Hin­weis: Dieses Inter­view stammt aus unserem Archiv.

Yves Eigen­rauch, schon Stunden vor dem Spiel wurde die Mai­länder Innen­stadt von über 30.000 Schalke-Fans bevöl­kert. Haben Sie davon etwas mit­be­kommen?
Wir waren in einem Hotel außer­halb von Mai­land unter­ge­bracht, etwa eine drei­viertel Stunde Fahr­zeit vom Sta­dion ent­fernt, von daher haben wir in Mai­land nichts davon gemerkt. Aber natür­lich hatten wir in den Tagen und Wochen zuvor die starke Euphorie in Deutsch­land gespürt.

Hätten Sie es gerne ein wenig volks­näher“ gehabt?
Für mich hätte es durchaus lockerer sein können. So hatten wir nur die Reise vom Flug­hafen über das Hotel und den Trai­nings­platz zum Sta­dion.

Von Mai­land haben Sie nicht viel gesehen?
Nein, die Stadt habe ich nur durch die Bus­fahrt ken­nen­ge­lernt.

War Ihnen die enorme Bedeu­tung des Spiels für den Verein vorher bewusst?
Ich muss zugeben, dass ich das etwas naiv gesehen habe, das heißt, die Bedeu­tung, die das Spiel even­tuell für den Verein oder uns Spieler haben könnte, habe ich vor dem Spiel gar nicht gefasst. Es war für mich ein Spiel, das ich gewinnen wollte.

Keine Ahnung, irgend­je­mand von Inter Mai­land“

Yves Eigenrauch auf die Frage nach seinem Gegenspieler im Uefa-Cup-Finale

Nach dem her­vor­ra­genden Hin­spiel, das mit einem 1:0‑Heimsieg endete, hatte Schalke schon eine Hand am Pott – so las man es zumin­dest in vielen Zei­tungen. Standen Sie, als Ver­tei­diger, nach diesem Hin­spiel­ergebnis unter beson­ders hohem Druck?
Nein.

85 Minuten ver­tei­digte die Schalker Hin­ter­mann­schaft exzel­lent, doch dann genügte eine Unacht­sam­keit und Zamo­rano ega­li­sierte das Hin­spiel­ergebnis. Ein Schock für die Sie?

Das war inso­fern für mich per­sön­lich uner­freu­lich, als dass mein Gegen­spieler in dieser Situa­tion mit dem Kopf ver­län­gerte.

Wissen Sie noch wel­cher Gegen­spieler das war?
Keine Ahnung, irgend­je­mand von Inter Mai­land.

Wie hat die Mann­schaft reagiert?
Es ist natür­lich bitter, wenn man so kurz vor dem Ziel steht und dann so ein Gegentor bekommt, das sehr unglück­lich gefallen ist. Inter­es­sant war damals: Ich habe vorher noch nie so eine Laut­stärke des Publi­kums mit­er­lebt. Die Mai­länder Zuschauer haben alle ange­fangen zu pfeifen, dass war echt immens.

Zu pfeifen?
Ich weiß nicht ob das dort irgend­einen tra­di­tio­nellen Hin­ter­grund hat, auf jeden Fall haben die alle ange­fangen ohren­be­täu­bend laut zu pfeifen.

Waren Sie nach 90 Minuten nie­der­ge­schlagen oder zuver­sicht­lich? Die Chance auf den Titel war ja noch da.
Meine eigenen Gedanken habe ich nicht mehr im Kopf, aber wenn ich mir vor Augen halte, wie die anderen Spieler reagiert haben, dann war da keine Nie­der­ge­schla­gen­heit vor­handen, son­dern es wurde daran geglaubt, dass wir es jetzt in der Ver­län­ge­rung oder im Elf­me­ter­schießen schaffen.

In der Ver­län­ge­rung hatte Inter noch eine Rie­sen­mög­lich­keit…
Ein Inter-Spieler hätte mit einem Heber über Jens Leh­mann fast das zweite Tor gemacht, er hat aber zum Glück nur die Latte getroffen.

