Marc Quam­busch, Sie haben einen Film über drei deut­sche Groundhopper gemacht, die Polen und die Ukraine bereisten. Wie ver­traut waren Sie mit den Län­dern?
Ich war zuvor einmal in der Ukraine, im Sep­tember 2010. Damals spielte mein Klub Borussia Dort­mund bei Kar­paty Lwiw. Ich war aller­dings knapp in der Zeit und habe nichts von der Stadt gesehen. Ich kam gerade recht­zeitig zum Anpfiff ins Sta­dion. Auch Polen war für mich, gerade was die Fan­kultur angeht, abso­lutes Neu­land – und gerade des­wegen extrem span­nend.

Ihr Film heißt Ver­rückt nach Fuß­ball“. Sind Groundhopper das wirk­lich: Ver­rückt nach Fuß­ball?
Es gibt nicht den typi­schen Groundhopper. Der eine viel­leicht nur nach Süd­ame­rika und der andere zu Top­par­tien auf der ganzen Welt, weil er das Spiel an sich liebt. Der andere liebt das Drum­herum, die Reisen, die Städte, die Sta­dien. Wie­derum andere werden von einer Sam­mel­lei­den­schaft getrieben. Sie sam­meln die Grounds, die Spiel­stätten.

Wie steht es mit mit Ihnen?
Ich fahre aus­wärts mit dem BVB mit und gele­gent­lich auch zu anderen Spielen. Ein Groundhopper bin ich aber nicht. Den­noch finde ich dieses Hobby wahn­sinnig fas­zi­nie­rend, vor allem aus jour­na­lis­ti­scher Sicht.

Wie haben Sie denn Ihre Prot­ago­nisten gefunden?
2010 habe ich bei der MTV-Sen­dung Kavkas WM-Camp“ mit­ge­ar­beitet. In diesem Rahmen lernte ich Jan-Henrik Grus­zecki kennen. Er ist wirk­lich viel unter­wegs. Ins­ge­samt kommt er immer noch auf circa 300 Spiele pro Jahr. Wäh­rend der WM 2010 ent­sponnen wir die Idee, mal eine Doku­men­ta­tion über Groundhop­ping zu machen. Ver­gan­genes Jahr wurde es dann kon­kreter, auch weil das ZDF sich bei der Prä­sen­ta­tion des Themas sehr begeis­tert zeigte.

Ende April sind Sie dann mit einem fünf­köp­figen Team und drei Groundhop­pern los­ge­fahren. Was war Ihre Inten­tion?
Ich wollte einen authen­ti­schen Ein­blick in einen Teil der Fan­kultur Polens und der Ukraine geben. Dabei wollte ich die Fans in den Mit­tel­punkt stellen, ohne sie zu bewerten. Wir waren acht Tage unter­wegs. In Polen haben wir mit dem Fünft­li­ga­spiel MKS Orzel“ Przwe­worsk gegen MKS Stal“ Nowa Deba begonnen. Der Ground war vor allem des­wegen beson­ders, weil er einen kom­plett ein­ge­zäunten Gäs­te­be­reich hat. Ein Käfig, der 50 bis 100 Zuschauern Platz bietet. Dieser wird wäh­rend des Spiels sogar abge­schlossen.

Ver­rückt nach Fuß­ball – Groundhop­ping in Polen und der Ukraine“ läuft am 19. März 2013 um 19:00 Uhr auf dem 11mm-Fuß­ball­film­fes­tival. Tickets und wei­tere Infos auf: 11​-mm​.de

Kaum vor­stellbar, dass so ein Bereich geneh­migt wird.

Es fehlt in Polen ein­fach das Geld für Ordner. Jan Krapf, der zweite männ­liche Prot­ago­nist des Films, erzählte mir, dass ein Platz­wart hier mal die Fans im Käfig ver­gessen hat – er war in der Halb­zeit­pause samt Schlüssel in die Kneipe gegangen und tauchte erst 45 Minuten nach Spie­lende wieder auf.

