Dieser Text ist erst­mals in 11FREUNDE #222 erschienen, in der Prot­ago­nisten von der Kraft des Fuß­balls erzählen. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Manchmal sage ich im Scherz: Wenn es um dieses Spiel geht, das inzwi­schen über 34 Jahre zurück­liegt, müsste ich mich eigent­lich mal behan­deln lassen.“ Denn damit ist eine Geschichte ver­bunden, die mir seither immer mal wieder ein­fällt, wenn davon die Rede ist, dass Fuß­ball­spiele im Kopf ent­schieden werden. Wir hatten 1985 das Hin­spiel im Ach­tel­fi­nale des UEFA-Cups in Düs­sel­dorf mit 5:1 gegen Real Madrid gewonnen und dabei groß­artig gespielt. Aber wir waren gewarnt, weil in der Saison zuvor der RSC Ander­lecht mit einem 3:0‑Vorsprung ins Ber­nabeu-Sta­dion gefahren war, dort mit 1:6 ver­loren hatte und aus­ge­schieden war. Zumal das eine extrem gut besetzte Mann­schaft von Real Madrid war, in der Hugo San­chez, Jorge Valdano, José Camacho und Emilio Butra­gueño mit­ge­spielt haben.

In his­to­ri­scher Mis­sion nach Madrid

Außerdem gab es noch eine andere Vor­ge­schichte, denn 1976 hatte schon einmal ein Team von Borussia Mön­chen­glad­bach gegen Real Madrid gespielt, sogar im Euro­pa­pokal der Lan­des­meister. Damals war es vom hol­län­di­schen Schieds­richter Leo­nardus van der Kroft ver­pfiffen worden, der zwei ast­reine Tore aberkannte, einmal wegen einer ver­meint­li­chen Abseits­stel­lung und einmal wegen eines ver­meint­li­chen Hand­spiels. Die Fehl­ent­schei­dungen waren so krass, dass eigent­lich alle davon aus­ge­gangen sind, dass Real den Schieds­richter besto­chen hatte. Also sind wir quasi in his­to­ri­scher Mis­sion nach Madrid gereist, die Mann­schaft von damals zu rächen. Das galt beson­ders für unseren Trainer, denn Jupp Heynckes war damals noch als Spieler dabei gewesen.

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4:0 gewann Glad­bach das Hin­spiel im Düs­sel­dorfer Rhein­sta­dion.

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Als wir im Ber­nabeu antraten, passten dort noch fast 100 000 Zuschauer hinein – so ein großes und zugleich enges Sta­dion gab es bei uns in der Bun­des­re­pu­blik nicht. Und was wir auch nicht kannten, war, dass unser Mann­schaftsbus auf dem Weg ins Sta­dion mit Tomaten beworfen wurde. Das hat uns schon mal ziem­lich ein­ge­schüch­tert. Wie beein­druckt wir waren, merkte ich, als ich in der Kabine neben Kurt Pin­kall saß. Er war berühmt als schnellster Post­bote Deutsch­lands“, weil er sogar zu Beginn seiner Pro­fi­kar­riere noch Post aus­ge­tragen hatte; und sein Mar­ken­zei­chen war, dass er immer ohne Schien­bein­schoner gespielt hat. Doch als wir uns umzogen, sah ich plötz­lich, wie Kurt sich Schien­bein­schoner unter die Stutzen steckte, nachdem wir draußen gewesen waren und uns den Rasen und das Sta­dion ange­schaut hatten. Also habe ich ihn gefragt: Was ist denn mit dir los, seit wann trägst du denn Schien­bein­schoner?“ Er drehte sich zu mir um und sagte: Du warst doch auch gerade draußen. Ich bin noch zu jung zum Sterben.“ Da habe ich mir gedacht: Oha, was pas­siert denn hier?

Als der Schieds­richter gepfiffen hat, um uns auf den Platz zu holen, sind wir aus der Kabine und auf eine Treppe getreten, über die es zum Spiel­feld ging. In der Mitte war damals ein Gitter, das es, glaube ich, heute noch gibt. Wir standen auf der rechten Seite davon, aber die Spieler von Real waren noch nicht da.