Es kam der Tag, an dem Iyabo Abade nicht mehr Iyabo Abade sein wollte. Wenn dich nie­mand akzep­tiert, wie du bist, dann ist es so, als könn­test du nicht fort exis­tieren“, spürte der Mensch, der einst für Nige­rias Frauen-Natio­nal­team auf Tore­jagd ging und später zum Män­ner­fuß­ball wech­seln musste. Er nannte sich nun James Johnson – und schaffte es immerhin in Nige­rias höchste Spiel­klasse. Iyabo Abade aber hatte nicht etwa betrogen, indem sie sich als kör­per­lich über­le­gener Mann in den Frau­en­sport ein­ge­schleust hatte. Iyabo war gar kein Mann. Streng genommen, war sie auch keine Frau. Iyabo gehörte dem soge­nannten dritten Geschlecht an, das all jene Per­sonen zusam­men­fasst, die sich im binären Geschlechts­system – sprich: Mann oder Frau – nicht prä­zise ein­ordnen lassen. Oder ein­ordnen lassen wollen.

Das schlimmste Erlebnis

Ich wurde wie ein Mäd­chen erzogen, aber ich hatte früh Merk­male beider Geschlechter“, offen­barte der heute 40-jäh­rige James Johnson kürz­lich in einem TV-Inter­view mit der bri­ti­schen BBC. Die junge Iyabo besaß eine Scheide, bekam aber in der Pubertät keine Brüste. Auch ihre Gesichts­züge hatten etwas mar­kant Mas­ku­lines. Iyabo war von Geburt an inter­se­xuell – so wie etwa jeder 500. bis 1000. Mensch auf der Welt. Allein in Deutsch­land leben laut Schät­zungen etwa 80.000 Per­sonen mit kör­per­li­chen bzw. hor­mo­nellen Merk­malen beider Geschlechter. Laut Sta­tistik müsste also jeder von uns ein bis zwei inter­se­xu­elle Bekannte haben. Doch die meisten Betrof­fenen halten ihre Beson­der­heit so gut wie mög­lich geheim.

Wenn du aber Fuß­ball spielst, noch dazu auf großer Bühne, ist es schwierig, gewisse Dinge für dich zu behalten. Es gab da diesen Vor­fall mit einer Gegen­spie­lerin, für die ich augen­schein­lich viel zu schnell war“, erin­nert sich James Johnson schmerz­voll an den Frauen-Afrika-Cup des Jahres 1998. Ihr fiel wohl nichts Bes­seres ein, als mir vor allen Leuten im Sta­dion die Hose runter zu ziehen. Zum Glück stellten sich meine Mit­spie­le­rinnen schüt­zend vor mich. Das war das schlimmste Erlebnis meines Lebens.“ Iyabo Abade war ent­blößt. Kör­per­lich. See­lisch. Und trotz des Ein­schrei­tens der Team­kol­le­ginnen fühlte sie sich später völlig allein mit ihrem Schmerz und der Demü­ti­gung.

Super-Falke

Mit dem Fuß­ball­spielen begonnen hatte Iyabo im Alter von elf Jahren. Sie war talen­tiert. Schnell. Und robust. Schon als Teen­ager spielte sie für die Jegede Babes“ in Nige­rias höchster Frauen-Spiel­klasse. Dort schoss sie alles in Grund und Boden: 38 Tore in der Saison 1996 bedeu­teten einen neuen Liga­re­kord. Wann immer ich auf­lief, sagten viele, dass ich spiele wie ein Mann. Das ver­wirrte die Leute.“ Und machte die Talent­späher auf­merksam. Trotz leiser Gerüchte über Iyabos wahre geschlecht­liche Iden­tität erhielt sie schon bald eine Ein­la­dung zu den Super-Fal­cons“ (zu deutsch: Super-Fal­ken­/­Spitz­name der Frauen-Natio­nal­mann­schaft von Nigeria; die Redak­tion).