Herr Wuttke, wo erwi­sche ich Sie gerade?

Sie erwi­schen mich zu Büro­zeiten in Ils­hofen.

Was machen Sie dort?

Ich erle­dige in meiner Funk­tion als Sport­di­rektor des TSV Crails­heim die täg­lich anfal­lende Arbeit und notiere mir einige Gedanken zu Kader und Auf­stel­lung für das Spiel am Wochen­ende. Später werde ich dann noch beim Trai­ning der Mann­schaft vor­bei­schauen.

Wie sind Sie zu dem Job gekommen?

Ich habe im letzten Jahr für eine Aus­wahl deut­scher Gour­met­köche bei einem Tur­nier mit­ge­spielt. Der Kon­takt kam über den Direktor des Flair Park-Hotel in Ils­hofen, Ronny Mech­nich, zustande. Herr Mech­nich ist Sponsor des TSV Crails­heim. Damals stand es zur Debatte einen Sport­di­rektor zu enga­gieren. Ich wurde gefragt, ob ich mir das vor­stellen könnte, und ich habe die Her­aus­for­de­rung spontan ange­nommen.

Was sind Ihre Auf­gaben in Crails­heim?

Meine Auf­gaben umfassen den sport­lich-orga­ni­sa­to­ri­schen Bereich für die Senio­ren­mann­schaft.

Ein haupt­amt­li­cher Job?

Ja. Ich habe früher viele Jahre lang Kin­der­fuß­ball­schulen mit betreut, aber dafür bleibt mir jetzt keine Zeit mehr. Ich bin täg­lich beim Trai­ning, Samstag ist Spieltag, und Sonn­tags stehen oft noch wei­tere Ter­mine an. Da bin ich die kom­plette Woche beschäf­tigt.

Hört sich pro­fes­sio­nell an. Was ist das Ziel des Klubs?

Wir wollen in die Regio­nal­liga.

Sind die Struk­turen für die Regio­nal­liga vor­handen?

Die Vorraus­set­zungen sind gegeben. Unsere Damen­mann­schaft spielt in der ersten Bun­des­liga und die Bas­ket­baller in der zweiten Liga. Der Verein ist so struk­tu­riert, dass das kein Pro­blem dar­stellen würde.

Küm­mern Sie sich auch um die Ver­pflich­tung neuer Spieler?

Wir sind schon dabei. Die Pla­nungen für die kom­mende Saison laufen auf Hoch­touren. Ich werde zukünftig auch als Trainer fun­gieren, weil unser jet­ziger Trainer Peter Kos­turkov die zweite Mann­schaft des VfR Ahlen über­nimmt. Hier sind also einige Dinge im Wechsel.

Haben Sie dann eine Dop­pel­funk­tion, wie Felix Magath in Wolfs­burg bei­spiels­weise, als Trainer und Sport­di­rektor?

Ja genau, ich werde beide Funk­tionen aus­üben. Also neben meiner Tätig­keit als Sport­di­rektor auch die Mann­schaft trai­nieren und bei den Spielen betreuen.

Dann leben Sie jetzt auch in Crails­heim?

Ich bin seit vier Monaten im ange­spro­chenen Flair Park-Hotel in Ils­hofen unter­ge­bracht, zehn Kilo­meter von Crails­heim ent­fernt. Mein Haupt­wohn­sitz befindet sich aber nach wie vor im Ruhr­ge­biet. Ich pendle hin und her, obwohl ich wirk­lich selten die Zeit finde, nach Hause zu fahren. In den letzten vier Monaten habe ich es nur zwei Mal geschafft.

Als Trainer haben Sie sich schon einmal ver­sucht. Was ist beim dama­ligen Lan­des­li­gisten TuS Hal­tern schief gegangen?

Wenn man immer Profi war, dann misst man viele Dinge an den frü­heren Mög­lich­keiten. Die Rah­men­be­din­gungen waren in Hal­tern nicht gegeben. Wenn beim Abschluss­trai­ning nur fünf Leute auf dem Platz stehen, stellt sich die Frage, was ich eigent­lich da soll. Bei fünf Leuten kann man noch nicht mal ein Kreis mit vier gegen zwei spielen. Es sei denn, ich hätte mit­ge­spielt (lacht). Das ganze Umfeld war nicht in Ord­nung. Viele Leute, die rein­quat­schen wollten, aber das ist im Ama­teur­be­reich leider teil­weise so. In Crails­heim finde ich ganz andere Mög­lich­keiten vor.

Sind Sie eher für den Job als Sport­di­rektor denn als Trainer geeignet?

Beim TSV Crails­heim würde ich mich für beides als geeignet ansehen. Ich kenne die Mann­schaft jetzt aus dem Effeff. Wir haben eine sehr gute Qua­lität und müssten eigent­lich weiter vorne stehen. In der Hin­runde sind ein paar unschöne Dinge vor­ge­fallen mit Zuschau­er­aus­schrei­tungen und Punkt­abzug. Da war ich leider noch nicht hier, sonst wären wir jetzt mit der Qua­lität längst dort oben, wo wir auch hin­ge­hören.

Können Sie sich eine ähn­liche Tätig­keit auch im pro­fes­sio­nellen Fuß­ball, sprich in der ersten, zweiten oder neuen dritten Liga, vor­stellen?

Auf jeden Fall. Und wenn dem­entspre­chend Ange­bote da wären, wäre es eine Über­le­gung wert. Mein Ziel ist es sicher­lich irgend­wann ein, zwei Etagen höher zu rücken.

Und dann eher als Sport­di­rektor oder als Trainer?

Ich würde mich dann eher als Sport­di­rektor sehen.

