Ludwig Kögl, Sie als gebür­tiger Bayer haben für alle drei Münchner Ver­eine gespielt. Eigent­lich ein Ding der Unmög­lich­keit. Wie konnte Ihnen das denn pas­sieren?
Mei, es hat sich so ergeben. Ich habe bei 1860 in der Jugend begonnen und bin dann schnell in die erste Mann­schaft hoch­ge­kommen. 1982 war 1860 auf­grund finan­zi­eller Pro­bleme von der zweiten in die dritte Liga zwangs­re­le­giert worden. 1983/84, als ich den Sprung in die 1. Mann­schaft geschafft hatte, haben wir dann den Auf­stieg ver­passt. Damit war ich auf dem Markt und hatte viele Ange­bote von Bun­des­li­gisten. Und letzt­lich habe ich mich dann für den FC Bayern ent­schieden.

Heißt das, Sie wären im Falle des Auf­stiegs bei 1860 geblieben?
Ja, ich hatte noch einen Zwei-Jahres-Ver­trag für die zweite Bun­des­liga und wäre diese zwei Jahre auch sicher noch geblieben, auch wenn mein Ziel ganz klar erste Bun­des­liga hieß. Ich war damals zwar Junio­ren­na­tio­nal­spieler, aber ich wäre schon noch ganz gerne länger bei Sechzig geblieben.

Ihre Kar­riere wäre dann wahr­schein­lich anders ver­laufen.
Davon gehe ich aus, ja (lacht).

Ein Wechsel von 1860 zu Bayern war damals doch noch deut­lich bri­santer als heute. Gab es Anfein­dungen?
Ja, schon. Ins­ge­samt hielt sich das im Rahmen, aber es gab schon ein paar Leute, die den Kon­takt kom­plett abge­bro­chen und mir das massiv per­sön­lich übel genommen haben.

Also nicht nur von Seiten der Fans, son­dern auch in Ihrem per­sön­li­chen Umfeld?
Ja, teil­weise schon. Das waren alle mög­li­chen Leute, quer­beet.

Und wie war das bei den Bayern?
Da gab es gar keine Anfein­dungen, wirk­lich Null­kom­ma­null. Ich war auch vom ersten Spieltag an ein Publi­kums­lieb­ling, weil ich ein Ein­hei­mi­scher war, was es auch länger nicht mehr gegeben hatte, und weil meine Art, Fuß­ball zu spielen, recht gut ange­kommen ist. Von den Bay­ern­fans wurde ich sehr gut auf­ge­nommen.

Dann haben Sie Ihre Ent­schei­dung auch nicht bereut?
Nein, auf keinen Fall. Ich meine, ich hatte damals 15 Ange­bote von Bun­des­li­gisten vor­liegen, das war natür­lich schon schwierig, sich richtig zu ent­scheiden. Aber ich war damals doch auch sehr hei­mat­ver­bunden und habe mich für die Bayern auch des­wegen ent­schieden, weil der Verein vor der Haustür lag und der Wechsel für mich mit keinem Umzug ver­bunden war. Ein anderer Grund war, dass es im Vor­feld sehr gute Gespräche mit Uli Hoeneß und dem dama­ligen Prä­si­denten Willi Hoff­mann gab, aber aus­schlag­ge­bend war wirk­lich, dass ich nicht von zu Hause weg wollte

Meine Güte, 15 Bun­des­li­gisten. Das ist ja fast die ganze Liga.
Ja, fast. Man muss dazu aber wissen, dass ich damals als Spieler einer Ama­teur­mann­schaft sehr günstig war. Ansonsten war man ja selbst nach Ver­trags­ende nicht ablö­se­frei und auch junge Spieler des­wegen relativ teuer. Bei mir wurden nur die Spiele in den Aus­wahl- und Jugend­na­tio­nal­mann­schaften mit ein­ge­rechnet, des­wegen war ich für die meisten Bun­des­li­gisten inter­es­sant.

Wie viel haben Sie denn letzt­lich gekostet?
70.000 DM und ein Ablö­se­spiel im Grün­walder Sta­dion, bei dem ich 90 Minuten aus­ge­pfiffen wurde. Mehr als aus­ge­pfiffen.

