Seite 2: „Soll er die Hand doch wegnehmen, der Idiot.“

Schreien, Schimpfen, Jubeln – wie viel vom Tier im Tor“ war denn Show?
Die Platz­hirsch­men­ta­lität im eigenen Sech­zehner hat mir geholfen, an mein Limit zu gehen. Und sie hat geholfen, andere Spieler ein­zu­schüch­tern. In einem Spiel gegen Stutt­gart 1995/96 habe ich Kras­simir Balakov mal wegen einer Lap­palie am Mit­tel­kreis total zusam­men­ge­faltet. Der war danach völlig von der Rolle, und wir haben das Spiel mit 2:1 gewonnen. Andreas Möller war dafür auch anfällig. Dem habe ich beim Eck­ball mal einen mit­ge­geben. Als er wenige Minuten später frei vor dem Tor stand, war er noch so beein­druckt, dass er den Ball an die Latte gesetzt hat. Nor­ma­ler­weise machte der den mit ver­bun­denen Augen.

Ihre emo­tio­nale Art muss viele Gegner sehr auf­ge­regt haben. Gab es nicht zahl­lose dumme Sprüche?
Gegen­über der Presse hat sich immer meine Frau ein­ge­schaltet, wenn ich mal über die Stränge geschlagen habe. Sie hat den Jour­na­listen dann gesagt, sie hätte mir zuhause schon einen kräf­tigen Anschiss ver­passt. Damit war ich aus dem Schneider. Auf dem Platz war Mario Basler einer, mit dem man sich gut in die Köppe kriegen konnte. Aber bei allem Theater wäh­rend des Spiels: Mit Abpfiff war das gegessen. Da habe ich gesagt: Mario, das Spiel ist vorbei, jetzt brauche ich dein Trikot für meinen Sohn.“ Dann haben wir uns die Hand gegeben und Tri­kots getauscht.

Und das, obwohl er Ihnen fast den kleinen Finger abge­schossen hat.
Basler konnte damals wirk­lich um die Ecke schießen. 1996 zir­kelte er mir einen Frei­stoß um die Mauer, unglaub­lich hart und mit wahn­sinnig viel Drall. Ich kam gerade noch dran, aber der Ball drehte mir ein­fach den Fin­ger­kno­chen aus dem Gelenk. Und ging dann auch noch rein. Ich musste aus­ge­wech­selt werden, wir ver­loren und Basler sagte anschlie­ßend: Soll er die Hand doch weg­nehmen, der Idiot. Der Ball ist doch eh rein­ge­gangen“. Der Finger ist heute noch krumm.

Nicht die ein­zige skur­rile Ver­let­zung. In Ros­tock mussten Sie mal wegen einer Rauch­bombe vom Feld.
Ich bin mir sicher, dass das Trä­nengas war. Ich bin Kon­takt­lin­sen­träger, meine Augen brannten wie ver­rückt und ich konnte nichts mehr sehen. Ros­tock bekam eine Platz­sperre ver­don­nert, wegen der sie das nächste Heim­spiel aber im aus­ver­kauften Ber­liner Olym­pia­sta­dion aus­trugen. So habe ich den Ros­to­ckern bestimmt eine Mil­lionen Mark Mehr­ein­nahmen beschert. Da hätte ich eigent­lich schon einen Blu­men­strauß erwartet.

Waren hit­zige Par­tien gegen Rivalen wie Ros­tock für einen emo­tio­nalen Tor­wart wie Sie nicht die geilsten Spiele?
Absolut nicht. Wenn man mit­be­kommt, wie auf den Rängen die Hoo­li­gans über die Zäune in andere Blöcke klet­tern, Steine werfen und sich prü­geln, ist das fürch­ter­lich. Ich fand die Fan-Riva­lität zwi­schen Pauli und Ros­tock immer schlimm. Die geilen Spiele waren andere.

Welche?
Ich erin­nere mich an ein Spiel in Dort­mund, wo mich die Gelbe Wand 90 Minuten lang nie­der­ge­schrien hat. Das hat mich gepusht ohne Ende, irgend­wann habe ich jedes Arsch­loch, Wichser, Huren­sohn“ beim Abstoß mit­ge­brüllt. Nach Abpfiff, der BVB gewann 2:1, ging ich zurück zum Tor, um meine Was­ser­fla­sche zu holen. Neben mir ging Andi Möller, der mit der Borus­sen­wand feiern wollte. Aber die skan­dierte meinen Namen. Andi sah mich ent­geis­tert an und fragte: Was ist denn hier los?“ Die haben mir 90 Minuten Feuer gegeben, aber mir anschlie­ßend für meine Leis­tung applau­diert. Das war für mich der echte Fuß­ball. In Glad­bach ist mir etwas Ähn­li­ches pas­siert.

Was denn?
Ich wurde im Tor vor den Glad­bach­fans warm­ge­schossen. Irgend­wann fing ich an, bei jeder Parade meine Show abzu­ziehen. Und die Fans sind total darauf abge­gangen und haben mich wäh­rend des kom­pletten Warm-Ups ange­feuert. Das war vom Aller­feinsten.

Wie gut war denn der Keeper hinter dem Tier? Ihr Trainer Uli Maslo sagte einmal: Klaus ist nicht schlechter als Ill­gner oder Kahn.“ KSC-Trainer Winnie Schäfer sagte: Der Thom­forde ist eigent­lich kein guter Tor­wart. Aber wie er die Mann­schaft von hinten raus­powert, wirkt auf die anderen positiv anste­ckend.“ Wer von beiden hat Recht?
Schäfer hatte in dem Sinne Recht, als dass ich in Sachen Tor­wart­technik nicht auf dem Niveau von Kahn oder Ill­gner war. Aber wie auch, ich hatte, bis ich 32 war, keinen Tor­wart­trainer. Ich habe jah­re­lang mit Volker Ippig trai­niert, das sah dann so aus, dass er mir aus fünf Metern die Bälle in den Winkel knüp­pelte, und danach ich ihm. In Sachen tor­wart­spe­zi­fi­schen Trai­nings habe ich viele Jahre ver­schenkt.

Also hat Schäfer Recht gehabt?
Nein, er hatte gleich­zeitig auch Unrecht, denn zum Tor­wart­spiel gehören eben auch Dinge wie Orga­ni­sa­tion, Moti­va­tion und Kom­mu­ni­ka­tion. Und damit habe ich andere Defi­zite aus­ge­gli­chen. Mit ordent­li­chem Tor­wart­trai­ning wäre bestimmt ein biss­chen mehr drin gewesen. Ande­rer­seits bin ich auch stolz darauf, über andere Bau­steine des Tor­wart­spiels so weit gekommen zu sein.