I don’t tip“, sagt Mr. Pink in Quentin Taran­tinos Indie-Klas­siker Reser­voir Dogs und ver­wei­gert damit, zum Ent­setzen seiner Tisch­ka­me­raden, vehe­ment die Betei­li­gung am Trink­geld für die eif­rige Bedie­nung. Mit seiner kon­se­quenten Anti-Trink­geld-Hal­tung steht Steve Bus­cemi alias Mr. Pink aller­dings ziem­lich alleine da und muss sich wäh­rend der gesamten Anfangs­szene gegen­über seinen Kol­legen recht­fer­tigen.

In Fuß­ball­fragen und gerade in Zeiten großer Tur­niere, wenn das Fuß­ball­gu­cken zum Gemein­schafts­er­eignis wird, halte ich es mit Mr. Pink. Ich tippe nicht.

Das ist nicht als super­in­di­vi­du­elle Auf­leh­nung gegen den Main­stream gemeint, son­dern ein­fach eine Art Schutz­me­cha­nismus, der die Freude, Anspan­nung und den Glauben an die unbe­grenzten Mög­lich­keiten wäh­rend eines Spiels bewahren soll.

Geil! Das ist mein Tipp! So muss es bleiben!“

Wenn in einer gemüt­li­chen Wohn­zimmer-EM-Runde jemand nach zwei Minuten auf­springt, sich nur kurz über das frühe 1:0 freut, um im nächsten Moment auf dem Smart­phone die Tipp­runden-Blitz­ta­belle auf­zu­rufen, dann ist das gerade noch in Ord­nung.

Absolut rät­sel­haft wird es dann, wenn Fol­gendes hin­terher geschrien wird: Geil! Das ist mein Tipp! So muss es bleiben!“ Nach zwei Minuten. Wer so etwas sagt, und ernst­haft hofft, hat den Fuß­ball nie geliebt. Neben jemandem ein Spiel zu schauen, der bereit ist, 88 Minuten lang die Daumen zu drü­cken, dass nichts pas­siert, ist furchtbar unin­spi­rie­rend. Da geht doch tat­säch­lich jemand frei­willig das Risiko ein, dass eine Über­ra­schung zur Ent­täu­schung wird. Jetzt ist mein Tipp im Eimer!“, heißt es da zum Bei­spiel nach der sen­sa­tio­nellen Füh­rung der Isländer gegen Eng­land.

Wenn jener Tipper-Typus dann auch noch vor dem Spiel einen Mis­sio­nie­rungs­an­griff startet, wird es beson­ders schwierig.

Wie, du tippst nicht? Sag doch wenigs­tens, was du tippen wür­dest, dann schreiben wir das rein.“ Mach ich aber nicht. Ein Vege­ta­rier sagt im Restau­rant doch auch nicht, nur fürs Pro­to­koll, wel­ches Tier er theo­re­tisch essen würde.

Das schränkt doch den Fuß­ball­ge­nuss

Auf eine Mann­schaft hoffen, ein Team stärker ein­schätzen als das andere, natür­lich. Aber sich auf einen Tipp fest­legen und ins­ge­heim über 90 Minuten zu hoffen, dass er in Erfül­lung geht, schränkt doch den Fuß­ball­ge­nuss ein.

Ohne Tipp lässt sich ein 3:0‑Sieg gegen die Slo­wakei befreit genießen und es gibt keinen Grund, seuf­zend auf die Tipp­ta­belle zu starren und sich zu ärgern, dass die Gegner nicht doch noch kurz vor Schluss zwei Buden gemacht haben.

Lei­den­schaft­liche und hin­ge­bungs­volle Tipper sind keine schlechten Men­schen. Aber sobald ihr ima­gi­näres Spiel die wirk­liche Dra­matik auf dem Feld zu über­la­gern droht und ein wun­der­schönes Tor nicht fallen darf, weil man sonst in der Tipp­runde hinter dem Prak­ti­kanten landet, hört der Spaß auf. Des­halb tippe ich nicht, und das ist auch gut so. Trin­keld gebe ich übri­gens trotzdem.