Herr Löw, was haben Sie eigent­lich heute nach dem Auf­stehen getan?
Zuerst habe ich mit Frank Wormuth tele­fo­niert, weil er ein Kenner der Gruppe A ist und sie für uns beob­achtet.

Aus dieser Gruppe käme der nächste Gegner im Vier­tel­fi­nale…
Ja, aber so weit sind wir noch nicht. Natür­lich müssen wir planen. Danach hatten wir eine Bespre­chung mit den Scouts, da ging es um die Ein­tei­lungen für die Spiel­be­ob­ach­tungen. Und wenn Sie es ganz genau wissen wollen: Um 7.30 Uhr habe ich trai­niert.

Sie sich?
Ja, ein biss­chen im Fit­ness­raum. Erst auf dem Lauf­band, auf dem Fahrrad und dann ein wenig Gym­nastik. Das mache ich regel­mäßig.

Stellen Sie sich den Wecker?
Nein, ich bin ein Früh­auf­steher.

Das klingt, als ginge es hier gleich mor­gens los mit Fuß­ball. Haben Sie keine Frei­zeit?
Frei­zeit im eigent­li­chen Sinn gibt es hier eigent­lich nicht. Abends, bevor ich ins Bett gehe, lese ich ein biss­chen, um abschalten zu können.

Und, wie viele Seiten haben Sie geschafft?
Von 800 Seiten habe ich 300 bis 400 Seiten gelesen. Tags­über komme ich nicht dazu, aber vor dem Schlafen.

Und wir haben gedacht, Sie kämen durch das Lesen besser in den Schlaf?
Komme ich doch. Ich lese an diesem Buch schon seit drei Wochen.

Sie selbst haben mal gesagt, dass Ihre Lebens­qua­lität wäh­rend eines Tur­niers auf ein Minimum sinkt. Können Sie das genauer erklären?
Lebens­qua­lität bedeutet ja, sich mit der Familie, mit Freunden zu treffen, Essen zu gehen oder ins Kino zu gehen, selbst Fuß­ball zu spielen. Diese Dinge sind momentan weit weg. Hier geht es den ganzen Tag um Fuß­ball. Das ist eine andere Art von Lebens­qua­lität.

Sie wirken trotz des Stresses, als würden Sie in sich ruhen, ja fast schon lässig. Können Sie Ihren Körper so pro­gram­mieren, oder findet er inzwi­schen selbst seinen Rhythmus?
Bei einem Tur­nier brauche ich einen gere­gelten Rhythmus. Ich gehe nicht zu spät ins Bett. Ich habe klare Abläufe, mehr als das zu Hause der Fall ist. Aber wenn Sie von Stress spre­chen: Ich emp­finde beim besten Willen keinen Stress. Warum das so ist, weiß ich nicht.

Viel­leicht weil Ihnen Stress gefällt?
Viel­leicht ver­dränge ich ihn auch nur. Ich emp­finde aber keinen Druck. Mag sein, dass alle anderen Leute von Druck spre­chen, aber mir macht es Spaß. Ich freue mich auf Wett­kämpfe gegen Hol­land oder Por­tugal. Das macht mir mehr Spaß, als, bei allem Respekt vor diesen Geg­nern, gegen die Schweiz, Israel oder Liech­ten­stein zu spielen.

Sie lieben den Wett­kampf auf höchstem Niveau?
Ich bin schon zu lange dabei. 2004 war für mich klasse. Wir hatten in Öster­reich ein Freund­schafts­spiel und eines in Teheran. Das war Hoch­span­nung. Aber jetzt bin ich acht Jahre dabei. Das Größte ist für mich ein Tur­nier. Sich mit den Besten zu messen. Da freue ich mich drauf.

Aber wenn Sie tat­säch­lich keinen Stress emp­finden, warum sind Sie dann nach den Tur­nieren so erschöpft?
Das ist der emo­tio­nale Abfall. Die Emo­tionen sind hier natür­lich groß, manchmal auch nicht steu­erbar. Ich ärgere mich wäh­rend eines Spiels, ich freue mich, ich mache Dinge, von denen ich hin­terher gar nicht mehr so richtig weiß, was ich da gemacht habe. Es pas­sieren ja unheim­lich viele Dinge: Wir gewinnen gegen Hol­land, aber am nächsten Tag ist schon wieder Däne­mark das Thema und das Tur­nier geht weiter. Es gibt High­lights oder viel­leicht eine Rie­sen­ent­täu­schung. Und dann fallen die Emo­tionen in sich zusammen. Nach acht Wochen Kon­zen­tra­tion und einer großen Anstren­gung.

