Lothar Mat­thäus, sind Sie ein Vor­bild?
Ich denke schon.

Zumin­dest zu Ihrer aktiven Zeit waren Sie das sport­liche Vor­bild einer ganzen Genera­tion von Nach­wuchs­fuß­bal­lern. Ist das moti­vie­rend oder eher eine Last?
Es gab Momente in meiner Kar­riere, da bin ich an diesem Erwar­tungs­druck fast erstickt. Immer der Beste und gleich­zeitig ein Vor­bild sein zu wollen, das ist nicht ein­fach. Ich habe schnell gemerkt, dass es nicht nur mich etwas anging, wenn ich jemandem in die Beine grätschte oder in der Kneipe ein Bier zu viel trank, son­dern dass es Mil­lionen Men­schen regis­trierten. Mir sind beim Fuß­ball häufig die Siche­rungen durch­ge­brannt, ich hatte viele Momente, in denen ich mich nicht mehr unter Kon­trolle hatte. Wenn ich dann wieder klar denken konnte, klin­gelte es in meinem Kopf: Das hätte mir nicht pas­sieren sollen.

1979 wech­selten Sie in die Bun­des­liga zu Borussia Mön­chen­glad­bach. Wie wichtig war es für Sie als junger Fuß­ball­profi, ein Vor­bild zu sein?
Ich stand damals noch nicht annä­hernd so in der Öffent­lich­keit, wie ich es heute tue. Nicht jeder Fehl­tritt wurde mir am nächsten Tag um die Ohren gehauen. Aber die Ver­eine und vor allem der DFB haben uns Spieler vor den großen Par­tien oder Tur­nieren immer wieder darauf hin­ge­wiesen: Denkt daran, euch schauen heute so und so viele Mil­lionen Kinder zu! Wir wurden dazu erzogen, die Vor­bild­funk­tion auch anzu­nehmen.

Sie haben Ihre Kind­heit in Her­zo­gen­au­rach ver­bracht. Hatten Sie ein Idol?
Nein, keinen ein­zelnen Spieler. Aber einen Verein, der von Anfang an meine Sym­pa­thien hatte. Mein Vater arbei­tete bei Puma, Puma war unter anderem der Aus­statter von Borussia Mön­chen­glad­bach. Also war die Borussia mein Verein, und über meinem Bett hing ein Poster von Günter Netzer. Die Bayern waren Adidas, also für mich nicht inter­es­sant.

Einer Ihrer großen Men­toren war Jupp Heynckes, von 1979 bis 1987 Trainer bei Borussia Mön­chen­glad­bach. Sie schreiben in Ihrer Bio­grafie aller­dings von einigen Ent­täu­schungen in der Bezie­hung zu Heynckes.
Das kam erst später, als er 1987 Trainer von Bayern Mün­chen wurde. In Mön­chen­glad­bach hatten wir fünf groß­ar­tige gemein­same Jahre. Jupp hat mich geformt, geför­dert, kri­ti­siert und wieder auf­ge­baut. In den ersten Jahren meiner Lauf­bahn war er sicher­lich der beste Trainer, den ich mir wün­schen konnte. Der erste Kratzer in dieser Bezie­hung war das Pokal­fi­nale 1984 gegen die Bayern, als er mich dazu zwang, beim Elf­me­ter­schießen anzu­treten. Ich wollte das eigent­lich nicht, hatte ein ungutes Gefühl dabei. Und was pas­sierte? Ich ver­schoss und war in Mön­chen­glad­bach der große Buh­mann.

Nach der Saison 1983/84 wech­selten Sie zum FC Bayern. Fans und sogar Ver­eins­ver­treter aus Mön­chen­glad­bach warfen Ihnen vor, Sie hätten den Elf­meter absicht­lich ver­schossen. Im ersten Spiel als Bayern-Profi auf dem Bökel­berg wurden Sie als Judas“ beschimpft. An wel­cher starken Schulter konnten Sie sich als damals gerade 23-Jäh­riger aus­heulen?
Starke Schulter? Die brauchte ich nicht. Die hatte ich selbst mit 18 nicht mehr nötig. Rat­schläge von älteren Mit­spie­lern habe ich mir zwar ange­hört und auch befolgt, wenn ich der Mei­nung war, dass es sinn­voll ist. Aber eigent­lich habe ich mir immer ganz gut selbst helfen können.

Dafür muss man ziem­lich stark sein.
Kann sein. Ich musste schon immer meinen eigenen Weg gehen. Meine Eltern waren und sind gute Eltern, aber ihr Leben bestand nur aus Arbeit. Ich war früh auf mich allein gestellt. Als ich mit 18 meinen Hei­matort ver­ließ, war mir klar, dass ich mich durch­boxen muss.

