Kai Ditt­mann, die Doku­men­ta­tion Der Pro­zess“ von Jochen Breyer und Jürn Kruse beleuchtet das soge­nannte Skan­dal­spiel in Sins­heim. Haben Sie den Film gesehen?
Ja, ich schätze Jochen Breyer als sehr guten und genauen Jour­na­listen und schaue seine Bei­träge sehr gerne.

In dem Bei­trag sind Sie zweimal für wenige Sekunden im Inter­view zu sehen. Waren Sie über­rascht, dass Jochen Breyer und sein Team genau diese Aus­schnitte aus­ge­wählt hatten?
(Lacht.) Nein. Er hat mich inter­viewt, ich habe geant­wortet. Die Aus­wahl obliegt dann dem Inter­view­ma­cher. Meine Kern­aus­sage in diesem Inter­view, das etwa eine halbe Stunde ging, war, dass ich Gewalt und Gewalt­an­dro­hung kom­plett ablehne. Und dass an diesem Nach­mittag das Plakat mit dem Gesicht von Dietmar Hopp im Faden­kreuz der Anlass dafür war, dass ich mich so emo­tional geäu­ßert habe. Das Faden­kreuz ist die Ziel­vor­rich­tung einer Schuss­waffe.*

Statt­dessen ent­steht in der Doku­men­ta­tion der Ein­druck, dass alle Betei­ligten an diesem Nach­mittag – auch Sie – schon im Vor­feld wussten, dass es zu Belei­di­gungen gegen Dietmar Hopp kommen würde.
Dass der Ein­druck ent­steht, dass ich vorab alles wusste, das muss ich nach den gezeigten Aus­sagen von mir so hin­nehmen. Aber dass ich gewusst hätte, was an diesem Nach­mittag pas­sieren würde, das war nicht so.

Son­dern?
Ich muss etwas aus­holen. Als Kom­men­tator hat man ja seine Ver­bin­dungen und Quellen in den Klubs, die man im Vor­feld des Spiel­tags kon­tak­tiert. Bei man­chen Ver­einen erhält man vorab detail­lier­tere Infor­ma­tionen als bei anderen. Im Gespräch zur Vor­be­rei­tung auf das Spiel in Hof­fen­heim hatten wir in erster Linie über sport­liche Dinge gespro­chen – das ist es, was mich als Kom­men­tator inter­es­siert. Nor­ma­ler­weise frage ich zum Abschluss, was ich aus dem Umfeld wissen muss. Meist han­delt es sich um Ehrungen vor dem Spiel, Trau­er­fälle, Schwei­ge­mi­nuten – auch darauf will ich vor­be­reitet sein. Diesmal ver­lief es aber anders.

Näm­lich?
Es folgte das Hohe­lied auf Dietmar Hopp. Da wurde ich stutzig und habe gefragt: Warum erzählen Sie mir das? Dass Herr Hopp ein guter Mensch ist, das weiß ich doch. Was soll das?” Es hieß dann, vor Ort herr­sche die Befürch­tung, dass an einem der nächsten Spiel­tage Aktionen durch Fans gegen Dietmar Hopp geplant seien. Ich habe dann nochmal explizit nach­ge­fragt, bekam aber keine Ant­wort. Da war mir klar: Am Samstag musst du wach sein.

Woran haben Sie dabei gedacht?
An Aus­schrei­tungen. An Men­schen­massen, die sich unkon­trol­liert bewegen, und was an diesem Nach­mittag pas­sieren könnte. So etwas. Wäh­rend des Spiels sah ich dann das Plakat, das Dietmar Hopp im Faden­kreuz zeigt, und dachte mir: Das könnte es sein, was der Verein im Vor­feld gemeint hat.

Sie sagen mitt­ler­weile selbst, dass die Vor­komm­nisse des Tages geframed“ waren. Dass die Reak­tionen abge­spro­chen waren, um die Pro­teste in einen neuen Kon­text zu setzen. Haben Sie sich im Nach­hinein geär­gert, dass Sie dieser Beein­flus­sung auf den Leim gegangen sind?
In den Tagen danach ent­stand für mich der Ein­druck, dass außer mir und dem Schieds­richter jeder Bescheid wusste. Ich habe mich trotzdem nicht geär­gert. Ich habe mich eher gefragt, ob ich dann anders kom­men­tiert hätte.

Und?

