Manuel Neuer, warum wird es im Halb­fi­nale nicht mal dem bra­si­lia­ni­schen Publikum gelingen, Sie aus der Ruhe zu bringen?
Weil ich mich gerade auf solche Spiele ganz beson­ders freue. Die Atmo­sphäre wird gran­dios sein. Schon des­halb wird es etwas ganz Beson­deres werden. Und dann dazu in einem so wich­tigen Spiel gegen Bra­si­lien, gegen den WM-Gast­geber spielen zu dürfen – da geht ja fast nichts drüber. Diese Kon­stel­la­tion wäre auch absolut final­würdig.

Bisher waren die Bra­si­lianer herz­er­fri­schend freund­lich der deut­schen Mann­schaft gegen­über. Das dürfte sich nun ändern.
Es ist doch so: Alle Bra­si­lianer wollen, dass ihr Team ins End­spiel ein­zieht und die Chance erhält, um den Titel zu spielen. Aber das wollen wir auch. Darum geht es doch am Ende. Aber wissen Sie, worauf ich mich noch freue?

Sie werden es uns sagen.
Ich freue mich darauf, wieder ein neues Sta­dion ken­nen­zu­lernen, weil ich nebenbei noch ein paar Sta­di­on­punkte sam­meln kann.

Sie haben ja wirk­lich die Ruhe weg …
Kann schon sein, aber ich will dieses Neue, die Erleb­nisse, die uns hier durch dieses Tur­nier begleiten, ein­fach auf­saugen.

In Deutsch­land sind Sie der neue coole Held. Inwie­fern bekommen Sie etwas von dem Hype in der Heimat mit, der um Sie ent­standen ist?
Puh. Also ich hab’s mit­ge­kriegt, da viele aus dem Freundes- und Bekann­ten­kreis mir einiges rüber­ge­schickt haben, was ich hier sonst nie wahr­ge­nommen hätte. Ich bin ja nicht der Spieler, der immer alles liest oder im Internet recher­chiert. Ich bin also kein Thomas Müller, der nach dem Spiel immer alles liest, weil er auf dem neusten Infor­ma­ti­ons­stand sein möchte, damit er überall mit­reden kann (lacht). Also: Mir wird es oft zuge­tragen, aber ich beschäf­tige mich nicht groß­artig damit.

Fürchten Sie, dass es Sie ablenken würde?
Nein, das nicht. Ich sehe mich als erstes als Team­spieler. Auch wenn sich das viel­leicht lang­weilig anhört, aber für mich ist das Team der Star.

In wel­cher Spiel­weise erwarten Sie denn die Mann­schaft der Bra­si­lianer?
Gene­rell war über den Tur­nier­ver­lauf schon zu sehen gewesen, dass sie zum Teil sehr aggressiv spielen. Sie gehen richtig gut in die Zwei­kämpfe rein. Auch wir werden diesen Stil grund­sätz­lich erwarten können. Aber dadurch, dass Neymar aus­fällt, was ich sehr bedauere, wird ihr Spiel nicht ganz zu ver­glei­chen sein mit ihren Spielen zuvor. Da war doch schon sehr viel auf ihn aus­ge­legt. Jetzt dürfte sich ihr Spiel auf meh­rere Schul­tern ver­teilen. Das ist ja auch bei uns so, dass wir nur zusammen stark sind.

Werden Sie Ihre Spiel­weise anpassen müssen?
Das wäre nicht neu für mich. Ich habe ja auch schon zum Vier­tel­fi­nale hin mein Spiel den Gege­ben­heiten ange­passt. Da war es nicht so, dass ich große Aus­flüge wie im Ach­tel­fi­nale gegen Alge­rien unter­nehmen musste. Gegen Frank­reich war eher mein nor­males Tor­wart­spiel im Straf­raum gefragt. Letzt­lich wird es das Spiel zeigen.

Bisher spielten die Tor­hüter eine wich­tige Rolle bei dieser WM. Ist es ein Tur­nier der Tor­hüter?
Die Rolle der Tor­hüter ist hier schon tra­gend. Wir haben viele gute Leis­tungen gesehen. Jeden­falls mehr als vor vier Jahren. Auf­fal­lend ist auch, dass bei klei­neren Fuß­ball­na­tionen die Klasse der Tor­hüter gestiegen ist. Das freut mich sehr, denn ich gucke immer sehr genau hin – man lernt nie aus.

Haben Sie sich schon etwas abge­guckt?
Das ist sehr situativ. Ich habe das schon früher gemacht, wenn ich mir die Sen­dung Euro­goals“ ange­schaut habe. Dabei inter­es­sierten mich weniger die Tore, um die es eigent­lich ging, ich stu­dierte das Ver­halten der Tor­hüter. Ich suchte mir immer die Aspekte raus, von denen ich glaubte, dass sie mich wei­ter­bringen. Und so sehe ich mir auch hier die Spiele an, indem ich mich immer in die Lage der Tor­hüter ver­setze.

Vor dem ent­schei­denden Elf­me­ter­schießen wech­selten die Hol­länder ihren Tor­wart aus. Wäre das für Sie vor­stellbar?
Vor­stellbar ist es, wie Hol­land zeigt. Aber ich glaube, dass das bei uns auf keinen Fall ein­treten wird. Da wir ja einen sehr intel­li­genten Trainer haben, würde er mit Sicher­heit sein Wech­sel­kon­tin­gent für Feld­spieler nutzen. Also ich gehe mal fest davon aus, dass ich nicht in der 119. Minute aus­ge­wech­selt werde.