Welche Dinge meinen Sie, von denen Sie hin­terher nichts mehr wissen?
Auf der Bank pas­sieren bei­spiels­weise Dinge, die spontan kommen. Oder auch im Trai­ning. Da bin ich manchmal gegen­über Spie­lern sicher unge­recht in meiner Aus­drucks­weise. Da sage ich hin­terher: Das muss man ein biss­chen anders ein­ordnen.

In Ein­zel­ge­sprä­chen? Und wenn ja, wie laufen die genau ab?
Im Moment laufen Ein­zel­ge­spräche relativ spontan ab. Es finden eigent­lich keine, zumin­dest keine langen Ein­zel­ge­spräche statt. Wenn wir spre­chen, sind es sport­liche Ana­lysen mit ein­zelnen Spie­lern: Was ist pas­siert im Spiel gegen Por­tugal? Wie spielt der Gegen­spieler? Wenn ich aber das Gefühl habe, der eine oder andere Spieler ist in einem Zustand der Unzu­frie­den­heit oder hat ein anderes Pro­blem, dann spreche ich ihn natür­lich an. Oder es gibt auch Spieler, die mal zu mir kommen, wenn etwas ist. Geplante Ein­zel­ge­spräche gibt es bei einem Tur­nier eigent­lich nicht.

War bei Mario Gomez nach dem Por­tu­gal­spiel eines nötig?
Mit ihm habe ich am Morgen des Spiels gegen Hol­land noch einmal gespro­chen und ihm gesagt: Meine Beur­tei­lung ist das Aller­wich­tigste. Was andere Leute sagen, musst du aus­blenden. Es wird immer wieder Posi­tives geben, es wird kri­ti­sche Stimmen geben. Das Wich­tigste ist meine Beur­tei­lung. Für mich hat seine Leis­tung gegen Por­tugal gestimmt. Er hat das ent­schei­dende Tor gemacht und gut gear­beitet. Damit hatte er mein Ver­trauen – und Schluss.

Lukas Podolski steht am Sonntag vor seinem 100. Spiel. Bis­lang hat er nicht über­zeugt. Sollten Sie sich ihn nicht mal greifen?
Offensiv kann noch etwas mehr kommen. In den ersten beiden Spielen hat er aber gut nach hinten gear­beitet. Das war eine wich­tige tak­ti­sche Vor­gabe für ihn, denn ich hatte ihm auf­ge­tragen, dass er Philipp Lahm mit Nani und Robben nicht alleine lassen darf, dass er nach hinten hoch auf­merksam und wachsam sein muss. Sonst hätten wir Schwie­rig­keiten bekommen. Denn diese Spieler sind mit das Beste, was es auf den Außen­po­si­tionen gibt. Das Aller­wich­tigste für ihn war daher, dass er dis­zi­pli­niert spielt. Das hat er gut gemacht.

Alter­na­tiven hätten Sie ja. Ihr Kader gilt als der beste, den Deutsch­land je hatte. Ist Ihre Arbeit damit nicht ein­fa­cher geworden?
Wir haben diese Mann­schaft so ent­wi­ckelt. Und wir haben sie nach unseren Vor­stel­lungen in den ver­gan­genen Jahren so geformt. Wir haben jetzt sicher besser aus­ge­bil­dete Spieler. Dadurch sind manche Dinge schneller umsetzbar, ganz klar. 2006 oder 2007 hatten wir weniger Alter­na­tiven. Und weniger Spieler, die diesen modernen, schnellen, tech­ni­schen, inten­siven Fuß­ball aus­führen können. Wir hätten viel­leicht länger gebraucht. Aber auch jetzt ist es nicht ein­fach, für jedes Spiel die rich­tige Aus­wahl zu treffen. Wir sind auf einem Niveau ange­kommen, wo wir uns trotzdem immer wieder über­legen müssen: Was können wir wei­ter­ent­wi­ckeln? Wie können wir besser werden? Das ist, auf der einen Art, genauso schwierig wie vor einigen Jahren.

Uns ist auf­ge­fallen, dass Ihre Spieler heute sehr viel mehr über Defen­sive spre­chen. Vor einem Jahr drehte sich alles um ein mög­lichst schnelles Spiel, um Offen­sive, um Attrak­ti­vität. Liegt dem ein bewusstes Umdenken zu Grunde?
Ich denke, dass wir schon 2010 stark in der Defen­sive waren, nur ist das viel­leicht nicht so durch­ge­drungen. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung standen hier viel­leicht die vielen gelun­genen offen­siven Aktionen im Vor­der­grund, die man einer deut­schen Mann­schaft so viel­leicht gar nicht zuge­traut hat. Aber es gab auch schon bei der WM jene Phasen, wo wir zwar gut ver­tei­digt haben, aber nicht so sehr als Mann­schaft.

