Den eigenen Namen in einem Lexikon zu lesen, sich ein­zu­reihen zwi­schen den Großen der Mensch­heits­ge­schichte, ist für manche Ziel all ihres Stre­bens. Ein Ein­trag im Brock­haus“ oder auch nur bei Wiki­pedia“, und die irdi­sche Exis­tenz hat sich gelohnt. Sie werden Luther Blis­sett beneiden. Denn dieser Mann hat das gleich zwei Mal geschafft: als Fuß­baller – und als Medi­en­phantom.



Die erste Erwäh­nung ver­diente er sich noch selbst. Und das war harte Arbeit. Geboren 1958 in Fal­mouth, Jamaika, auf­ge­wachsen in den mono­chromen Vor­städten von Wat­ford vor den Toren Lon­dons, schliff Luther Blis­sett uner­müd­lich an seinem biss­chen Talent. Dis­zi­plin, Ent­halt­sam­keit, Dau­er­lauf vor und nach dem Trai­ning, Son­der­schichten, wenn seine Mit­spieler längst im Pub saßen und ihre Pints tranken – Blis­sett wusste, dass er als Schwarzer in dieser Zeit mehr auf dem Kasten haben musste, wenn er es schaffen wollte. Wenn du ganz unten bist“, sagt er, dann hast du mehr Anlauf für den Sprung nach oben.“

Der Auf­takt zu Blis­setts Kar­riere war wie unzäh­lige andere. Wenig deu­tete darauf hin, dass er je in einem Lexikon Erwäh­nung finden würde. 1975 lief er erst­mals für den FC Wat­ford auf, einen Viert­li­gisten im Schatten der Lon­doner Super­klubs. Dort wäre er wohl geblieben, hätte sich nicht ein Mann in den Kopf gesetzt, seinen Lieb­lings­verein an die Spitze des eng­li­schen Fuß­balls zu hieven: Elton John, der Para­dies­vogel aus dem Pop­ge­schäft, wurde Prä­si­dent des FC Wat­ford.

Mit Elton John am Flügel


John inves­tierte sein Geld, das er mit Welt­hits wie Your Song“ und Cro­co­dile Rock“ ver­dient hatte, an der rich­tigen Stelle. Der Auf­stieg des FC Wat­ford begann – und mit ihm der Auf­stieg des jungen Stür­mers Luther Blis­sett. Elton war ein guter Prä­si­dent“, erin­nert er sich. Der Klub war mehr als nur ein Hobby für ihn. Wenn wir ver­loren, war er ziem­lich sauer. Wenn wir gewannen, war er voll­kommen aus dem Häus­chen. Aber nur einmal hat er sich für uns an den Flügel gesetzt.“ 1982 war das, der FC Wat­ford hatte es in nur fünf Jahren bis in die Erste Liga geschafft. Wäh­rend die Anhänger des Pro­vinz­klubs noch unter dem Jetlag des Durch­marschs litten und sich benommen umsahen, wohin es sie ver­schlagen hatte, brauchte Blis­sett keine Ein­ge­wöh­nungs­zeit: Er war nun da, wohin er gewollt hatte. 27 Tore schoss er in dieser Saison und machte den FC Wat­ford auf Anhieb zum eng­li­schen Vize-Meister. Gegen Terry But­cher oder Steve Bould, diese Klei­der­schränke, ein Tor zu schießen, ihnen zu ent­wi­schen und das Ding rein­zu­ma­chen, das war … mein Gott!“, sagt Blis­sett und wird noch immer ganz starr vor Ver­zü­ckung. Das war … WOW!“

Was noch fehlte zu Blis­setts erstem Lexi­kon­ein­trag folgte bald: Der große AC Milan ver­pflich­tete ihn 1983 für eine Mil­lion Pfund, im Herbst darauf machte er sein erstes Län­der­spiel. Beim 9:0 gegen Luxem­burg erzielte er einen Hat­trick – die ersten Tore eines schwarzen Spie­lers in der Geschichte der eng­li­schen Natio­nal­mann­schaft. Eng­land kannte ihn, Europa kannte ihn – dann begann der Abstieg. Die drei Tore blieben seine ein­zigen für Eng­land, die Bou­le­vard­presse schmähte ihn bald als Luther Missit“, beim AC Milan konnte er sich nicht durch­setzen. Nach nur einem Jahr ging er zurück nach Wat­ford, ohne die alte Treff­si­cher­heit je wieder zu erlangen. Zu spüren, dass ich schon mit Mitte 20 den Zenit über­schritten hatte, war damals nicht gerade ein Grund zur Freude“, sagt er. Irgendwas war abhanden gekommen. Aber heute denke ich: Hey, die wenigsten schaffen es über­haupt dahin, wo ich war.“