Das ist eine theo­re­ti­sche Frage, bei der man schnell geneigt ist, Hel­den­status erlangen zu wollen und zu sagen: Oh, ja klar, da wäre ich natür­lich super­kri­tisch gewesen.“ Aber ich weiß das nicht. Ich hoffe aller­dings, ich wäre es dann gewesen.

Sie haben live auf Sen­dung zum Bei­spiel gesagt: Ich habe selber Kinder, die bei Social Media unter­wegs sind. Und dieses Haten, das ist so das Guten Abend‘ von meiner Jugend. Das wird so gesagt. Ohne sich mal im Klaren zu sein, was das eben heißt. Wie kurz der Weg ist bis zu Gewalt­aus­brü­chen.“
Ich bin für freie Mei­nungs­äu­ße­rung, ich bin dafür, dass jeder Kritik äußern darf, das ist doch klar. Wir als Reporter müssen selbst genug ein­ste­cken. Zum Zeit­punkt, als ich diesen Satz gesagt habe, musste ich mich auf meine direkte Wahr­neh­mung ver­lassen. Nachdem, was ich inner­halb dieser fürch­ter­li­chen halben Stunde gesehen habe, muss ich klar sagen: Bei dieser Art von Hass ist bei mir eine Grenze über­schritten.

Sie wurden im Anschluss viel­fach kri­ti­siert, weil Sie sich in diesem Kon­flikt zwi­schen Fans und Funk­tio­nären scheinbar auf eine Seite schlugen.
In meinen Augen hat eine Gruppe dafür gesorgt, dass das Drei-Stufen-Modell fast bis zum Schluss durch­ge­zogen worden wäre. Dass das Spiel vor dem Abbruch stand. Dass mitt­ler­weile von man­chen meine Kritik an dieser Aktion anschei­nend als weitaus schlimmer bewertet wird als die Aktion selbst, damit muss ich leben.

Ein Punkt der Kri­tiker: Wäh­rend des Spiels haben Sie die Belei­di­gungen an Dietmar Hopp mit dem rechts­ra­di­kalen Anschlag in Hanau in Ver­bin­dung gebracht. Halten Sie das immer noch für richtig?
Ich habe gesagt: In Zeiten wie diesen mit Toten in Hanau.“ Ich habe aber nie­mals jemanden mit dem Täter oder den Opfern gleich­ge­stellt und auch nicht die Vor­fälle im Sta­dion mit dem Anschlag, son­dern nur gesagt: In Zeiten wie diesen, da müssen wir im höchsten Maße sen­sibel umgehen mit Themen wie Ras­sismus, Dis­kri­mi­nie­rung und Homo­phobie. Und ich meine, dass in den Wochen, in denen jemand mit einer Waffe durch Hanau läuft, erst recht nie­mand auf einem Faden­kreuz-Banner gezeigt werden darf. Pla­kate wie diese stellen für mich eine Rote Linie dar, die über­schritten worden ist.

Solche Pla­kate in den Zusam­men­hang mit dem Anschlag von Hanau zu bringen, emp­finden viele trotzdem als falsch.
Wie gesagt: Es waren die Tage von Hanau. Trotzdem akzep­tiere ich natür­lich, wenn Leute anderer Mei­nung sind. (Über­legt.) Aber mir fehlt es an Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein, wenn bei Ereig­nissen der Dimen­sion von Hanau nicht auch die zeit­liche Nähe berück­sich­tigt wird.

Wäh­rend des Spiels sind Sie auf­ge­standen und haben mit­ge­klatscht. Ein Zei­chen der Soli­da­rität mit Dietmar Hopp. Und unge­wöhn­lich für einen unab­hän­gigen Jour­na­listen. Würden Sie das wieder tun?
Die Situa­tion war so, dass auf den Rängen die Men­schen auf­standen und klatschten, wäh­rend unten auf dem Rasen dieses absurde Gekicke bis zum Abpfiff begann. Ich hatte den Ein­druck, dass viele Zuschauer nicht applau­dierten, weil sie Dietmar Hopp als den größten Gönner unter der Sonne hul­digten, son­dern weil sie klar­ma­chen wollten: Ja, wir akzep­tieren eine andere Mei­nung, wir haben auch Ver­ständnis für euren Pro­test, aber wir stellen uns dagegen, wenn eine Gruppe von Fans einen Spiel­ab­bruch pro­vo­zieren will. Ich glaube, ein Groß­teil der Zuschauer hat so gedacht. Und diesem State­ment habe ich mich ange­schlossen.