Ticken Fuß­ball­profis heute auch noch so?
Fuß­baller sind, was Dis­zi­plin und Eigen­ver­ant­wor­tung betrifft, relativ früh­reif. Wer heute als 18-Jäh­riger zu den Bayern kommt, der muss die wich­tigen Ent­schei­dungen noch immer allein treffen. Da nimmt dich keiner zur Seite und erklärt dir das Leben, die Welt und wie du dich richtig auf dem Platz ver­hältst. Es geht im Leben doch immer darum, die rich­tigen Ent­schei­dungen zu treffen und für die selbst­ge­steckten Ziele zu arbeiten.

Sie haben als Fuß­baller in Mün­chen, Mai­land und New York gespielt, als Trainer wirkten Sie in Öster­reich, Ungarn, Ser­bien, Bul­ga­rien, Israel und Bra­si­lien. Ihren Vater, der nach dem Zweiten Welt­krieg aus seiner schle­si­schen Heimat fliehen musste, zitieren Sie in Ihrer Bio­grafie mit dem Satz: Frei­heit haben wir eigent­lich nie groß gehabt“. Treibt Sie der Wunsch nach Frei­heit bis heute um die Welt?
Ich erin­nere mich noch an einen anderen Satz meines Vaters: Erst kommt die Pflicht und dann die Frei­heit.“ Nach diesem Motto lebe ich auch heute noch.

Im Sinne von: Wenn ich im Job meine Leis­tung bringe, kann ich auch mal Fünfe gerade sein lassen?
Nein. Ich will meine Leis­tung gene­rell bringen. Immer. Ob im Job oder im Leben. Nur das garan­tiert mir meine Frei­heit.

Apropos Job: Was ärgert Sie eigent­lich daran, wenn Jour­na­listen Ihnen den Bei­namen der gelernte Innen­aus­statter aus Her­zo­gen­au­rach“ geben?
Das dient nicht der Infor­ma­tion, das ist eine bewusste Ver­nied­li­chung.

Sind Sie eigent­lich stolz auf Ihre Her­kunft und den erlernten Beruf?
Natür­lich!

Dann könnte Ihnen die Ver­nied­li­chung doch egal sein.
Ist sie aber nicht. Weil das auch etwas mit man­gelndem Respekt zu tun hat. Jour­na­listen, die das schreiben, kommen ers­tens häufig aus noch klei­neren Orten als ich, und zwei­tens bin ich der festen Über­zeu­gung, dass Innen­aus­statter ein wesent­lich inter­es­san­terer Beruf ist als Jour­na­list.

Inwie­fern?
Es gilt nicht für alle Jour­na­listen, aber einige inter­pre­tieren ihren Job so, dass sie sich auf Kosten anderer pro­fi­lieren. Und zwar sehr häufig auf meine Kosten. Das wäre nichts für mich. Ich wollte etwas lernen, in dem ich meine Qua­li­täten zur Gel­tung bringen kann. Etwas Schönes und Nütz­li­ches fürs Auge pro­du­zieren, das bringt mir ein gutes Gefühl. Zum Bei­spiel der Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen …

Was ist damit?
Ich kann Ihnen ganz genau sagen, wie der her­ge­stellt wurde. Und sehen Sie das große Gemälde dort hinten an der Wand hängen? Wie musste man es anbringen, damit es richtig im Raum hängt? Nun, ich weiß es, und das macht mich stolz. Können Sie stolz auf Ihren Beruf sein?

Ich denke schon.
Ich habe Schwie­rig­keiten, mir vor­zu­stellen, ein Jour­na­list zu sein. Ich habe eben leider auch solche ken­nen­ge­lernt, die nicht ehr­lich waren, und es fiele mir schwer, mit Respekt­lo­sig­keiten meine Bröt­chen zu ver­dienen. Nichts für ungut, aber diese Erfah­rungen habe ich nun mal in den ver­gan­genen 33 Jahren gemacht. Man kann mir ja einiges vor­werfen, aber nicht, dass ich gegen­über den Medien nicht immer ver­sucht habe, respekt­voll und ehr­lich zu sein. Warum werde ich dann nicht ehr­lich behan­delt und für meine Leis­tungen respek­tiert? Warum macht man sich dar­über lustig, was ich gelernt habe?

Pro­fi­tieren Sie heute noch von Ihrer hand­werk­li­chen Aus­bil­dung?
Ich habe zu Hause immer genü­gend Werk­zeug parat, um anfal­lende Repa­ra­turen selbst zu über­nehmen. Und seit meiner Zeit in Her­zo­gen­au­rach begleitet mich mein Gesel­len­stück: ein alter Stuhl aus hellem Holz. Der steht aktuell in meiner Woh­nung in Buda­pest. Der ist eine schöne Erin­ne­rung daran, wo ich her­komme.