Haben Sie auch höher­klas­sigen Fuß­ball gesehen?
Ja, wir waren etwa bei Lodz‘ 0:2‑Niederlage gegen Korona Kielce 0:2, die für LKS den Abstieg bedeu­tete und in Fan­pro­teste vor dem Sta­dion mün­dete. Da war mir erst­mals ein wenig mulmig. Jeden­falls wies Jan Krapf bestimmt darauf hin, dass es nun besser sei, die Kamera ein­zu­ste­cken und einen langen Schuh zu machen. In sol­chen Situa­tionen war es immens hilf­reich jemanden wie ihn dabei zu haben. Krapf ist ein Kenner der pol­ni­schen Fan­land­schaft, früher gab er das Groundhop­ping-Fan­zine Der Grenz­gänger“ heraus, das sich vor­nehm­lich mit pol­ni­schen Fan­kultur beschäf­tigte.

Gab es andere Situa­tionen, die brenzlig waren?
In War­schau trafen wir uns mit dem Capo von Legia. Eine schil­lernde Gestalt. Er gab uns ein Inter­view, das aus­ge­spro­chen inter­es­sant war. Ande­rer­seits in sich auch extrem wider­sprüch­lich. Der Mann gab ohne Umschweife zu, dass er eigent­lich wenig Inter­esse an Fuß­ball hat.

Woran dann?
An der Stim­mung, den Chores, der Kurve. Er trennt auch nicht zwi­schen Ultras und Hoo­li­gans. Sein Motto: When it’s time to sing, then it’s time to sing. When it’s time to fight, then it’s time to fight!“ Defi­nitiv kein Mann, den ich meiner Schwie­ger­mutter vor­stellen würde. Trotzdem ein extrem cha­ris­ma­ti­scher Mensch.

Welche Rolle nehmen die Ultras in Polen denn im Sta­dion ein? Werden Sie ebenso kri­tisch beäugt wie in Deutsch­land?
Sie haben einen ganz anderen Status. Wenn hier­zu­lande so viel Pyro abge­fa­ckelt würde wie beim pol­ni­schen Pokal­fi­nale zwi­schen Ruch Chorzow gegen Legia War­schau, riefe man sofort eine außer­or­dent­liche Innen­mi­nis­ter­kon­fe­renz zusammen. Auch erstaun­lich ist die Nähe zu den Spie­lern. Legia gewann das Pokal­fi­nale 3:0. Im Anschluss an die Sie­ger­eh­rung lief der Kapitän zur Kurve und über­reichte dem Capo den Pokal. Über­tragen Sie das mal auf Deutsch­land. Eine gro­teske Vor­stel­lung!

Danach sind Sie in die Ukraine gereist. Welche Spiele haben Sie dort gesehen?

Dort wollten wir eigent­lich das Pokal­halb­fi­nale zwi­schen Volyn Lutsk und Schachtar Donezk besu­chen. Doch auf­grund der Bom­ben­an­schläge in Dnjepro­pe­trowsk waren die Sicher­heits­vor­keh­rungen erhöht worden und wir konnten nicht nach Lutsk reisen. Also nahmen wir zwei Spiele von Jugend­mann­schaften in der Arena von Lwiw mit. Das war kein adäquater Ersatz, zumal das Sta­dion ein stan­dar­di­sierte Arena ist, wie wir sie auch aus Deutsch­land kennen: Außen Glad­bach, Innen Düs­sel­dorf. Inter­es­santer war da schon eine Partie in einem kleinen Ört­chen 50 Kilo­meter nörd­lich von Lwiw. Danach ging es zurück nach Deutsch­land – und es wurde noch einmal kri­tisch.

Warum?
Wir ver­brachten sieben Stunden an der Grenze. Als ich am Über­gang aus dem Wagen steigen wollte, um mir Wasser zu holen, eilte prompt ein Grenz­be­amter herbei und drückte mir den Lauf seiner Pis­tole unter die Nase. Es war scheinbar nicht erlaubt, den Wagen zu ver­lassen. Ich rief nur: Alles okay, ich will nur etwas trinken.“ Wäre kein gutes Ende dieser Reise gewesen: Erschossen an der ukrai­nisch-pol­ni­schen Grenze.

Ver­rückt nach Fuß­ball – Groundhop­ping in Polen und der Ukraine“ läuft am 19. März 2013 um 19:00 Uhr auf dem 11mm-Fuß­ball­film­fes­tival. Tickets und wei­tere Infos auf: 11​-mm​.de.