Zu Beginn Ihrer Kar­riere gab es Ver­suche, Sie zu einem der ersten Pop­stars der Bun­des­liga auf­zu­bauen. Die Bravo“ nomi­nierte Sie 1985 zum Sportler des Jahres unter dem Titel: Unser Drib­bel­könig. Auf dem Bolz­platz wollten die Kinder Wig­gerl Kögl sein. Wie haben Sie das denn erlebt?
Ich habe mir da nicht so viele Gedanken gemacht und mich nur auf Fuß­ball kon­zen­triert. Im Nach­hinein betrachtet, ist aber schon viel auf mich ein­ge­stürzt: Ich bin mit 18 Jahren zu Bayern gekommen, mit 19 war ich Spieler des Jahres, Auf­steiger des Jahres, Deut­scher Meister und habe in Mexiko mein erstes Län­der­spiel gemacht. Es war fast keine Stei­ge­rung mehr mög­lich. Plötz­lich kamen Ange­bote aus dem Aus­land, ich habe Wer­be­ver­träge abge­schlossen und und und.

Waren Sie dabei viel­leicht über­for­dert?
Über­for­dert möchte ich nicht sagen, aber es ging alles sehr schnell und war eigent­lich nicht vor­her­sehbar.

Hatten Sie denn jemanden, der Ihnen geholfen hat? Heute hat ja jeder Jung­profi drei Berater.
Meinen Vater halt (lacht). Der hat zwar auch einmal Fuß­ball in der zweit­höchsten Liga gespielt, aber in dieser Materie auch keine grö­ßeren Erfah­rungen gehabt. Nein, aber ich war gut auf­ge­hoben bei Bayern Mün­chen. Uli Hoeneß hat mir seinen Steu­er­be­rater zur Ver­fü­gung gestellt und die ganzen Privat-Ver­träge für mich abge­schlossen, da war ich gut ver­sorgt. Aber Berater-tech­nisch war das damals noch nicht so wie jetzt.

Sie sagten immer gera­de­heraus ihre Mei­nung. Sind sie damit denn nie ange­eckt?
Mit den Medien hatte ich nie Pro­bleme, im Gegen­teil. Ich kam eigent­lich gut an und wurde sehr hoch­ge­puscht mit meinen bay­ri­schen Attri­buten, meinem Dia­lekt zum Bei­spiel. Ich habe mich da nicht ver­drehen lassen.

Heute wirkt jeder Spieler, als hätte er ein Medi­en­trai­ning hinter sich. Würde der junge Kögl von 1985 denn im heu­tigen Geschäft noch zurecht­kommen?
Ich habe mir dar­über sicher­lich keine großen Gedanken gemacht und auch kein Medi­en­trai­ning gehabt oder sonst jemand, der mir da mit Rat und Tat zur Seite gestanden hätte. Am ehesten war noch Uli Hoeneß der­je­nige der mir sagte, es würde zu viel oder es wäre mal an der Zeit den einen oder anderen Termin abzu­sagen. Ich wollte mal einen Por­sche haben, da hat er mir zum Bei­spiel gesagt: Das kommt nicht in Frage“, und daran habe ich mich dann auch meis­tens gehalten.

Den Por­sche hat er Ihnen ver­boten?
Ver­boten nicht, aber er hat mir schon zu ver­stehen gegeben, dass es in der Öffent­lich­keit viel­leicht keinen so guten Ein­druck macht, wenn ich mit 19 oder 20 Jahren plötz­lich mit einem 911er Por­sche vor­fahre. Obwohl er selber einen fuhr und ich das ja gesehen hatte, dass meh­rere in der Mann­schaft solche Autos hatten.

Aber Sie haben es dann bleiben lassen?
Ich habe mir dann von meiner ersten Meis­ter­schafts­prämie ein Käfer Cabriolet gekauft, das habe ich heute noch.

Sie sind einer der erfolg­reichsten Spieler der Bun­des­li­ga­ge­schichte. Fünf Mal wurden Sie mit dem FC Bayern, einmal mit Stutt­gart deut­scher Meister. Dazu kommt ein Pokal­sieg, eben­falls mit Bayern. In der öffent­li­chen Wahr­neh­mung ist das nicht mehr so prä­sent. Sind Ihnen Ihre Erfolge denn bewusst?
Was heißt bewusst? Ich weiß es schon (lacht). Sechs Meis­ter­titel sind ja nicht all­täg­lich, vor allem, weil ich nur sechs Jahre bei Bayern gespielt habe. Die Spieler, die mehr Titel haben, haben alle länger bei Bayern gespielt.