Ihnen geht es jetzt also um eine neue Kom­ple­xität in der Defen­sive?
2010 haben wir begonnen, es richtig gut zu machen. Es ging uns darum, über diese Art von Defen­sive schnell in die Offen­sive zu kommen. Aber vor zwei Jahren waren auch nicht alle Spiele wie die bei der WM gegen Eng­land und Argen­ti­nien, wenn Sie sich erin­nern. Da gab es auch andere Spiele.

Sie meinen Spiele, in denen es in der Offen­sive hakte, weil es in der Defen­sive nicht stimmte?
Das Spiel der anderen gegen uns hat sich ent­wi­ckelt. In den beiden Jahren seit der WM sind wir auf Mann­schaften getroffen, die sich kom­plett in die eigene Hälfte zurück­ge­zogen haben. Nie­mand spielt mehr so gegen uns wie Eng­land und Argen­ti­nien, die uns zu viele Räume gaben. Beide Mann­schaften ließen einige ihrer Super­stars im Spiel gegen uns ein­fach vorn stehen. Wie Messi, Gon­zalo Higuain und wer da sonst alles spielte. Das macht ja heute keiner mehr.

Und Sie reagieren mit Defen­sive darauf?

Alle Gegner kon­tern inzwi­schen ganz gut. Von daher ergibt sich für uns die Wich­tig­keit, gut nach hinten zu arbeiten, also gut und stabil defensiv zu stehen, damit wir daraus unser Vor­wärts­spiel ent­wi­ckeln können.

Jetzt bei der EM spielte Ihr Team gegen Por­tugal und Hol­land, die ihre Stärken ganz klar in der Offen­sive haben.
Genau. Das bedeutet aber auch, dass sie ihre Konter noch gefähr­li­cher vor­tragen. Bei diesem Tur­nier geht es für uns ein­fach darum, die rich­tige Aus­ge­wo­gen­heit hin­zu­be­kommen. Denken Sie an Bra­si­lien.

Das Spiel im vorigen August in Stutt­gart…
Da habe ich gesagt: Spielt drauflos. Dann macht ein 4:2 oder 4:3, ja, ist schön anzu­sehen. Das hilft uns auch weiter als Beweis unserer Offen­siv­kraft. Aber solche Spiele ver­trägt man nicht immer. Man muss schon gucken, dass wir die rich­tige Balance finden. Und dazu gehört eben auch beides. Und genau das ist ja das Schwie­rige – beides!

Das erfolg­reiche Spiel von Welt- und Euro­pa­meister Spa­nien gilt wei­test­ge­hend als ent­schlüs­selt. Haben Sie den Schlüssel?
Es gab keine Mann­schaft, die defensiv so stark gespielt hat gegen Spa­nien wie wir. Sowohl im EM-Finale 2008 als auch im WM-Halb­fi­nale von 2010 hatten die Spa­nier nur höchs­tens eine oder zwei Chancen. Das gibt es gegen Spa­nien nor­ma­ler­weise nicht. Spa­nien hat immer sieben oder acht große Chancen. Einzig, wir haben gegen sie nach vorn nicht so gut gespielt, das ist uns nicht gelungen. Die Spa­nier sind nur dann zu besiegen, wenn man defensiv gegen sie arbeitet, wie wir es schon getan haben, aber man muss auch nach vorn so gut spielen können wie sie. Gene­rell gilt: Eine gute Offen­sive basiert auf einer guten Defen­sive.

Sie treffen jetzt auf Däne­mark. Werden Sie Ver­än­de­rungen in der Mann­schaft vor­nehmen?
Wir wollen gewinnen. Selbst wenn wir bereits für das Vier­tel­fi­nale qua­li­fi­ziert wären, würde ich jetzt nicht sieben oder acht Spieler tau­schen. Ich würde mir das gut über­legen, auch rein gefühls­mäßig: Wel­chem Spieler täte eine Pause gut? Ein anderer Spieler braucht viel­leicht eher einen klaren Rhythmus.

Herr Löw, wel­ches Buch lesen Sie eigent­lich?
Unter­nehmen Bran­den­burg, ein Thriller.