Nicht einmal nur die wenigsten, son­dern wohl nie­mand schafft das, was dann folgte: Luther Blis­sett kam zu seinem zweiten Lexi­kon­ein­trag. Er ver­dop­pelte, ja, er ver­tau­send­fachte sich, ohne selbst etwas dazu zu tun. Aber der Reihe nach: Anfang der Neun­ziger, kurz nachdem er seine Kar­riere bei Mans­field Town hatte aus­klingen lassen, blät­terte Luther Blis­sett daheim in einer Zei­tung. Die Mel­dung musste ich fünfmal lesen und glaubte sie dann immer noch nicht“, erin­nert er sich. In Rom waren vier Stu­denten wegen Schwarz­fah­rens in der Stra­ßen­bahn ver­haftet worden. Der Schaffner wollte von jedem ein Ticket sehen, sie aber zeigten ihm nur eins. Ihre Begrün­dung, bei der sie auch auf der Poli­zei­wache blieben, lau­tete: Wir sind Luther Blis­sett!“ Der echte Luther Blis­sett an seinem Küchen­tisch legte die Zei­tung bei­seite und war bereit, das ganze als selt­samen Streich in Erin­ne­rung zu behalten. Doch kurz darauf wurde gemeldet, dass ein Mann namens Luther Blis­sett auf dem Fahrrad durch Ita­lien fährt und auf seiner Route Städte so mit­ein­ander ver­bindet, dass sich daraus das Wort Art“ („Kunst“) ergibt. Er sei, so hieß es, bei dieser Aktion ver­schollen, und werde jetzt in der Sen­dung Chi l’ha visto?“, dem Pen­dant zu Bitte melde dich!“, gesucht. Wo bist du denn gewesen?“, musste sich der echte Luther Blis­sett dar­aufhin in den Straßen von Wat­ford fragen lassen, und: Was machst du denn für Sachen?“

Luther Blis­sett wusste darauf auch keine Ant­wort. Er lebte sein beschau­li­ches Fuß­ball­rent­ner­leben, trai­nierte ein paar Pro­vinz­ver­eine und hatte mit seinen Kum­pels John Barnes und Stan Col­ly­more einen Hobby-Renn­stall gegründet. Aber Schwarz­fahren in Rom? Mit dem Fahrrad Buch­staben in die Land­karte schreiben? Er doch nicht! Ebenso wenig wusste Blis­sett damals, was Neo­ismus ist. Heute ist er schlauer: Dabei han­delt es sich um eine Gaga-Phi­lo­so­phie, deren Ziel darin besteht, andere Phi­lo­so­phien, ihre Arro­ganz und ver­meint­liche Wirk­macht ad absurdum zu führen. Zugleich empört der Neo­ismus sich über den Unflat der Zivi­li­sa­tion, gegen Arbei­ten­müssen, Staat und Kapi­ta­lismus. Eine Spaß­gue­rilla, irgendwo zwi­schen Pogo-Partei und Sur­rea­lismus.

Schon der Gründer dieser Geis­tes­schule, der eng­li­sche Sati­riker Fran­klin P. Adams, war ein Lausbub. In den Neun­ziger Jahren nutzten seine Epi­gonen in Rom und Bologna die Mög­lich­keiten moderner Medien, um ihre Mit­men­schen heillos zu ver­wirren. Warum sie das unter dem Namen eines ehe­ma­ligen Fuß­ball­profis taten, ist wie all ihre Ent­schei­dungen nicht logisch erklärbar und absicht­lich sinnlos. Es gibt nur eine Hypo­these, und die ist schwach: In seiner Zeit beim AC Milan war Blis­sett mehr­fach ras­sis­tisch belei­digt worden. Wollten die Neoisten ihn auf ihre Weise rächen? Ich habe nie recht ver­standen, was diese Jungs wollten“, sagt der echte Luther Blis­sett und reibt sich die Stirn. Aber wahr­schein­lich war genau das ihr Ziel: uns alle zu ver­ar­schen.“ Dann lächelt er: Also habe ich es ja doch ver­standen!“