Dem stehen nur zwei Ein­sätze in der Natio­nal­mann­schaft gegen­über. Wieso das?
Das hat zwei Gründe: Ers­tens gab es damals eine ganz andere Kon­kur­renz­si­tua­tion im Sturm als heute. Damals hat Kalle Rum­me­nigge gespielt, Rudi Völler, Klaus Allofs, Pierre Litt­barski und was weiß ich, wer noch alles. Deutsch­land konnte in der Offen­sive aus dem Vollen schöpfen. Zwei­tens fing das schon damals mit den Ver­let­zungen an. Ich bin acht Mal an den Achil­les­sehnen ope­riert worden, fünf Mal rechts und drei Mal links, dazu hatte ich zwei Sprung­ge­lenks­ope­ra­tionen. Ab meinem 21. Lebens­jahr hatte ich vor allem mit der Achil­les­sehne zu kämpfen und hatte regel­mäßig Ope­ra­tionen.

Sie kamen im Verein trotzdem sehr oft zum Ein­satz. Haben Sie oft unter Schmerzen gespielt?
Eigent­lich fast immer. Ich habe auch fast nie Urlaub machen können, weil ich ent­weder in der Reha war oder auf dem OP-Tisch lag. Danach war ich dann meis­tens drei Monate ver­letzt und bin dann wieder zurück­ge­kommen, bis auf einmal, da war ich zehn Monate am Stück weg, 1991/92 beim VfB Stutt­gart.

An Franz Becken­bauer, der zu Beginn Ihrer Lauf­bahn Bun­des­trainer war, lag es also nicht, dass Ihre Natio­nal­mann­schafts­kar­riere nie richtig in Gang kam?
Nein, ganz sicher nicht. Das lag schon an mir selber, eben mit diesen Achil­les­sehnen-Pro­blemen, die ich immer hatte und bis heute habe. Jetzt ist das eini­ger­maßen zu kon­trol­lieren, aber als Spit­zen­sportler hatte ich mas­sive Pro­bleme. Dem musste ich auch alles unter­ordnen, sonst hätte ich nicht 18 Jahre in diesem Geschäft aktiv sein können. Qua­li­tativ hat sich das dann auch so aus­ge­wirkt, dass ich nicht so schnell war wie zu Beginn meiner Kar­riere, weil eben der Abdruck von den Sehnen gefehlt hat. Als Aktiver hängt man das nicht so an die große Glocke, aber es waren schon mas­sive Beein­träch­ti­gungen, ich habe ja fast nie trai­niert.

1987 standen Sie mit Bayern im Finale des Euro­pa­po­kals der Lan­des­meister gegen Porto und schossen dort sogar ein Tor.
Ja, mit einem Kopf­ball aus 16 Metern nach einem Ein­wurf, so ein Tor habe ich danach nie wieder gemacht. Ich hatte über­haupt nur vier Kopf­ball­treffer in meiner Kar­riere, glaube ich.

Den­noch ging das Spiel danach noch ver­loren. Wie haben Sie diesen Moment wahr­ge­nommen?
Klar war es sehr bitter, aber richtig rea­li­siert hat man das erst später. Ich war damals 21, und habe gedacht ich würde sicher noch öfter in einem Europa-Cup-Finale stehen (lacht). Und dann war es halt doch das ein­zige und wir haben erst später gemerkt, welche Chance wir da ver­geben haben. Bis zur 70. Minute waren wir die bes­sere Mann­schaft und dachten: Uns kann nichts mehr pas­sieren.“ Dann wurden wir zu passiv und haben den Aus­gleich kas­siert, und dann ging’s dahin. Wir konnten nicht mehr reagieren.

Können Sie fest­ma­chen, woran es lag?
Wir haben ein­fach zu wenig gemacht, wir waren uns zu sicher, wir waren und schon im Vor­feld zu sicher. Wir hatten im Halb­fi­nale Real Madrid aus­ge­schaltet und waren der abso­lute Top­fa­vorit, Porto der klare Außen­seiter. Damals hat man die anderen Mann­schaften ja auch noch nicht so gut gekannt wie heute. Wir wussten nur, dass eine por­tu­gie­si­sche Mann­schaft kommt und dachten: Die kriegen wir schon in den Griff“ (lacht). Das war damals aller­dings eine Top­mann­schaft mit Top­spie­lern. Dass es Top­spieler waren, haben wir leider zu spät gemerkt.