Was bedeutet Ihnen der Ort Ihrer Kind­heit?
Ich ver­spüre nicht unbe­dingt ein starkes Heimat- oder Sehn­suchts­ge­fühl, wenn ich daran denke. Es ist ein­fach der Ort meiner Kind­heit, mit dem schöne Erin­ne­rungen ver­bunden sind. Wenn ich meine Eltern besuche und durch Her­zo­gen­au­rach spa­ziere, dann denke ich häufig: Mensch, da hast du das erste Mal gekickt, dort das erste Mal ein Mäd­chen geküsst …

Im ersten Kapitel Ihrer Auto­bio­grafie schreiben Sie: Ich wäre auch als Raum­aus­statter glück­lich geworden. Viel­leicht hätte ich dann längst das warme Zuhause, das ich suche.“ Trauern Sie diesem ver­passten Leben hin­terher?
Nein, über­haupt nicht. Ich lebe in der Gegen­wart und schaue gene­rell nach vorne und nicht zurück. Mit der Ver­gan­gen­heit beschäf­tige ich mich eher selten.

Sie wirkten schon als Fuß­baller immer sehr ziel­strebig und gewis­sen­haft – aber auch durchaus ver­bissen. Ihre Eltern, sagen Sie, hätten früher so viel gear­beitet, dass Sie nicht wüssten, wann über­haupt mal im Hause Mat­thäus gelacht wurde. Sind Sie ein ernster Mensch?
Wenn ich pro­fes­sio­nell sein muss, bin ich seriös. Wenn ich mich moti­vieren muss, bin ich ver­bissen. Auf dem Fuß­ball­platz gibt es eigent­lich nur wenig Zeit zum Lachen – wenn man nicht gerade wie Lionel Messi spielt. Ich war immer fokus­siert, ehr­geizig und erfolgs­ori­en­tiert. Was nicht heißt, dass ich kein fröh­li­cher Mensch sein kann. Erst neu­lich auf dem Okto­ber­fest habe ich unseren Tisch bes­tens unter­halten und mich selbst sehr amü­siert.

Dann erzählen Sie Ihre Lieb­lings­witze?
Genau.

Ver­raten Sie uns einen?
Nein. Viel­leicht beim nächsten Okto­ber­fest.

Sie betonen häufig die Bedeu­tung der Prin­zi­pien Ehr­lich­keit und Respekt. Wie ehr­lich kann man als Fuß­ball­profi sein?
Ehr­lich­keit mit Diplo­matie zu ver­binden, ist im Fuß­ball nicht ver­kehrt. Wenn es aller­dings um Pro­bleme geht, um Dinge, die einen stören, ist es ganz ent­schei­dend, ehr­lich zu sein. Im Fuß­ball und im Alltag. Man muss stark genug sein, die Kon­se­quenzen dann auch zu ertragen.

Gibt es momentan etwas, das Sie stört?
Ich habe ein Pro­blem damit, wie ich von den Medien in der Öffent­lich­keit dar­ge­stellt werde. Seit vielen Jahren. Des­halb sage ich Jour­na­listen auch manchmal: Jour­na­lismus, wie du ihn betreibst, ist ein schmut­ziges Geschäft. Weil es diesen Jour­na­listen egal ist, ob sie mit ihren Geschichten nur mir weh tun oder damit vor allem meiner Familie schaden.

Das sagen Sie einem Jour­na­listen. Die Risiken dieser Kritik sind Ihnen bewusst?
Absolut. Viele Freunde werde ich damit unter Jour­na­listen nicht gewinnen. Das ist mir aber auch egal.

Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal mit dieser Ehr­lich­keit auf die Nase gefallen sind?
Sicher­lich schon mit 18 oder 19 Jahren. Aber ich habe keine kon­krete Szene vor Augen.