Sie sagten in dem Moment: Ich steh auf, klat­sche mit (…) Als Pro­test gemein­schaft­lich gegen Leute, die anschei­nend mit Ras­sismus (gemeint ist Anti­ras­sismus, d. Red.), mit Gleich­stel­lung, mit Demo­kratie, Aus­ge­wo­gen­heit, einem freien Leben nichts anfangen können, weil sie sagen: Wir zeigen es den Leuten, die wir hassen, weil Hass ist unser Antrieb.‘“ Sie werten diese Pro­teste als Akt des Hasses. Aber dabei ging es doch um etwas anderes. Um den jah­re­langen Kon­flikt zwi­schen Dietmar Hopp und den Fans, der Wochen zuvor in neu­er­li­chen Kol­lek­tiv­strafen gip­felte. Warum haben Sie das nicht ein­ge­ordnet?
Ich habe diesen Aspekt in meinem Kom­mentar ja nicht außer Acht gelassen, aber wollte in diesem Moment auch nicht den Ein­druck erwe­cken, dass es eine Recht­fer­ti­gung für das Ver­halten gäbe. Und aktuell sind wir doch dabei, eine gemein­same Ebene in dieser Dis­kus­sion zu finden. Aber ich frage mich, inwie­fern ich diesen Leuten ent­ge­gen­kommen muss, die klar­ma­chen: Ich hasse eine Person.“ Müssen sich nicht viel­mehr diese Leute damit aus­ein­an­der­setzen, was Hass bedeutet und zu dem Ergebnis kommen, dass sie ihre For­mu­lie­rungen über­denken und ändern müssen?

Ist das nicht Wort­klau­berei? Es ist doch klar, dass es nicht um Dietmar Hopp als Person geht.
Dass man damit eigent­lich etwas anderes kri­ti­sieren will, recht­fer­tigt nicht jede Aus­drucks­form des Pro­tests.

In der Doku­men­ta­tion bezeichnet der BVB-Fan Jan-Henrik Grus­zecki den Tag in Hof­fen­heim als ein absurdes Schau­spiel“. Waren Sie Teil dieses Schau­spiels?
(Über­legt.) Ja, klar. Aber wichtig ist: Ich hatte keine Hono­rar­rolle. Ich war an diesem Tag dabei und ich habe es so kom­men­tiert, wie ich es für richtig gehalten habe. Ich bin nicht instru­men­ta­li­siert worden. Ich habe das gesagt, was ich zu diesem Zeit­punkt sagen wollte. Ich habe übri­gens zu diesem Tag auch nie eine Rück­mel­dung von den Ver­einen erhalten.

Hat sich Ihre Ein­schät­zung zu diesem Spiel nach einem Jahr ver­än­dert?
Ich habe mir über­legt, wie ich mich beim nächsten Mal ver­halten muss, um das Risiko aus­zu­schließen, instru­men­ta­li­siert zu werden. Dazu gehört, sich noch inten­siver mit sol­chen Themen zu beschäf­tigen. Bei 30 Jahren Berufs­er­fah­rung kann ich aber auch sagen, dass es nichts nützt, sich vorab etwas zurecht­zu­legen. Sonst halte ich einen Spaten in der Hand, wenn die Wand gestri­chen wird. Als Reporter muss ich mich auf meine eigenen Werte und meine Erfah­rung ver­lassen.

Und wenn das nicht reicht?
In Sins­heim hatte ich mein Mikrofon für einen Augen­blick aus­ge­schaltet. Es war ja auch ein Schock­mo­ment für mich. Meine Auf­gabe ist es, das Geschehen zu repor­tieren und zu kom­men­tieren. Ich muss also eine Mei­nung zum Geschehen ent­wi­ckeln. Beim nächsten Mal würde ich das Mikro ver­mut­lich noch etwas länger stumm stellen, bis ich mir sicher bin, ob ich jede Ecke aus­ge­leuchtet habe, ob ich alle Details dieses Kon­flikts ver­standen habe.

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* Hin­weis: Die Redak­tion hat weder auf Fotos noch Videos ein Plakat mit einem Faden­kreuz gesehen und darauf im Nach­gang des Inter­views hin­ge­wiesen. Kai Ditt­mann ist sich aller­dings sicher, dass es ein sol­ches Plakat gab.