Zwei Jahre später standen Sie im Halb­fi­nale des Uefa-Cups und schei­terten dort an Neapel mit Mara­dona auf dem Höhe­punkt seines Schaf­fens. War er der beste Spieler aller Zeiten? Viele, die gegen ihn gespielt haben, sind dieser Mei­nung.
Zu seiner Zeit war er sicher­lich der Beste. Viel­leicht war Pelé im End­ef­fekt ein noch kom­plet­terer Spieler, das ist schwierig zu beur­teilen. Zico wurde Mitte der 80er auch hoch gehan­delt, aber Mara­dona war das Non­plus­ultra. Das hat er in den Spielen gegen uns auch bestä­tigt. In Neapel war alles auf ihn aus­ge­richtet, aber er hat das immer wieder gerecht­fer­tigt und den Unter­schied aus­ge­macht. Es kommt ja nicht von unge­fähr, dass Neapel den Titel geholt hat.

Ein Jahr später, nach der Saison 1989/90 sind Sie zu Nea­pels Final­gegner VfB Stutt­gart gewech­selt. Was war dafür aus­schlag­ge­bend? Eigent­lich gehörten Sie doch zur Stammelf bei Bayern, oder?
Dafür gab es meh­rere Gründe. Zum einen war Dieter Hoeneß Manager beim VfB Stutt­gart, der früher mein Sturm­kol­lege war und mit dem ich mich auf dem Spiel­feld und privat gut ver­standen habe. Er und der Stutt­garter Trainer Willi Enten­mann haben sich sehr um mich bemüht. Bei Bayern hatte ich noch einen Ver­trag bis 1991, aber durch meine Achil­les­sehnen hatte ich immer wieder Pro­bleme, und natür­lich war die Kon­kur­renz­si­tua­tion bei Bayern größer als bei Stutt­gart. Dann wurde auch noch Brian Lau­drup ver­pflichtet, ein ähn­li­cher Spie­lertyp wie ich, und ich saß im Ligacup erst einmal auf der Bank, obwohl ich eigent­lich unum­strit­tener Stamm­spieler war.

Bei den Bayern ist das aber doch normal, dass man auch mal draußen sitzt.
Ja, schon. Es gab öfter die Kon­stel­la­tion, dass viele neue Spieler dazu­kamen und die alten erst einmal auf der Bank saßen. Bei mir nicht immer, aber bei meinem Zim­mer­kol­legen Roland Wohl­fahrt war es fast jedes Jahr so. Aber spä­tes­tens nach dem vierten oder fünften Spieltag war er wieder in der Stamm­mann­schaft. Er hat sich damit ange­freundet. Bei mir war das anders. Ich hatte trotz meiner Pro­bleme zwei Jahre lang fast jedes Spiel von Anfang an gemacht und plötz­lich saß ich draußen. Ich habe dann aus dem Bauch heraus ent­schieden, dass ich etwas anderes machen will und inner­halb von fünf Tagen ging der Wechsel über die Bühne.

War das dann ein Abschied im Unfrieden?
Nein, gar nicht. Die Mög­lich­keit hat sich ein­fach kurz­fristig ergeben und ich habe sie wahr­ge­nommen.

Und wie viel waren Sie inzwi­schen wert?
Knappe zwei Mil­lionen Mark, glaube ich.

Willi Enten­mann wurde wenige Monate nach Ihrem Wechsel beim VfB ent­lassen. Sein Nach­folger war aus­ge­rechnet Chris­toph Daum, zur dama­ligen Zeit der abso­lute Erz­feind von Uli Hoeneß und Ihres ehe­ma­ligen Trai­ners Jupp Heynckes. War das auch für Sie eine beson­dere Situa­tion?
Als ich noch bei Bayern war, haben wir das natür­lich alle mit­be­kommen, dass Chris­toph Daum Jupp Heynckes des Öfteren verbal massiv atta­ckiert hat, vor allem 1989 vor dem ent­schei­denden Spiel in Köln (vor lau­fenden Kameras im Aktu­ellen Sport­studio“, d. Red.). Aber wir hatten damals schon das Selbst­be­wusst­sein, dass wir dar­über eigent­lich nur lachen konnten und wussten, dass wir stärker sind als Köln.

