Der­by­stim­mung im Volks­park­sta­dion. Wir waren mit dem Ham­burger SV mehr schlecht als recht in die Saison gestol­pert, nach dem 0:0 gegen St. Pauli am 9. Spieltag der Saison 1989/1990 lagen wir zwei Plätze hinter dem Stadt­ri­valen auf Rang 16. Auch die Bremer waren mit neun Punkten aus neun Spielen schlecht bedient. Das Spiel war also ein rich­tung­wei­sendes, über die Riva­lität beider Ver­eine hinaus.


Um die 20. Spiel­mi­nute herum star­teten wir einen Angriff, der aber rasch mit einem Fehl­pass endete. Bremen kon­terte, das Spiel­gerät lan­dete am Straf­raum bei Wynton Rufer. Unser Schnapper Richard Golz stürmte aus dem Kasten, doch Rufer über­lupfte ihn. Ich war nun der ein­zige Ham­burger in Ball­nähe und sprin­tete zum Tor. Mein ein­ziges Ziel: Den Ball von der Tor­linie zu schlagen, dem­entspre­chend war der Blick nur auf das Leder gerichtet.

Die Kugel erwischte ich so gerade noch, das Abbremsen miss­lang. Das Tor­ge­häuse wurde zur Aus­lauf­zone, ich lief unge­bremst ins Netz und ver­fing mich darin. Erste Befrei­ungs­ver­suche schei­terten. Ich hing irgendwo fest, tas­tete meinen Rücken ab und fühlte das Tor­netz, aber auch kaltes Metall. Schon eilten Phy­sio­the­ra­peut Her­mann Rieger und Mann­schafts­arzt Gerold Schwarz zu Hilfe. Schwarz erklärte mir, ich hinge nicht im Netz, son­dern an einem Kara­bi­ner­haken.

20 Minuten, eine Ewig­keit, lag ich im Tor

Der kaputte Haken war Teil einer Befes­ti­gungs­stange des Tor­ge­häuses und aus­ge­rechnet jetzt schloss er erst­mals wieder. Unter Schock spürte ich noch keinen Schmerz. Wäh­rend ich lag, ver­suchte Rieger mich zu befreien, aber so langsam wurde klar, dass sich das Metall tiefer ver­hakt hatte. 20 Minuten, eine Ewig­keit, lag ich im Tor. Zwi­schen­zeit­lich hatte man ver­sucht, mich mit einer Flex vom Haken zu trennen. Mit den ver­schie­denen Gerät­schaften in den Fünf­me­ter­raum zog auch langsam der Schmerz in meinen Rücken ein.

Ein Skal­pell von Schwarz trennte mich dann erfolg­reich vom Kara­biner. Er schnitt das ein­ge­hakte Stück Fleisch heraus und ich wurde mit dem Gedanken an eine große Fleisch­wunde ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert. Nach eigent­lich erfolg­rei­chem Hei­lungs­pro­zess stieg ich wieder ins Trai­ning ein, moto­ri­sche Stö­rungen und per­ma­nente Schmerzen hin­derten mich aber am gewohnten Spiel mit den Mann­schafts­kol­legen.

Bei wei­teren Unter­su­chungen stellte sich heraus, dass bei der Ret­tungs­ak­tion meh­rere Dorn­fort­sätze der Wirbel abge­schlagen und wich­tige Nerven durch­trennt worden waren, drei Zen­ti­meter von der Wir­bel­säule ent­fernt. Eine voll­stän­dige Rege­ne­ra­tion der Ner­ven­bahnen stellte sich nicht ein, Schmerzen und die gestörte Motorik blieben. Meine Lauf­bahn war durch den Kara­bi­ner­haken plötz­lich beendet worden.

Ich war damals schon 36 Jahre alt und hatte mich trotz meines lau­fenden Ver­trages bis 1991 psy­chisch auf das vor­be­reitet, was nach dem Sport kommen sollte. Mir kam zu Gute, dass ich ohnehin nie so im Ram­pen­licht gestanden hatte wie man­cher Mann­schafts­ka­merad. Das erleich­terte mir den Schritt in den neuen Lebens­ab­schnitt. Der Verein hat mich nach dem Unfall nicht weiter unter­stützt, doch ich war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass ich in Zukunft auf mich allein gestellt sein würde.

Zuerst habe ich mich an einem ambu­lanten Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum betei­ligt, jetzt bin ich selbst­stän­diger Ver­si­che­rungs­makler. Die Schmerzen und moto­ri­schen Stö­rungen ver­folgen mich bis heute, doch ich habe gelernt, damit zu leben. Das Spiel haben wir übri­gens gewonnen, mit 4:0.