­chen kaputt war.

Es wurde kol­por­tiert, dass Sie das Trai­ning bei der EM kör­per­lich über­for­dert habe.

Das habe ich gelesen. Ich weiß nicht, was damit bezweckt wird, ob das Mei­nungs­mache ist. Fakt ist, dass ich sehr viel trai­niert habe, Zusatz­schichten en masse ein­ge­legt habe, weil mir klar war, dass ich wäh­rend des Tur­niers nicht zum Ein­satz komme. Das habe ich für mich gemacht.

Wie ist Ihr Ver­hältnis zu Robert Enke, Ihrem Kon­kur­renten?

Sehr gut. Bei der EM durfte ich mit Robert trai­nieren, da habe ich ihn zum ersten Mal bewusst als Team­ka­me­raden wahr­ge­nommen. Er ist ein sehr aus­ge­gli­chener und ruhiger Typ, der über viel Erfah­rung, auch Lebens­er­fah­rung ver­fügt. Als junger Tor­wart kannst du zu ihm auf­schauen. Ich habe mit ihm das Gespräch gesucht, ihm Fragen gestellt, um mög­lichst viel für mich mit­zu­nehmen. Robert hat immer ein offenes Ohr gehabt.

Bei der Natio­nal­mann­schaft müssen Sie sich einem Kon­kur­renz­kampf stellen. Stört Sie das?

Ten­den­ziell bin ich eher der Typ, der Rück­halt braucht. Aber in der Natio­nal­mann­schaft ist es nun mal anders. Die Situa­tion kenne ich aus dem Verein so nicht, sie ist neu für mich, aber auch daran werde ich wachsen.

Einen zweiten Tor­wart­krieg wird es also nicht geben.

Der Kon­kur­renz­kampf wird über die Leis­tung auf dem Platz ent­schieden, da muss ich keinen Neben­kriegs­schau­platz eröffnen. Das liegt absolut nicht in meinem Inter­esse. Ich glaube, es gibt zur­zeit genug andere Pro­bleme.