Seite 2: „Ich dachte, das sei nicht Indien”

Wie sieht so eine Kon­takt­auf­nahme aus?
Er hat mir ein­fach über Face­book geschrieben und gefragt, was ich gerade so mache. Ich spielte in Fried­berg und hatte gerade einen neuen Job bei der Flug­si­che­rung am Frank­furter Flug­hafen auf­ge­nommen. Ich war weit weg vom Pro­fi­fuß­ball.

Wie ging es weiter?
Er sagte mir: Es gibt einen Verein, der Videos von dir gesehen hat und der einen Innen­ver­tei­diger mit asia­ti­schem Pass sucht – sie haben Inter­esse an dir.” Ich dachte zuerst an ein Pro­be­trai­ning und habe ihm gesagt, dass ich das nicht mehr machen würde. Doch Aizawl wollte mich tat­säch­lich sofort ver­pflichten, ohne Pro­be­trai­ning. In den Wochen danach klärten wir gemeinsam mit dem Agenten die finan­zi­ellen Dinge, bis ich im August 2017 den Ver­trag erhielt, ihn unter­schrieb und ihn zurück­schickte.

Hatten Sie zu diesem Zeit­punkt über­haupt jemanden per­sön­lich ken­nen­ge­lernt?
Nein, wir regelten allen wich­tigen Dinge per Schrift­ver­kehr oder Telefon.

Was ist Ihnen in den Kopf geschossen, als Sie das Angebot bekommen haben?
Ich habe gewusst, dass es die aller­letzte Chance ist, mir meinen Traum doch noch zu erfüllen. Natür­lich kannte ich den Verein nicht, aber die Mann­schaft war in der Saison zuvor Meister der Indian League geworden und war des­halb im AFC-Cup, der mit der Europa-League ver­gleichbar ist, ver­treten. Für mich war schnell klar, dass ich das machen werde, obwohl ich finan­ziell nicht wahn­sinnig davon pro­fi­tiert habe.

Wie fühlten Sie sich, als Sie den unter­schrie­benen Ver­trag schließ­lich zur Post brachten?
Ich war voller Freude dar­über, meine letzte Chance irgendwie doch noch genutzt zu haben. Ich habe mir aus­ge­malt, wo mich mein Weg hin­tragen könnte, was nach einem Jahr pas­sieren würde. Und ich habe davon geträumt, dass ich es noch weiter schaffen könnte.

Was waren Ihre ersten Ein­drücke, als Sie im Sommer 2017 in Aizawl ankamen?
(Lacht.) Ich habe gedacht, das Flug­zeug hätte sich ver­flogen. Ich dachte, das sei nicht Indien.

Warum?
Ich war bei der Süd­asi­en­meis­ter­schaft bereits mit der Natio­nal­mann­schaft in Indien, aller­dings im Süden, in Kerala. In Aizawl war alles kom­plett anders. Die Men­schen sahen nicht so aus, wie ich sie mir vor­ge­stellt hatte und auch nicht wie ich sie aus Kerala kannte. Aus meiner Sicht war ihr ganzer Kul­tur­kreis eher dem nepa­le­si­schen ähn­lich und ent­sprach über­haupt nicht meiner Erwar­tung.

Haben Sie sich davor mit der Stadt, in der Sie von nun an leben würden, beschäf­tigt?
Ja, ich habe mir in den Wochen zuvor Videos auf You­tube ange­guckt, in denen eben die Stadt gezeigt wird. Ich habe im Internet ein­fach ein biss­chen recher­chiert, mir bei Google Bilder ange­guckt. Aber ich habe nie etwas zur Kultur und den Ein­hei­mi­schen gesehen. In den ersten Tagen war es ein Kul­tur­schock.