Seite 4: „Ich sah, wie Menschen Straßenbarrikaden errichteten und in Brand setzten”

Heute spielen Sie für einen großen indi­schen Klub, Chen­naiyin FC, in der indi­schen Super League. Was hat sich dadurch ver­än­dert?
Ich komme mit der Armut der Bevöl­ke­rung, die natür­lich auch auf den Straßen von Chennai prä­sent ist, kaum mehr in Berüh­rung. Ich lebe zusammen mit der ganzen Mann­schaft im Hyatt Hotel im Zen­trum der Stadt und kann nicht leugnen, dass ich sehr abge­schottet lebe.

Wann wird Ihnen das bewusst?
Im Dezember hatten wir ein Aus­wärts­spiel gegen Nor­thEast United und sind dafür nach Guwa­hati in den Nord­osten Indiens geflogen. Direkt nach unserer Ankunft wurde das Spiel aller­dings wegen der poli­ti­schen Unruhen abge­sagt. Nachdem Pre­mier Narendra Modi ein neues Staats­bür­ger­schafts­ge­setz ver­ab­schiedet hatte, das Ein­wan­de­rern mus­li­mi­schen Glau­bens das Erlangen der indi­schen Staats­bür­ger­schaft erschwert, kam es auf den Straßen zu Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Demons­tranten und den Mili­tärs. Ich sah vom Fenster meines Hotel­zim­mers, wie Men­schen Stra­ßen­bar­ri­kaden errich­teten und in Brandt setzten. Zuvor hatte ich noch nie von den Unruhen gehört, auch von der natio­na­lis­ti­schen Politik Modis hatte ich keine Ahnung.

Haben Sie sich in der Folge damit aus­ein­an­der­ge­setzt?
Natür­lich spricht man nach sol­chen Erleb­nissen auch inner­halb der Mann­schaft dar­über, was gerade im Land pas­siert. Ich wollte ein­fach ver­stehen, um was es über­haupt geht.

Was hat sich in sport­li­cher Sicht für Sie mit dem Wechsel zu Chen­naiyin ver­än­dert?
Mit dem Wechsel nach Chennai ist mir das gelungen, was ich mir immer erhofft hatte, denn ich spiele nun in einem der größten Klubs Indiens. Vor mir haben hier Spieler wie Marco Mate­razzi, Ales­sandro Nesta, John Arne Riise oder Wes Brown gespielt. Ich trage nun das gleiche Trikot wie sie, was mich natür­lich mit Stolz erfüllt. Die Stars von damals haben große Fuß­stapfen hin­ter­lassen, jeder im Klub spricht noch über sie.

Wie groß ist der Fuß­ball in Indien?
In Indien gibt es zwei Profi-Ligen, einmal die Indian League, in der ich mit Aizawl spielte und die Indian Super League, die eine pri­va­ti­sierte Liga ist. Die ISL ist die grö­ßere und gla­mou­röse Liga, in der die Ver­eine vor allem durch die Ver­pflich­tungen von nam­haften Spie­lern für Auf­sehen sorgen. Bei den Heim­spielen kommen in etwa 10.000 Zuschauer, aus­wärts beläuft es sich immer so zwi­schen 10.000 und 25.000. Für jemanden, der früher in der Hes­sen­liga gekickt hat, sind das schon unglaub­liche Kulissen.

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Masih Sai­ghani

Wie hoch ist das fuß­bal­le­ri­sche Niveau in der ISL?
Ich spiele hier in einer Liga mit Asa­moah Gyan, der bei der WM 2010 für Ghana ein über­ra­gendes Tur­nier gespielt hat. Natür­lich können solche Jungs noch richtig kicken und erhöhen das Niveau einer Liga sehr.

Wer war Ihr bester Gegen­spieler?
Miku Fedor, der unter anderem für Valencia und Celtic Glasgow gespielt hat.

Und mit der afgha­ni­schen Natio­nal­mann­schaft?
In der WM-Qua­li­fi­ka­tion haben wir 2016 gegen Japan gespielt. Das war schon eine geile Truppe: Hiroshi Kiyotake, Genki Hara­guchi, Makoto Hasebe, Yuto Nag­a­tomo, Shinji Oka­zaki und natür­lich: Shinji Kagawa. Als ich die Jungs spielen sah, fiel mir vor allem eines auf: Die machen keine Fehler. Sie sind ein­fach unfassbar rou­ti­niert und machen immer die ver­meint­lich ein­fa­chen“ Dinge. Jeder Pass ist prä­zise gespielt, der erste Kon­takt ist per­fekt. Es hat sehr viel Spaß gemacht, weil man in diesen 90 Minuten ein­fach sehr viel über den Fuß­ball lernt und man sich so viel abschauen kann.

Denken Sie da an einen bestimmten Spieler?
Natür­lich habe ich ganz beson­ders auf Spieler geachtet, die auf meiner Posi­tion spielen. Makoto Hasebe war damals Kapitän der Japaner und hat als Sechser gespielt. Bei ihm habe ich in jeder Situa­tion gesehen, wie unfassbar clever er ist. Er ist ein ver­hält­nis­mäßig kleiner und schmäch­tiger Fuß­baller, spielt aber auf einer Posi­tion, auf der man Zwei­kämpfe gewinnen muss. Die Art, wie er das macht, ist beein­dru­ckend.

Inwie­fern?
Zum Bei­spiel hat er kein ein­ziges Kopf­ball­duell ver­loren. Der Mann ist gerade mal 1,80 Meter groß. Wäh­rend unser Stürmer bei langen Bällen immer den Ball im Blick hatte, hat sich Hasebe gar nicht für ihn inter­es­siert, son­dern nur auf unseren Stürmer geguckt. Kurz bevor der hoch­ge­sprungen ist, hat Hasebe ihm ein­fach einen kleinen Rempler gegeben oder sich ihm in den Weg gestellt. Er hat keinen ein­zigen Zwei­kampf, kein ein­ziges Luft­duell ver­loren.

Wie sieht Ihr Kar­rie­re­plan aktuell aus?
Ich bin im Moment wirk­lich glück­lich bei Chen­naiyin und freue mich auf die letzten Wochen hier. Ende Februar wird die Saison enden und mein Ver­trag aus­laufen, dann werde ich mich mit dem Verein zusam­men­setzten und schauen, wie es wei­ter­geht. Die Saison lief bisher ganz gut für mich, nachdem ich zunächst wegen Visa­pro­blemen einen Groß­teil der Vor­be­rei­tung ver­passt hatte. Mitt­ler­weile habe ich in sieben Spielen in der Start­for­ma­tion gestanden. Ich könnte mir vor­stellen, hier zu bleiben, zunächst steht aber eine lange Pause an, die ich gerne auch über­brü­cken würde.

In Deutsch­land?
Nein, ich denke, ich werde in Asien bleiben und könnte mir auch vor­stellen, noch einmal für ein paar Monate nach Ban­gla­desch zurück­zu­kehren. Ich bin keine 25 mehr, fünf Monate keinen Fuß­ball zu spielen, ist für mich eigent­lich keine Option.