Haben Sie danach bewusst für den Trainer gespielt?
In diesem Fall muss ich da klipp und klar ja sagen. Jupp Heynckes ist 1987 zu Bayern gekommen, nach einer sehr erfolg­rei­chen Zeit mit Udo Lattek. 1988 sind wir dann nicht Meister geworden, son­dern nur Zweiter, was für den FC Bayern eine mitt­lere Kata­strophe war und wes­wegen wir sehr in der Kritik standen. Des­wegen war es uns in der Saison 1988/89 vor allem nach den Anfein­dungen von Daum schon wichtig, dass auch Jupp Heynckes seinen ersten Titel holt.

Wie kann man sich das denn vor­stellen? Als Bay­ern­spieler hat man etwas gegen Chris­toph Daum. Andert­halb Jahre später ist er Ihr Trainer. Ist das nicht eine kuriose Situa­tion?
Kur­zeitig schon, aber im Fuß­ball gibt es so viele Unwäg­bar­keiten, vor allem was Trainer betrifft. Auf so etwas muss man sich ein­stellen.

Also sind Sie gut mit ihm klar gekommen?
Was heißt gut? Wir waren sicher­lich keine Freunde, das muss ich schon sagen. Aber was das Sport­liche betrifft, haben wir uns, sagen wir: respek­tiert. Er hat mich schon immer auf­ge­stellt, und ich hatte einen Für­spre­cher in Dieter Hoeneß. Rein nach Leis­tung hätte er mich ohnehin spielen lassen müssen, weil es in Stutt­gart kon­stant gut gelaufen ist, aber wenn Dieter Hoeneß nicht da gewesen wäre, weiß ich nicht, ob er mich immer auf­ge­stellt hätte.

Udo Lattek, Jupp Heynckes, Chris­toph Daum, Willi Enten­mann, Egon Coordes. In Ihrer Kar­riere sind Sie einigen pro­mi­nenten Trai­nern begegnet. Wer hat Sie denn am meisten geprägt?
Geprägt hätten sie mich wohl nur, wenn ich Trainer geworden wäre. Das sind alles unter­schied­liche Typen, mit dem einen kommt man besser zurecht, mit einem anderen weniger. Aber ich denke schon, dass Udo Lattek mein bester Trainer war, seine Titel­samm­lung kommt ja nicht von Unge­fähr. Er hat immer zur rich­tigen Zeit das rich­tige gemacht und weniger Wert auf das Trai­ning gelegt. Aber psy­cho­lo­gisch und rhe­to­risch war er seinen dama­ligen Kol­legen meis­tens über­legen. Aber ich hatte in meiner Kar­riere unge­fähr 25 Trainer, da kann man kaum ver­glei­chen.

In der Saison 1995/96 kamen Sie unter dem neuen Coach Rolf Fringer in Stutt­gart plötz­lich kaum noch zum Ein­satz. Woran lag das?
Ich hatte mich vor der Saison mit dem Verein nicht auf eine Ver­trags­ver­län­ge­rung einigen können. Ich hatte Ange­bote aus Eng­land vor­liegen und wollte gerne dorthin wech­seln. Mit Sun­der­land war ich mir schon einig. Damals war man nach Ver­trags­ende aber noch nicht ablö­se­frei und Stutt­gart wollte für mich noch 3,5 Mil­lionen DM haben, das war Sun­der­land zuviel. Stutt­gart wollte mich behalten und legte mir einen Zwei-Jahres-Ver­trag vor, den ich aber nicht unter­schrieb. Erst als sich abzeich­nete, dass der VfB auf seinen For­de­rungen bestehen würde, habe ich im August doch noch einen Ein-Jahres-Ver­trag unter­zeichnet, weil ich sonst auf der Straße gestanden hätte.

Kein opti­maler Start in eine Saison mit einem neuen Trainer.
Nein, ich hatte quasi keine Vor­be­rei­tung und bin erst im letzten Moment zur Mann­schaft gestoßen. In der Vor­runde habe ich den­noch fast alle Spiele gemacht. Anfang Dezember habe ich mich wieder an der Achil­les­sehne ver­letzt. Nach der Ope­ra­tion war es unter Fringer dann ers­tens so, dass die Mann­schaft auch ohne mich Erfolg gehabt hatte und er mir zwei­tens die Zuge­ständ­nisse nicht ein­räumen wollte, die ich bei anderen Trai­nern gehabt hatte.