Wie bewerten Sie eigent­lich das Ver­halten des hol­län­di­schen Tor­warts Tim Krul, der die Elf­me­ter­schützen verbal, aber sehr aggressiv zu beein­flussen ver­suchte?
Dafür ist der Schieds­richter da, solche Dinge zu unter­binden. Oder sie gehen noch in Ord­nung. Viel wich­tiger ist, dass der Schieds­richter wäh­rend des Spiels einen guten Job macht, dass er also neu­tral ist. Schon wegen der Atmo­sphäre und der harten Zwei­kämpfe, die mit Sicher­heit geführt werden. Auch darauf wird es ankommen. Denn: Bra­si­lien ist heiß, aber wir sind es eben auch.

Halten Sie ein Elf­me­ter­schießen für mög­lich?
Ich habe neu­lich das Elf­me­ter­schießen der Bra­si­lianer gegen Chile gesehen. Das hatte was. Aber ganz grund­sätz­lich bereite ich mich vor K.-o.-Spielen auf Stan­dards vor, also auch auf Elf­meter.

Wem trauen Sie dabei mehr: der Daten­bank oder Ihrer Intui­tion?
Das gehört ja irgendwie beides zusammen. Letzt­lich muss man auf sich hören, auf die Stimme von innen. Da kann man nicht bloß nach einem Papier, nach einer Sta­tistik gehen, du musst ein gutes Gefühl bei der Ent­schei­dung haben und diese dann auch durch­ziehen. Wenn der Andi Köpke…

… der Bun­des­tor­wart­trainer…
… jetzt zu mir sagt, also dieser Spieler hat sieben Mal rechts geschossen und ich springe trotzdem nach links, dann ist das meine Ent­schei­dung. Und die wird mir auch gelassen.

Haben Sie im Mai nach Ihrer Ver­let­zung eigent­lich mal Momente des Zwei­felns durch­lebt?
Eigent­lich nicht, aber gute Frage. Viel­leicht in der Zeit direkt nach dem Pokal­sieg, nachdem es pas­siert war. Die Zeit bis zur Kern­spin­un­ter­su­chung, als den Ärzten und mir die Auf­nahmen vor­lagen. Also 48 Stunden unge­fähr. Das war die Zeit einer kleinen Unsi­cher­heit. Aber als ich die Bilder sah und sie mir inter­pre­tiert wurden, hatte ich schon wieder ein klares Ziel: die WM.

Das andere Halb­fi­nale bestreiten Argen­ti­nien und Hol­land. Sind das Ihrer Mei­nung nach die vier Mann­schaften, die sich zurecht durch­ge­setzt haben?
Nor­ma­ler­weise geben die Ergeb­nisse den Mann­schaften Recht. Klar, wenn man vor dem Tur­nier steht, glaubt man nicht, dass Spa­nien, Ita­lien und Eng­land so früh aus­scheiden. Dann fragt man sich schon: Warum? Wie kann das pas­sieren? Es sollte halt so sein. Denn ich denke nicht, dass es hier irgend­welche Geschenke gab. Die Mann­schaften, die jetzt da stehen, mussten sich das hart erar­beiten.

Bra­si­lien hat Neymar ver­loren, ist Deutsch­land jetzt der Top­fa­vorit auf den Titel?
Alle vier Halb­fi­na­listen sind stark. In einem Halb­fi­nale kommt es auf die Tages­form an. Wir haben jetzt zweimal in Halb­fi­nals, 2010 und 2012, nicht eine so gute Tages­form gehabt. Also hoffen wir ein­fach mal auf einen guten Tag.

Was spricht für die deut­sche Mann­schaft?
Dass wir uns gestei­gert haben im Tur­nier­ver­lauf. Gut, gegen Ghana haben wir 2:2 gespielt, aber sonst haben wir immer ver­dient gewonnen, und wir waren auch jeweils die bes­sere Mann­schaft auf dem Platz. Gegen Alge­rien haben wir den Kopf aus der Schlinge gezogen, gegen Frank­reich waren wir stark. Ich halte es für mög­lich, dass wir uns jetzt in einen kleinen Lauf spielen können.

So dicht vor dem Finale spielt die Psyche eine ent­schei­dende Rolle. Wann formen sich in Ihrem Kopf die ersten Bilder – beim Erklingen der Hymne?
Ich habe gar nicht so viel Zeit dar­über nach­zu­denken so nah vor dem Spiel. Da greifen doch meist Auto­ma­tismen.

Erscheinen Ihnen denn vorher die vielen gelben Tri­kots?
Klar sieht man die irgend­wann vor sich. Aber wenn ich beim Mit­tag­essen bin, denke ich nicht an gelbe Tri­kots. Viel­leicht geht es anderen so, ich bin da relativ ruhig. Ich finde es wichtig, dass wir an unsere Stärke glauben und uns durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. Natür­lich ist das ein beson­deres Spiel gerade für Bra­si­lien, ich weiß nicht, ob wir Ver­gleich­bares schon einmal erlebt haben. Aber darauf kann man sich doch freuen. Man muss ein­fach nur denken, dass das weiße Tri­kots sind, auch wenn es gar nicht stimmt.