Seite 3: „Die Gesellschaft weiß, was ihre Helden geleistet haben“

Das sagen Sie einem Jour­na­listen. Die Risiken dieser Kritik sind Ihnen bewusst?
Absolut. Viele Freunde werde ich damit unter Jour­na­listen nicht gewinnen. Das ist mir aber auch egal.

Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal mit dieser Ehr­lich­keit auf die Nase gefallen sind?
Sicher­lich schon mit 18 oder 19 Jahren. Aber ich habe keine kon­krete Szene vor Augen.

Wir spra­chen über Vor­bilder und starke Schul­tern. Hätten Sie sich als junger Spieler denn zumin­dest mehr Ein­ge­wöh­nungs­zeit gewünscht? Man hat Sie schon 1980 als Wun­der­kind gefeiert und dafür nach schwä­cheren Leis­tungen sehr hart kri­ti­siert.
Das war kein Pro­blem für mich. Ich wollte Erfolg – und zwar immer und überall und so schnell wie mög­lich. Da konnten mich die Leute so viel kri­ti­sieren, wie sie wollten, am Ende war ich Welt­meister, Welt­fuß­baller und Welt­sportler. Die Fans haben mich ver­ehrt, ich habe Titel gewonnen und alles erreicht, was ich mir gewünscht habe. Was mich bis heute ärgert, ist, dass man mich in eine Schub­lade gesteckt hat und mich bis heute nicht raus lässt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Situa­tion so: In Ita­lien habe ich einen Spitz­namen: Il Grande. Der Große. Nur hier, in Deutsch­land, bin ich der Loddar.“
Überall auf der Welt werde ich mit Respekt und Aner­ken­nung bedacht, auch in Deutsch­land. Vor unserem Gespräch war ich beim Bäcker. Die Bäckers­frau hat sich so gefreut, mich zu sehen, und ein Haufen Teen­ager hat zehn Fotos mit mir gemacht. Aber im Zeit­schrif­ten­ständer lagen Zei­tungen mit der Behaup­tung, meine Freundin und ich hätten uns ver­lobt und würden bald hei­raten, weil sie einen neuen Ring am Finger trage. Den Ring hat sie seit ein­ein­halb Jahren!

Ist es gene­rell ein Pro­blem der deut­schen Gesell­schaft, dass sie gern in Schub­laden denkt?
Die Gesell­schaft weiß, was ihre Helden geleistet haben. Und das nicht nur auf dem Sport­platz. Nehmen wir Boris Becker: Der hat mit seinem Erfolg tau­sende Arbeits­stellen geschaffen und gesi­chert. Als Boris 1985 Wim­bledon gewann, ver­kaufte Puma anschlie­ßend nicht mehr 500 Rackets im Monat, son­dern 160 000! Für die Medien ist er trotzdem bis heute der Typ, der ein Kind in der Besen­kammer zeugte.

Wenn Sie dieses Schub­laden-Denken so stört, warum mussten Sie dann mit dem Sender Vox eine Sen­dung pro­du­zieren, in der Sie Joghurt im Kühl­schrank zur Vie­rer­kette auf­stellten?
Ich wollte diese Sen­dung machen, um mein Image in Deutsch­land zu ver­bes­sern. Ich saß mit jungen, moti­vierten Men­schen zusammen, gemeinsam wollten wir ein tolles Pro­jekt auf die Beine stellen. Sämt­liche Folgen waren mit dem TV-Sender abge­spro­chen. Die Vor­gabe war ganz klar: Mich und mein Leben so zeigen, wie es wirk­lich ist. Mir war bewusst, dass wir in Deutsch­land mit einem 0:2‑Rückstand an den Start gehen würden.

Aber dass Sie so hoch ver­lieren würden, hätten Sie nicht gedacht?
Es war alles abge­spro­chen. Sen­de­zeit: Sonntag, 19.15 Uhr, sämt­liche Folgen werden vor der EM aus­ge­strahlt. Ich habe mich rein­ge­hängt, weil mich vieles, was in den ver­gan­genen Jahren über mich geschrieben wurde, ver­letzt hat. Und dann hat der Sender mich hängen lassen, sich nicht mehr an Abspra­chen gehalten und die Folgen so auf­ge­baut, dass ich in man­chen Szenen am Ende wieder wie ein Trottel dastand. Aber ich bereue nichts. Ent­schei­dungen bereut man nicht, man lernt höchs­tens aus ihnen und zieht seine Kon­se­quenzen.

Haben Sie irgend­wann mal den Wunsch ver­spürt, eine ein­same Insel zu kaufen und für drei Jahre von der Bild­fläche zu ver­schwinden?
Warum sollte ich das tun?

Sie haben schon so viel gewonnen, genü­gend Geld ver­dient und sind ent­täuscht über Ihr Image. Grund genug, um zu sagen: Ihr könnt mich mal, ich lasse es mir jetzt gut gehen.
Ich erlaube mir eine Gegen­frage: Glauben Sie, dass Sie sich nach drei Monaten Urlaub noch wohl fühlen? Ob man nun die Mög­lich­keit dazu hat oder nicht: Mor­gens auf­zu­wa­chen und zu wissen, dass man keine Auf­gabe hat, ist nicht befrie­di­gend.

Lothar Mat­thäus, mit wel­chem Eti­kett ist Ihre Schub­lade ver­sehen, wenn wir über die Jour­na­listen spre­chen, die Sie anpran­gern?
Nicht erwünscht“. Oder: Bei uns erwünscht, damit wir Schlag­zeilen haben“.

Wie stehen die Chancen, dass Sie jemals aus dieser Schub­lade raus­ge­lassen werden?
Ich erwarte nur Fair­ness. Wenn fair über mich berichtet wird, stehen die Chancen gut.

Aber so, wie wir Sie eben ver­standen haben, spre­chen Sie den deut­schen Jour­na­listen diese Fähig­keit ab.
Dann bleibe ich eben drin. Und werde damit leben.