Was für Zuge­ständ­nisse waren das?
Vor allem Jürgen Röber und Jürgen Sun­dermann hatten Rück­sicht auf meine kör­per­li­chen Pro­bleme genommen. Bei ihnen musste ich nicht immer voll mit­trai­nieren, zumin­dest nicht bei Dingen wie Sprung­übungen und der­glei­chen. Fringer meinte aber, darauf könne er keine Rück­sicht nehmen, jeder müsse volle Pulle mit­ziehen. Das hat für mich nur keinen Sinn gemacht, weil ich dann vor Schmerzen kaum noch spielen konnte. Als schließ­lich eine schlech­tere Phase kam, hat Fringer drei, vier Spieler dafür ver­ant­wort­lich gemacht, dar­unter mich.

War damit das Ver­hältnis zum Trainer zer­stört?
Er hat Andi Buck, Axel Kruse, Gün­ther Schäfer und mich für zwei Spiele auf die Tri­büne gesetzt, und das war mir in meiner Lauf­bahn über­haupt noch nicht pas­siert. Das wollte ich nicht akzep­tieren und habe dem Verein gesagt, dass ich mich auf keinen Fall auf die Tri­büne setzen würde. Und obwohl ich noch Ver­trag hatte, gab es Ange­bote aus der Schweiz, wo das Trans­fer­fenster bis März geöffnet war. Ich habe mich dann für Luzern ent­schieden.

Diesmal legte Ihnen der Verein keine Steine in den Weg?
Nein, denn inzwi­schen war das Bosman-Urteil durch, und ich wäre im Sommer ablö­se­frei gewesen. Ich hätte zwar einen Para­gra­phen ziehen und ein Jahr länger bleiben können, aber das war mir alles wurscht, keinen Tag mehr wollte ich auf die Tri­büne. Buck, Kruse und Schäfer haben es gemacht und Fringer schnell über­lebt. Ich wollte weg, und so hat Luzern immerhin noch 500 000 Mark für mich gezahlt.

Erst wollten Sie nicht einmal weg aus Bayern, später zog es sie nach Eng­land und letzt­lich in die Schweiz. Hört sich an, als hätten Sie einen gewal­tigen Rei­fe­pro­zess durch­laufen.
Das stimmt auch. In der Bun­des­liga hatte ich alles erreicht, da gab es kein Stei­ge­rungs­po­ten­tial mehr. Inso­fern war ich offen für andere Sachen.

Bedauern Sie, dass es mit Eng­land nicht geklappt hat?
Sport­lich schon, weil es eine große Her­aus­for­de­rung gewesen wäre. Ande­rer­seits wäre ich dann sicher­lich nicht in Luzern gelandet, und das hätte mir im Nach­hinein bestimmt mehr gefehlt als heute Eng­land. Luzern war mit die schönste Sta­tion meiner Kar­riere.

Was war so beson­ders dort?
Die Schweiz war zwar Neu­land für mich, aber ich hatte schon einen gewissen Bezug zum Land, weil ich immer in Basel ope­riert worden war. Das war übri­gens auch ein Grund, warum ich dort hin­ge­gangen bin, um näher bei meinem Arzt zu sein und wöchent­lich zur The­rapie zu können. Natür­lich war das Ganze nicht so mit Erfolgen ver­bunden wie bei Bayern, aber für Luzerner Ver­hält­nisse war es auch sehr ordent­lich, einmal im Pokal­fi­nale zu stehen oder am Uefa-Cup teil­zu­nehmen. Ich hatte eine sehr schöne Zeit dort, wurde drei Mal zum belieb­testen Spieler gewählt, und die Stadt war das Para­dies für mich.

Sie sind Luzern ja immer noch ver­bunden. Heute haben Sie dort mit einem Anwalt ein Büro als Spie­ler­be­rater. Wie kam das zustande?
Mein Partner war mein Nachbar in Rothen­burg bei Luzern, wo ich eine Dop­pel­haus­hälfte hatte. Ent­standen ist das, als Luzern in finan­zi­elle Pro­bleme geraten ist und nicht mehr regel­mäßig gezahlt hat. Als mein Anwalt hat er sich darum geküm­mert, und schließ­lich kamen auch andere Spieler zu mir und haben gefragt, ob er ihre Inter­essen denn nicht auch ver­treten könne. Am Ende der Saison konnten wir so alle ablö­se­frei wech­seln, und ich bin nach Unter­ha­ching gegangen. Dabei kam die Idee auf, dass wir das nach meiner Kar­riere pro­fes­sio­nell machen, weil er auch Spaß daran hatte.