Das Elf­me­ter­schießen musste die Ent­schei­dung bringen. Sie wollten nicht schießen?
Das stand gar nicht zur Dis­kus­sion, weil auch wir unsere ent­spre­chenden Spieler hatten, die für einen Elf­meter in Frage kamen. Dazu gehörte ich nicht, das ent­sprach auch nicht meinen Qua­li­täten.

Marc Wil­mots ent­schied mit seinem Elf­meter die Parte. Können Sie sich noch erin­nern, was danach pas­siert ist?
Ich kann mich nur daran erin­nern, dass ich das alles ein wenig befremd­lich fand. Ich dachte eigent­lich, dass wir mit der Mann­schaft die Mög­lich­keit hätten, das Ganze im kleinen Rahmen auf dem Platz zu feiern, aber dafür war der Medi­en­rummel schon zu groß, so dass es schnell zu den for­mellen Dingen über­ging. Die Zeit, um wirk­lich zu rea­li­sieren, was da geschehen war, hatte ich zumin­dest nicht.

Bei der Natio­nalelf habe ich mich deplat­ziert gefühlt“

Die Zeit zum Genießen hat gefehlt?
Das kann man so sagen. Ich bin ja sowieso, das ist viel­leicht in der Bericht­erstat­tung der Ver­gan­gen­heit schon deut­lich geworden, kein ganz so emo­tio­naler Mensch. Inso­fern ist für mich die rie­sige Bedeu­tung, die der Uefa-Cup Sieg für den Verein und die Fans hat, immer noch nicht ganz greifbar. Ich muss dazu noch anmerken: Was die Sache noch beson­ders inter­es­sant gestal­tete, ist, dass der Uefa-Pokal ästhe­tisch die schönste Tro­phäe ist, die man im Fuß­ball gewinnen kann.

Ein Jahr später ging es wieder gegen Inter, dieses Mal mit dem zwei­fa­chen Welt­fuß­baller Ronaldo. 90 Minuten hat er kein Stich gesehen. Das Spiel Ihres Lebens?
Ich hatte kein Spiel meines Lebens. Weder das Spiel, noch irgend­welche anderen. Ich habe Fuß­ball gespielt, weil es mir Spaß gemacht hat.

Haben Sie den dama­ligen Hype um Ihre Person ver­standen?
Nicht wirk­lich, das war mir ein biss­chen zu abstrus. Zumal ich das Spiel gemacht habe, nach dem ich acht oder neun Monate wegen einer Ver­let­zung nicht gespielt habe. Kurz nach dem End­spiel gegen Mai­land habe ich mich ver­letzt und musste am Knie ope­riert werden. Dann waren für das Rück­spiel gegen Inter zwei Spieler gesperrt und Huub Ste­vens meinte, ich solle von Beginn an spielen. Des­wegen habe ich mit Marco Kurz die Innen­ver­tei­di­gung gebildet.

Der ist mitt­ler­weile in Ver­ges­sen­heit geraten.
Das ist auch das, was mich am meisten geär­gert hat. Marco hat damals ein Super­spiel gemacht und nur weil mein Gegen­spieler einen noch grö­ßeren Namen hatte, rich­tete sich der Fokus dann auf mich.

Immerhin hat Ihnen die Partie auch eine Ein­la­dung zur Natio­nalelf beschert.
Wo ich mich relativ depla­ziert gefühlt habe, weil ich auch nicht der Mei­nung war, dass ich das Leis­tungs­ver­mögen eines Natio­nal­spie­lers hätte. Aus meiner Sicht war ich ein kon­stanter Bun­des­li­ga­spieler. Trotzdem waren die Reisen mit der Natio­nalelf eine sehr inter­es­sante Erfah­rung, ich bezeichne sie immer als Stu­di­en­reisen.