Seite 3: „Plötzlich rannte mein Linksverteidiger auf dem rechten Flügel rum”

Wie haben Sie die ersten Tage in Aizawl ver­bracht?
Direkt am ersten Abend nahmen mich zwei Ver­eins­mit­ar­beiter mit zu einem regio­nalen Tur­nier, das in dem Sta­dion aus­ge­tragen wurde, in dem Aizawl trai­niert. Dort ange­kommen, war ich erstmal ent­täuscht. Es war ein alter Kunst­ra­sen­platz, der ledig­lich auf den beiden Längs­seiten von zwei Tri­bünen umrahmt wurde, wie ich es in Deutsch­land aus den Ama­teur­klassen kannte, nichts Beson­deres eben. Ein paar Tage später fuhren wir zu dem Sta­dion, in dem wir auch wirk­lich spielten, um ein paar Bilder mit mir im Trikot zu schießen. Da habe ich mir dann zum ersten Mal gedacht: Wow, das ist schon eine andere Haus­nummer”. Rund um den Platz gab es eine durch­ge­hende Tri­büne und gleich dahinter konnte man die Berge sehen. Es war eine unfassbar schöne Aus­sicht.

Wie war das fuß­bal­le­ri­sche Niveau Ihrer Mit­spieler?
Ich kann mich noch gut an mein erstes Spiel erin­nern. Mein erster Gedanke war: Was ist denn hier los?” Alle liefen durch­ein­ander, es herrschte über­haupt keine Ord­nung auf dem Platz, nicht ein biss­chen. Die Jungs hatten indi­vi­duell durchaus Qua­li­täten, sie waren kör­per­lich wahn­sinnig stark und liefen die Linie rauf und runter, aber es war eine tak­ti­sche Kata­strophe. Ich drehte mich um und plötz­lich rannte mein Links­ver­tei­diger auf dem rechten Flügel rum.

In fuß­bal­le­ri­scher Hin­sicht also keine Ver­bes­se­rung zur Ver­bands­liga?
Das kann man so nicht sagen. Die Jungs konnten schon kicken, aber jeder machte ein­fach, was er wollte. Nach ein paar Wochen und vielen Trai­nings­ein­heiten wurde es aller­dings schon deut­lich besser.

32 A0672
Chen­naiyin FC

Wie oft trai­nierten Sie?
In der Regel nur einmal am Tag, meis­tens so gegen 10 Uhr mor­gens.

Was macht man dann mit dem rest­li­chen Tag?
Das war ein Pro­blem, um ehr­lich zu sein. In Aizawl war absolut nichts los. Es ist eine sehr christ­lich kon­ser­va­tive Stadt. Für junge Leute gab es nicht wirk­lich viel zu tun. Es gab keine Clubs, keine Bars – Alkohol war gene­rell ver­boten. Mal abends zusammen feiern gehen oder sich mit Mädels zu treffen war nahezu unmög­lich.

Was haben Sie dann den ganzen Tag gemacht?
Ich lebte in Aizawl in einer WG mit zwei wei­teren Spie­lern, einem Rumänen und einem Spieler von der Elfen­bein­küste. In den ersten Wochen sind wir ein­fach durch die Stadt gelaufen, um uns zu ori­en­tieren. Aber wir unter­nahmen auch viel als Mann­schaft, auch mit den beiden spa­ni­schen Trai­nern. Immer Sonn­tags gab es in unserer WG für die gesamte Mann­schaft Crepes. Wir machten es zu unserer Spe­zia­lität – Sonntag war Crepes-Tag.

Im Sommer 2018 wech­selten Sie von Aizawl zu Aba­hani Limited Dhaka nach Ban­gla­desch. Was waren ihre ersten Ein­drücke von der Stadt?
Ich war scho­ckiert und betroffen von der Armut, die ich auf den Straße sah. Es gab dort extrem viele Stra­ßen­kinder, die ent­weder Voll­waisen waren oder auf den Straßen für ihre Fami­lien bet­telten. Es gab Fami­lien, die auf der Straße unter Papp­kar­tons lebten. Das waren Dinge, mit denen ich vorher nie kon­fron­tiert worden war und die mich sehr mit­ge­nommen haben.

Wie sind Sie damit umge­gangen?
Ich habe ver­sucht zu helfen. Wenn meine Mit­spieler und ich mit­tags oder abends los­zogen, um in den Restau­rants essen zu gehen, ver­teilten wir auf dem Weg dorthin wahllos Geld an die Kinder. Nach einiger Zeit kannten sie uns und riefen unsere Namen, wenn wir in die Straße kamen. Wir haben Geld und Essen an sie ver­teilt oder sind zusammen mit ihnen in ein Restau­rant gegangen.

Regel­mäßig?
Wir waren jeden Tag in der selben Straße und eines Tages fragten wir die Kinder, ob sie hungrig seien. Als wir mit ihnen in ein Restau­rant gingen, wollten die Besitzer sie ver­scheu­chen, weil sie dachten, die Kinder hätten sich heim­lich rein­ge­schli­chen.

Denken Sie, dass Sie dadurch nach­haltig helfen konnten?
Nein. Natür­lich haben wir nach ein paar Wochen gemerkt, dass sich die Situa­tion der Kinder nicht nach­haltig ver­bes­sert, wenn wir weiter mit Geld um uns schmeißen. Vor einem Restau­rant, in das wir immer gingen, stand jeden Tag eine Frau mit ihren vier Töch­tern und ver­kaufte Luft­bal­lons. Irgend­wann hatten wir uns mit ihnen ange­freundet, bis wir nach einer Zeit zusammen ein­kaufen gingen und schauten, an was es ihnen im Haus fehlte. In den ersten Wochen haben wir zum Bei­spiel einen Tisch und eine Spüle gekauft. Wir haben ver­sucht, einer Familie dadurch lang­fris­tiger zu helfen. Und wir wollten den Men­schen zeigen, dass sie etwas Wert sind, dass sich jemand um sie küm­mert und sie ein Teil dieser Gesell­schaft sind.