Seite 2: „Ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, ein Journalist zu sein“

Dann könnte Ihnen die Ver­nied­li­chung doch egal sein.
Ist sie aber nicht. Weil das auch etwas mit man­gelndem Respekt zu tun hat. Jour­na­listen, die das schreiben, kommen ers­tens häufig aus noch klei­neren Orten als ich, und zwei­tens bin ich der festen Über­zeu­gung, dass Innen­aus­statter ein wesent­lich inter­es­san­terer Beruf ist als Jour­na­list.

Inwie­fern?
Es gilt nicht für alle Jour­na­listen, aber einige inter­pre­tieren ihren Job so, dass sie sich auf Kosten anderer pro­fi­lieren. Und zwar sehr häufig auf meine Kosten. Das wäre nichts für mich. Ich wollte etwas lernen, in dem ich meine Qua­li­täten zur Gel­tung bringen kann. Etwas Schönes und Nütz­li­ches fürs Auge pro­du­zieren, das bringt mir ein gutes Gefühl. Zum Bei­spiel der Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen …

Was ist damit?
Ich kann Ihnen ganz genau sagen, wie der her­ge­stellt wurde. Und sehen Sie das große Gemälde dort hinten an der Wand hängen? Wie musste man es anbringen, damit es richtig im Raum hängt? Nun, ich weiß es, und das macht mich stolz. Können Sie stolz auf Ihren Beruf sein?

Ich denke schon.
Ich habe Schwie­rig­keiten, mir vor­zu­stellen, ein Jour­na­list zu sein. Ich habe eben leider auch solche ken­nen­ge­lernt, die nicht ehr­lich waren, und es fiele mir schwer, mit Respekt­lo­sig­keiten meine Bröt­chen zu ver­dienen. Nichts für ungut, aber diese Erfah­rungen habe ich nun mal in den ver­gan­genen 33 Jahren gemacht. Man kann mir ja einiges vor­werfen, aber nicht, dass ich gegen­über den Medien nicht immer ver­sucht habe, respekt­voll und ehr­lich zu sein. Warum werde ich dann nicht ehr­lich behan­delt und für meine Leis­tungen respek­tiert? Warum macht man sich dar­über lustig, was ich gelernt habe?

Pro­fi­tieren Sie heute noch von Ihrer hand­werk­li­chen Aus­bil­dung?
Ich habe zu Hause immer genü­gend Werk­zeug parat, um anfal­lende Repa­ra­turen selbst zu über­nehmen. Und seit meiner Zeit in Her­zo­gen­au­rach begleitet mich mein Gesel­len­stück: ein alter Stuhl aus hellem Holz. Der steht aktuell in meiner Woh­nung in Buda­pest. Der ist eine schöne Erin­ne­rung daran, wo ich her­komme.

Was bedeutet Ihnen der Ort Ihrer Kind­heit?
Ich ver­spüre nicht unbe­dingt ein starkes Heimat- oder Sehn­suchts­ge­fühl, wenn ich daran denke. Es ist ein­fach der Ort meiner Kind­heit, mit dem schöne Erin­ne­rungen ver­bunden sind. Wenn ich meine Eltern besuche und durch Her­zo­gen­au­rach spa­ziere, dann denke ich häufig: Mensch, da hast du das erste Mal gekickt, dort das erste Mal ein Mäd­chen geküsst …

Im ersten Kapitel Ihrer Auto­bio­grafie schreiben Sie: Ich wäre auch als Raum­aus­statter glück­lich geworden. Viel­leicht hätte ich dann längst das warme Zuhause, das ich suche.“ Trauern Sie diesem ver­passten Leben hin­terher?
Nein, über­haupt nicht. Ich lebe in der Gegen­wart und schaue gene­rell nach vorne und nicht zurück. Mit der Ver­gan­gen­heit beschäf­tige ich mich eher selten.

Sie wirkten schon als Fuß­baller immer sehr ziel­strebig und gewis­sen­haft – aber auch durchaus ver­bissen. Ihre Eltern, sagen Sie, hätten früher so viel gear­beitet, dass Sie nicht wüssten, wann über­haupt mal im Hause Mat­thäus gelacht wurde. Sind Sie ein ernster Mensch?
Wenn ich pro­fes­sio­nell sein muss, bin ich seriös. Wenn ich mich moti­vieren muss, bin ich ver­bissen. Auf dem Fuß­ball­platz gibt es eigent­lich nur wenig Zeit zum Lachen – wenn man nicht gerade wie Lionel Messi spielt. Ich war immer fokus­siert, ehr­geizig und erfolgs­ori­en­tiert. Was nicht heißt, dass ich kein fröh­li­cher Mensch sein kann. Erst neu­lich auf dem Okto­ber­fest habe ich unseren Tisch bes­tens unter­halten und mich selbst sehr amü­siert.

Dann erzählen Sie Ihre Lieb­lings­witze?
Genau.

Ver­raten Sie uns einen?
Nein. Viel­leicht beim nächsten Okto­ber­fest.

Sie betonen häufig die Bedeu­tung der Prin­zi­pien Ehr­lich­keit und Respekt. Wie ehr­lich kann man als Fuß­ball­profi sein?
Ehr­lich­keit mit Diplo­matie zu ver­binden, ist im Fuß­ball nicht ver­kehrt. Wenn es aller­dings um Pro­bleme geht, um Dinge, die einen stören, ist es ganz ent­schei­dend, ehr­lich zu sein. Im Fuß­ball und im Alltag. Man muss stark genug sein, die Kon­se­quenzen dann auch zu ertragen.

Gibt es momentan etwas, das Sie stört?
Ich habe ein Pro­blem damit, wie ich von den Medien in der Öffent­lich­keit dar­ge­stellt werde. Seit vielen Jahren. Des­halb sage ich Jour­na­listen auch manchmal: Jour­na­lismus, wie du ihn betreibst, ist ein schmut­ziges Geschäft. Weil es diesen Jour­na­listen egal ist, ob sie mit ihren Geschichten nur mir weh tun oder damit vor allem meiner Familie schaden.