Wir spra­chen über Vor­bilder und starke Schul­tern. Hätten Sie sich als junger Spieler denn zumin­dest mehr Ein­ge­wöh­nungs­zeit gewünscht? Man hat Sie schon 1980 als Wun­der­kind gefeiert und dafür nach schwä­cheren Leis­tungen sehr hart kri­ti­siert.
Das war kein Pro­blem für mich. Ich wollte Erfolg – und zwar immer und überall und so schnell wie mög­lich. Da konnten mich die Leute so viel kri­ti­sieren, wie sie wollten, am Ende war ich Welt­meister, Welt­fuß­baller und Welt­sportler. Die Fans haben mich ver­ehrt, ich habe Titel gewonnen und alles erreicht, was ich mir gewünscht habe. Was mich bis heute ärgert, ist, dass man mich in eine Schub­lade gesteckt hat und mich bis heute nicht raus lässt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Situa­tion so: In Ita­lien habe ich einen Spitz­namen: Il Grande. Der Große. Nur hier, in Deutsch­land, bin ich der Loddar.“
Überall auf der Welt werde ich mit Respekt und Aner­ken­nung bedacht, auch in Deutsch­land. Vor unserem Gespräch war ich beim Bäcker. Die Bäckers­frau hat sich so gefreut, mich zu sehen, und ein Haufen Teen­ager hat zehn Fotos mit mir gemacht. Aber im Zeit­schrif­ten­ständer lagen Zei­tungen mit der Behaup­tung, meine Freundin und ich hätten uns ver­lobt und würden bald hei­raten, weil sie einen neuen Ring am Finger trage. Den Ring hat sie seit ein­ein­halb Jahren!

Ist es gene­rell ein Pro­blem der deut­schen Gesell­schaft, dass sie gern in Schub­laden denkt?
Die Gesell­schaft weiß, was ihre Helden geleistet haben. Und das nicht nur auf dem Sport­platz. Nehmen wir Boris Becker: Der hat mit seinem Erfolg tau­sende Arbeits­stellen geschaffen und gesi­chert. Als Boris 1985 Wim­bledon gewann, ver­kaufte Puma anschlie­ßend nicht mehr 500 Rackets im Monat, son­dern 160 000! Für die Medien ist er trotzdem bis heute der Typ, der ein Kind in der Besen­kammer zeugte.

Wenn Sie dieses Schub­laden-Denken so stört, warum mussten Sie dann mit dem Sender Vox eine Sen­dung pro­du­zieren, in der Sie Joghurt im Kühl­schrank zur Vie­rer­kette auf­stellten?
Ich wollte diese Sen­dung machen, um mein Image in Deutsch­land zu ver­bes­sern. Ich saß mit jungen, moti­vierten Men­schen zusammen, gemeinsam wollten wir ein tolles Pro­jekt auf die Beine stellen. Sämt­liche Folgen waren mit dem TV-Sender abge­spro­chen. Die Vor­gabe war ganz klar: Mich und mein Leben so zeigen, wie es wirk­lich ist. Mir war bewusst, dass wir in Deutsch­land mit einem 0:2‑Rückstand an den Start gehen würden.

Aber dass Sie so hoch ver­lieren würden, hätten Sie nicht gedacht?
Es war alles abge­spro­chen. Sen­de­zeit: Sonntag, 19.15 Uhr, sämt­liche Folgen werden vor der EM aus­ge­strahlt. Ich habe mich rein­ge­hängt, weil mich vieles, was in den ver­gan­genen Jahren über mich geschrieben wurde, ver­letzt hat. Und dann hat der Sender mich hängen lassen, sich nicht mehr an Abspra­chen gehalten und die Folgen so auf­ge­baut, dass ich in man­chen Szenen am Ende wieder wie ein Trottel dastand. Aber ich bereue nichts. Ent­schei­dungen bereut man nicht, man lernt höchs­tens aus ihnen und zieht seine Kon­se­quenzen.

Haben Sie irgend­wann mal den Wunsch ver­spürt, eine ein­same Insel zu kaufen und für drei Jahre von der Bild­fläche zu ver­schwinden?
Warum sollte ich das tun?

Sie haben schon so viel gewonnen, genü­gend Geld ver­dient und sind ent­täuscht über Ihr Image. Grund genug, um zu sagen: Ihr könnt mich mal, ich lasse es mir jetzt gut gehen.
Ich erlaube mir eine Gegen­frage: Glauben Sie, dass Sie sich nach drei Monaten Urlaub noch wohl fühlen? Ob man nun die Mög­lich­keit dazu hat oder nicht: Mor­gens auf­zu­wa­chen und zu wissen, dass man keine Auf­gabe hat, ist nicht befrie­di­gend.

Lothar Mat­thäus, mit wel­chem Eti­kett ist Ihre Schub­lade ver­sehen, wenn wir über die Jour­na­listen spre­chen, die Sie anpran­gern?
Nicht erwünscht“. Oder: Bei uns erwünscht, damit wir Schlag­zeilen haben“.

Wie stehen die Chancen, dass Sie jemals aus dieser Schub­lade raus­ge­lassen werden?
Ich erwarte nur Fair­ness. Wenn fair über mich berichtet wird, stehen die Chancen gut.

Aber so, wie wir Sie eben ver­standen haben, spre­chen Sie den deut­schen Jour­na­listen diese Fähig­keit ab.
Dann bleibe ich eben drin. Und werde damit leben.