Seite 3: „In der Gästekabine war nur ein Klo mit Salontür.“

In der Bilanz stehen 17 Jahre Pro­fi­fuß­ball in St. Pauli. Dabei wären Sie fast in Bremen gelandet, oder?
Ja. Über einen gemein­samen Bekannten lernte ich Hansi Barg­frede kennen, der nur fünf Kilo­meter von mir ent­fernt wohnte und damals bei Werder spielte. Ich machte ein Pro­be­trai­ning bei den Werder-Ama­teuren, was auch positiv ver­lief. Aller­dings musste ich zunächst ein Jahr zur Bun­des­wehr. Als ich damit fertig war, ver­mit­telte mir Hansi ein Pro­be­trai­ning bei St. Pauli.

Und St. Pauli behielt sie direkt da?
Der Trainer Michael Lor­kowski schoss mit andert­halb Stunden lang die Bälle um die Ohren. Wahr­schein­lich hat es ihm impo­niert, dass ich nach 90 Minuten immer noch jedem Ball hin­ter­her­ge­hechtet bin. Aber ich hatte auch Glück: Ich erwischte einen dieser Sahnetage.

Gab es diesen einen Moment, in dem Sie gemerkt haben, dass St. Pauli der Verein für Sie ist?
Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich machte mein erstes Spiel für St. Pauli hier in der Pro­vinz, ein Test­spiel in Neu Wulm­storf. Ich war so dankbar, dass mir der Klub die Chance gab, und es hat von Anfang an gepasst. Erst jetzt an Ostern bin ich zufällig mit dem Auto durch Neu Wulm­storf gefahren und habe meiner Frau direkt ganz gerührt von meiner ersten St. Pauli-Partie erzählt.

Sie waren nicht immer Stamm­spieler. Gab es nie das Ver­langen, einmal woan­ders zu spielen?
Nein. Ich habe schon als Kind nicht ver­stehen können, wie ein Spieler einen Verein wech­seln kann. In diesem Sinne habe ich meinen Kind­heits­traum ver­wirk­licht.

Was macht denn den Mythos St. Pauli aus?
Wie hier die Zuschauer den Fuß­ball gelebt haben, war für mich vom ersten Tag an etwas ganz Beson­deres. Die Fan­szene wuchs kon­stant, anfangs kamen 2000 Leute zu den Spielen, wenige Jahre später spielten wir vor aus­ver­kauftem Haus in der Bun­des­liga. Und trotzdem hat sich der Klub immer eine fami­liäre Atmo­sphäre bewahrt. Das alte Klub­haus am Sta­dion war für alle zugäng­lich, da haben wir viel Zeit ver­bracht, auch mit den Fans. Da musste man sich auch mal einen dummen Spruch anhören, wenn es sport­lich nicht so lief.

Stimmt es, dass die Mann­schaft zu Ihrer Anfangs­zeit auf einem Schul­sport­platz trai­nierte?
Die Zustände waren aben­teu­er­lich. Bis in die Neun­ziger Jahre tin­gelten wir über die Schul­sport­platze Eims­büt­tels. Einmal ver­loren wir bei den Bayern mit 0:3. Unser Manager Georg Vol­kert war sauer und stauchte uns ordent­lich zusammen. Ich ant­wor­tete nur: Mensch Georg, die Vor­be­rei­tung war nicht so ein­fach. Wir mussten das Trai­ning abbre­chen, weil Bun­des­ju­gend­spiele waren. Als er das hörte, ließ er uns wortlos stehen. War ja nur Bayern Mün­chen. Auch die Toi­let­ten­si­tua­tion war alles andere als luxu­riös. In der Gäs­te­ka­bine war nur ein Klo mit Salontür, oben und unten konnte man also durch­schauen. Wenn einer musste, konnte er also ein­halten, sich zugu­cken lassen oder sich in die Schlange vor der Fan­toi­lette ein­reihen. Da haben sich einige Stars schon mal beschwert. Und nicht zu Unrecht

Ab den Neun­zi­gern und mit Ein­stieg des Pri­vat­fern­se­hens wurde der Klub ein über­re­gio­nales Phä­nomen. Hat man das gemerkt?
Na klar, die Auf­merk­sam­keit war plötz­lich viel größer. Ich erin­nere mich an ein Spiel in Dort­mund, in dessen Anschluss ich erst nach Mün­chen zum DSF musste, anschlie­ßend ins Sport­studio und dann noch zum NDR. An dem Tag habe ich viermal so viel Zeit im Studio ver­bracht wie auf dem Fuß­ball­platz. Auch auf der Straße merkte man die gestie­gene Beach­tung. Plötz­lich konnte ich mit meiner Familie kaum noch ein­kaufen gehen, weil die Leute schon am Auto war­teten, um Fotos zu machen oder ein Auto­gramm zu bekommen.