Hatten Sie denn vorher schon dar­über nach­ge­dacht, Spie­ler­be­rater zu werden?
Nein, eigent­lich konnte ich mir das anfangs gar nicht vor­stellen. Aber weil es so war, dass wir durch diese Geschichte schon sieben oder acht gestan­dene Spieler hatten, die ich aus Luzern kannte und die Ver­trauen zu mir hatten, hat sich das ange­boten. Und weil weder mein Partner noch ich finan­ziell auf große Erlöse ange­wiesen sind, ist das eine schöne Arbeit.

Zum Abschluss Ihrer Kar­riere sind Sie 1999 für zwei Jahre zurück nach Mün­chen gegangen, nach Unter­ha­ching. Heimweh war es wohl nicht?
Nein, ich wollte gar nicht weg, weil es mir so gut gefallen hat, auch, dass ich dort die jungen Spieler führen konnte. Aber Luzern sah sich nicht mehr in der Lage, mein Gehalt zu stemmen, und hat mir einen Wechsel nahe gelegt. Ich bin nur sehr ungern weg­ge­gangen.

Warum haben Sie sich für Unter­ha­ching ent­schieden?
Ich hatte ver­schie­dene Ange­bote aus der Schweiz, aber inner­halb der Schweiz wollten meine Frau und ich nicht mehr umziehen. Als das Angebot aus Unter­ha­ching kam, hatte ich gerade ein Haus in meinem Hei­matort in der Nähe des Starn­berger Sees gebaut. Des­wegen haben wir uns für Unter­ha­ching und eine Rück­kehr in die Bun­des­liga ent­schieden

Ihr Enga­ge­ment dort begann nicht eben glück­lich. Im ersten Spiel sahen Sie gelb-rot, den ersten und ein­zigen Platz­ver­weis Ihrer Kar­riere.
Ja, das war so. Dort habe ich eine andere Posi­tion spielen müssen, viel defen­siver und ohne Absi­che­rung hinter mir. Das Spiel hat mir über­haupt nicht gefallen, mein Gegen­spieler war ziem­lich schnell, und ich dachte mir: Dem läufst du jetzt mit 33 Jahren nicht mehr so oft hin­terher.“ Eigent­lich war es ein Frust­foul.

Auch in der Folge wurden Sie mit dem Verein nicht so richtig warm.
Unter Trainer Köster lag das Haupt­au­gen­merk auf der Defen­sive, das war nicht mein Spiel und ich der fal­sche Mann für das 3 – 5‑2-System, vor allem in meinem Alter und mit meinen kör­per­li­chen Pro­blemen. Viel­leicht hätte ich lieber doch noch drei Jahre in der Schweiz spielen sollen, als zwei in der Bun­des­liga, da hätte ich ein gemüt­li­cheres Dasein gehabt (lacht). Aber im Ernst: bereut habe ich es nie, zum dama­ligen Zeit­punkt war die Ent­schei­dung schon richtig.

2000/2001 kamen Sie dann kaum noch zum Ein­satz. Den­noch schloss sich am Ende ein Kreis, auch wenn Sie nicht mit­ge­spielt haben: An Ihrem letzten Arbeitstag als Pro­fi­fuß­baller machte der Underdog Unter­ha­ching Ihren alten Verein FC Bayern zum Deut­schen Meister. Schöner Aus­stand?
Ach Gott! Sicher habe ich mich gefreut, dass Bayern durch unseren Sieg gegen Lever­kusen Deut­scher Meister wurde. Aber damit hatte es sich dann auch.

Zum Abschluss: Hand aufs Herz, Herr Kögl, was sind Sie denn nun? Ein 60er oder ein Roter?
Weder noch, im Grunde bin ich gar kein Fan. Ich habe noch Kon­takt zu allen Ver­einen, bei denen ich war, und ver­folge das, aber Riva­li­täten gibt es da keine. In meiner Jugend war ich Glad­bach-Fan, der ein­zige in meinem Hei­matort Penz­berg, das hat keiner ver­standen. Die Spiel­weise der Mann­schaft hat mir ein­fach am meisten Spaß gemacht. Simonsen, Jensen und Heynckes, das waren die Spieler, die ich favo­ri­siert habe. Aber bei den 15 Bun­des­li­gisten, die mir 1984 ein Angebot gemacht haben, war Borussia Mön­chen­glad­bach nicht dabei.

Sonst wären Sie nach Glad­bach gewech­selt?
Sonst wäre ich nach Glad­bach gegangen, hun­dert­pro­zentig.