Günter Netzer bezeich­nete Sie einst als eines der größten Talente im deut­schen Fuß­ball“. Glauben Sie selber, dass Optimum aus sich her­aus­ge­holt und erreicht zu haben?

Es gibt keine Frage, die mir öfter gestellt wurde. Hätte, wenn und aber. Einiges hätte ich anders gemacht als früher, vieles aber auch nicht. Heute habe ich mit Sicher­heit mehr Diplo­matie. Aber es ist doch müßig, im Nach­hinein dar­über zu reden, ob ich jetzt vier Län­der­spiele gemacht habe oder wie andere 59. Ich habe vier gute gemacht und ein Län­der­spieltor. Manche haben 50 gemacht, davon 49 schlechte. Sprich Herr Netzer, denn den meine ich jetzt damit.

Im glei­chen Atemzug hat er Ihnen cha­rak­ter­liche Defi­zite“ unter­stellt, die Ihnen im Wege standen. Was sagen Sie dazu?

Wenn er dieser Mei­nung ist, dann lasse ich das ein­fach mal so stehen. Aber wenn ich dessen Sen­dung sehe, zusammen mit dem Herrn Del­ling, das läuft ja teil­weise wie eine Comedy-Show ab. Da sollte man sich schon mal hin­ter­fragen, ob Fach­kennt­nisse im Fuß­ball im Vor­der­grund stehen sollen oder die eigene Per­sön­lich­keit als Selbst­dar­steller.

Wieso blieb es bei nur vier Län­der­spielen? Lag es wirk­lich an der feh­lenden Diplo­matie?

Teil­weise. 1990 bei der Welt­meis­ter­schaft war ich auf­grund einer Ver­let­zung nicht dabei, danach bin für drei Jahre zu Espanyol Bar­ce­lona ins Aus­land gewech­selt, und dann habe ich noch das Jahr in Saar­brü­cken gemacht. Aber das Kapitel Natio­nal­mann­schaft war 1990 für mich im Prinzip beendet.

Können Sie mit den Worten schlam­piges Genie“ etwas anfangen?

Das hat doch der Happel erfunden (Anm.: Ernst Happel, Wuttkes Trainer beim Ham­burger SV). Diese Geschichten liegen jetzt so lange zurück, die möchte ich nicht mehr kom­men­tieren. Es gibt doch ständig solche Sprüche, ich kann den Blöd­sinn nicht mehr hören. Denken Sie an Andreas Möller, der mit über 80 Län­der­spielen als ewiges Talent“ bezeichnet wurde. Wer auch immer das gesagt hat. Aber das sind ja meis­tens diese Spe­zia­listen vom Fern­sehen, über die wir eben gespro­chen haben.

Gibt es heute noch Typen mit Ecken und Kanten in der Bun­des­liga?

Wenig. Seitdem mein Freund Mario (Anm.: Mario Basler) weg ist oder auch Stefan Effen­berg, fehlt es an diesen Typen, von denen Sie gerade spra­chen. Spontan fällt mir über­haupt keiner ein.

Was hat Ihnen die Zeit in Spa­nien bei Espanyol Bar­ce­lona gebracht?

Das beste Wetter (lacht). Aber Spaß bei­seite. Ich habe eine andere Sprache gelernt, derer ich auch heute noch mächtig bin. Zudem wurde ich mit einer anderen Men­ta­lität, einer anderen Lebensart kon­fron­tiert. Es waren drei gute und wert­volle Jahre. Bis auf den Abschied, als ich mit zwei wei­teren Spie­lern ein­fach abge­schoben wurde und in einer Nacht- und Nebel­ak­tion drei Russen ver­pflichtet worden sind.

Wo hatten Sie fuß­bal­le­risch Ihre beste Zeit?

Zwei­fels­ohne in Kai­sers­lau­tern. Ich war dort der belieb­teste Spieler und bin Natio­nal­spieler geworden. Und wenn man fünf Jahre für einen Verein gespielt hat, hat man dort auch gute Arbeit abge­lie­fert.

Sie mussten nach Ihrer Kar­riere einige Schick­sals­schläge erleiden (Krebs, Schei­dung, finan­zi­elle Pro­bleme). Haben Sie diese Erleb­nisse ver­än­dert?

Das kann man so sagen. Es prägt einen Men­schen, wenn man solch nega­tive Zeiten erleben muss. Aber ich denke, ich bin gestärkt aus dieser Zeit her­vor­ge­gangen.

Aber Ziga­rette und Bier­chen gehören auch heute noch dazu?

Hin und wieder. Zur pas­senden Zeit am pas­senden Ort. Aber nicht auf Wein­festen (lacht). (Anm.: Wuttke ent­schul­digte einst einen Aus­flug auf ein Wein­fest mit den Worten: Ich kann nicht auf einem Wein­fest gesehen worden sein, weil ich Bier­trinker bin.“)

Trinken Sie denn inzwi­schen auch Wein?

Natür­lich. Ich bin Rot­wein­lieb­haber.

Aber damals noch nicht?

Ach, das war in der Pfalz in der Nähe meines Wohn­ortes. Da findet einmal im Jahr das größte Wein­fest der Welt statt. Es ist doch völlig normal, dass man dort mal vorbei geht, und auch ein Gläs­chen Wein trinkt. Was in der Öffent­lich­keit dann daraus gemacht wird, ist natür­lich was anderes.

Spielen Sie ab und zu noch Fuß­ball?

Wenn es Fuß und Hüfte erlauben, dann schon.

Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Das ist schwierig zu beant­worten. Am liebsten natür­lich bei Real Madrid, aber das ist ja völlig hypo­the­tisch (lacht). Nein, ernst­haft, als Sport­di­rektor im geho­benen pro­fes­sio­nellen Fuß­ball.