Seite 3: „Nach den Anfeindungen von Daum war es uns wichtig, dass Heynckes den Titel holt“

Den­noch ging das Spiel danach noch ver­loren. Wie haben Sie diesen Moment wahr­ge­nommen?
Klar war es sehr bitter, aber richtig rea­li­siert hat man das erst später. Ich war damals 21, und habe gedacht ich würde sicher noch öfter in einem Europa-Cup-Finale stehen (lacht). Und dann war es halt doch das ein­zige und wir haben erst später gemerkt, welche Chance wir da ver­geben haben. Bis zur 70. Minute waren wir die bes­sere Mann­schaft und dachten: Uns kann nichts mehr pas­sieren.“ Dann wurden wir zu passiv und haben den Aus­gleich kas­siert, und dann ging’s dahin. Wir konnten nicht mehr reagieren.

Können Sie fest­ma­chen, woran es lag?
Wir haben ein­fach zu wenig gemacht, wir waren uns zu sicher, wir waren und schon im Vor­feld zu sicher. Wir hatten im Halb­fi­nale Real Madrid aus­ge­schaltet und waren der abso­lute Top­fa­vorit, Porto der klare Außen­seiter. Damals hat man die anderen Mann­schaften ja auch noch nicht so gut gekannt wie heute. Wir wussten nur, dass eine por­tu­gie­si­sche Mann­schaft kommt und dachten: Die kriegen wir schon in den Griff“ (lacht). Das war damals aller­dings eine Top­mann­schaft mit Top­spie­lern. Dass es Top­spieler waren, haben wir leider zu spät gemerkt.

Zwei Jahre später standen Sie im Halb­fi­nale des Uefa-Cups und schei­terten dort an Neapel mit Mara­dona auf dem Höhe­punkt seines Schaf­fens. War er der beste Spieler aller Zeiten? Viele, die gegen ihn gespielt haben, sind dieser Mei­nung.
Zu seiner Zeit war er sicher­lich der Beste. Viel­leicht war Pelé im End­ef­fekt ein noch kom­plet­terer Spieler, das ist schwierig zu beur­teilen. Zico wurde Mitte der 80er auch hoch gehan­delt, aber Mara­dona war das Non­plus­ultra. Das hat er in den Spielen gegen uns auch bestä­tigt. In Neapel war alles auf ihn aus­ge­richtet, aber er hat das immer wieder gerecht­fer­tigt und den Unter­schied aus­ge­macht. Es kommt ja nicht von unge­fähr, dass Neapel den Titel geholt hat.

Ein Jahr später, nach der Saison 1989/90 sind Sie zu Nea­pels Final­gegner VfB Stutt­gart gewech­selt. Was war dafür aus­schlag­ge­bend? Eigent­lich gehörten Sie doch zur Stammelf bei Bayern, oder?
Dafür gab es meh­rere Gründe. Zum einen war Dieter Hoeneß Manager beim VfB Stutt­gart, der früher mein Sturm­kol­lege war und mit dem ich mich auf dem Spiel­feld und privat gut ver­standen habe. Er und der Stutt­garter Trainer Willi Enten­mann haben sich sehr um mich bemüht. Bei Bayern hatte ich noch einen Ver­trag bis 1991, aber durch meine Achil­les­sehnen hatte ich immer wieder Pro­bleme, und natür­lich war die Kon­kur­renz­si­tua­tion bei Bayern größer als bei Stutt­gart. Dann wurde auch noch Brian Lau­drup ver­pflichtet, ein ähn­li­cher Spie­lertyp wie ich, und ich saß im Ligacup erst einmal auf der Bank, obwohl ich eigent­lich unum­strit­tener Stamm­spieler war.

Bei den Bayern ist das aber doch normal, dass man auch mal draußen sitzt.
Ja, schon. Es gab öfter die Kon­stel­la­tion, dass viele neue Spieler dazu­kamen und die alten erst einmal auf der Bank saßen. Bei mir nicht immer, aber bei meinem Zim­mer­kol­legen Roland Wohl­fahrt war es fast jedes Jahr so. Aber spä­tes­tens nach dem vierten oder fünften Spieltag war er wieder in der Stamm­mann­schaft. Er hat sich damit ange­freundet. Bei mir war das anders. Ich hatte trotz meiner Pro­bleme zwei Jahre lang fast jedes Spiel von Anfang an gemacht und plötz­lich saß ich draußen. Ich habe dann aus dem Bauch heraus ent­schieden, dass ich etwas anderes machen will und inner­halb von fünf Tagen ging der Wechsel über die Bühne.

War das dann ein Abschied im Unfrieden?
Nein, gar nicht. Die Mög­lich­keit hat sich ein­fach kurz­fristig ergeben und ich habe sie wahr­ge­nommen.

Und wie viel waren Sie inzwi­schen wert?
Knappe zwei Mil­lionen Mark, glaube ich.

Willi Enten­mann wurde wenige Monate nach Ihrem Wechsel beim VfB ent­lassen. Sein Nach­folger war aus­ge­rechnet Chris­toph Daum, zur dama­ligen Zeit der abso­lute Erz­feind von Uli Hoeneß und Ihres ehe­ma­ligen Trai­ners Jupp Heynckes. War das auch für Sie eine beson­dere Situa­tion?
Als ich noch bei Bayern war, haben wir das natür­lich alle mit­be­kommen, dass Chris­toph Daum Jupp Heynckes des Öfteren verbal massiv atta­ckiert hat, vor allem 1989 vor dem ent­schei­denden Spiel in Köln (vor lau­fenden Kameras im Aktu­ellen Sport­studio“, d. Red.). Aber wir hatten damals schon das Selbst­be­wusst­sein, dass wir dar­über eigent­lich nur lachen konnten und wussten, dass wir stärker sind als Köln.

Haben Sie danach bewusst für den Trainer gespielt?
In diesem Fall muss ich da klipp und klar ja sagen. Jupp Heynckes ist 1987 zu Bayern gekommen, nach einer sehr erfolg­rei­chen Zeit mit Udo Lattek. 1988 sind wir dann nicht Meister geworden, son­dern nur Zweiter, was für den FC Bayern eine mitt­lere Kata­strophe war und wes­wegen wir sehr in der Kritik standen. Des­wegen war es uns in der Saison 1988/89 vor allem nach den Anfein­dungen von Daum schon wichtig, dass auch Jupp Heynckes seinen ersten Titel holt.

Wie kann man sich das denn vor­stellen? Als Bay­ern­spieler hat man etwas gegen Chris­toph Daum. Andert­halb Jahre später ist er Ihr Trainer. Ist das nicht eine kuriose Situa­tion?
Kur­zeitig schon, aber im Fuß­ball gibt es so viele Unwäg­bar­keiten, vor allem was Trainer betrifft. Auf so etwas muss man sich ein­stellen.