Luther Blis­sett war der Name eines angeb­lich malenden Schim­pansen

Ob er es nun ver­standen hatte oder nicht: Machtlos war er ohnehin gegen das Treiben seines mul­ti­plen Alter Egos. Die ita­lie­ni­schen Neoisten agierten aus dem Unter­grund heraus und wurden immer mehr. Längst hatten sie in ihrem Mani­fest erklärt: Jeder kann Luther Blis­sett sein, indem er ein­fach den Namen Luther Blis­sett annimmt.“ Tau­sende Spaß-Gue­ril­leros welt­weit machten von diesem Angebot Gebrauch, ver­an­stal­teten Aktionen oder behaup­teten es so über­zeu­gend, dass die Zei­tungen und Fern­seh­sender auf ihre homöo­pa­thi­sche Gegen-Infor­ma­tion“ her­ein­fielen und blind­lings dar­über berich­teten. Luther Blis­sett war der Name eines Schim­pansen, der angeb­lich einem Tier­ver­suchs­labor entkam, anfing zu malen und seine Werke auf der Bien­nale in Venedig aus­stellte. Zu sehen war dort jedoch nur ein Por­trät eines Herm­aphro­diten, der Sym­bol­figur der Quatsch-Bewe­gung. Blis­sett tauchte als Gast­mu­siker auf Punk-Alben auf, Poli­tak­ti­visten in Deutsch­land, Spa­nien und den USA trugen seinen Namen. 1999 dann der letzte und wohl größte Coup des Phan­toms, das sich Luther Blis­sett nannte: Unter seinem Namen erschien der Roman Q“, eine fik­tive Geschichte der euro­päi­schen Gegen­kultur. Da das Impressum erlaubt, das Buch frei zu kopieren, steht es heute noch in unzäh­ligen Bücher­re­galen links­in­tel­lek­tu­eller Prä­gung.

Kurz darauf beging das Kol­lektiv Seppuku, ritu­ellen Selbst­mord. Wie all ihre Hand­lungen war auch dies ein medialer Witz. Natür­lich setzte nie­mand wie japa­ni­sche Samurai eine Klinge an seinen Bauch und schlitzte ihn unter­halb des Nabels auf, um die Seele ent­wei­chen zu lassen. Die Kern­gruppen in Rom und Bologna lösten sich schlichtweg auf, sie hatten das Ende einer will­kür­lich gesetzten Lebens­spanne von fünf Jahren erreicht. Seitdem wei­gern sich die Grün­dungs­mit­glieder, sich zu ihren Machen­schaften zu äußern. Noch immer geis­tert Luther Blis­sett zwar durch Blogs und Foren, er taucht in Book­lets auf, ihm wird in Nach­worten dada­is­ti­scher Gedicht­bände gedankt. Doch seine Stimme wird langsam schwä­cher.




Der echte Luther Blis­sett wusste nie so recht, ob er dar­über lachen oder weinen soll, dass es ihn viel­fach gibt. Doch bis zum Tod seiner bizarren Weg­be­gleiter hatte er sich so an sie gewöhnt, dass er ihnen in der eng­li­schen TV-Sen­dung Fan­tasy Foot­ball“ einen Nachruf wid­mete und mit wei­he­vollem Ton selbst aus dem Roman Q“ vorlas: Die Münze aus dem König­reich der Irren bau­melt auf meiner Brust und erin­nert mich an die ewige Pen­del­be­we­gung des mensch­li­chen Schick­sals.“
Ein Satz der, so ver­quast er ist, auch über seinem Leben stehen könnte. Einem Leben, aus dem zwei Lexi­kon­ein­träge her­vor­ge­gangen sind: Luther Bli­sett, eng­li­scher Fuß­baller. Und: Luther Blis­sett, Medi­en­phantom. Einer von beiden, wahr­schein­lich der Fuß­baller, lacht: Ich glaube, das hat nicht mal Elton John geschafft!“