Seite 4: „Stepi machte mich mit 22 zum Kapitän. Das ging in die Hose“

Sie sind gelernter Ver­si­che­rungs­kauf­mann und Links­ver­tei­diger. Ein gewisses Sicher­heits­denken und Ratio­na­lismus ist in Ihrem Cha­rakter ange­legt, oder?
Jein. Ich habe allein des­halb den fal­schen Beruf erlernt, weil ich kein guter Ver­käufer bin. Aber das Thema Sicher­heit spielt in meinem Denken zwei­fels­frei eine Rolle. Aber meis­tens komme ich doch zu der Erkenntnis, dass ich nach vorne, angreifen will und dass das Leben zu kurz ist, um sich zu viele Fragen zu stellen. Bei­spiels­weise wenn ich einen Job wie diesen annehme. Im Leben gehört es nun mal dazu, ab und zu auch auf die Fresse zu fliegen.

Nach dem guten Sai­son­start ver­loren Sie im Sep­tember über­ra­schend mit 0:4 beim öster­rei­chi­schen Pro­vinz­klub Wolfs­berg AC in der Europa League. Fühlte sich die Nie­der­lage an, als hätten Sie mit dem Hammer auf den Kopf bekommen?
Klar war das hart, aber kein Hammer auf den Kopf. Solche Dinge pas­sieren im Fuß­ball. Dann kommt es nur drauf an, richtig damit umzu­gehen und schnell wieder in die Erfolgs­spur zu finden. Aller­dings hat mich das mediale Echo und For­mu­lie­rungen wie größte Schande“ schon ziem­lich über­rascht.

Will­kommen in der Bun­des­liga. Als Trainer in Salz­burg hatten Sie da mehr Ruhe.
So emp­finde ich das nicht. In Salz­burg ging es auch nur darum, dass wir Meister werden, den Pokal holen und inter­na­tional so weit kommen wie mög­lich. Wenn wir aus Mat­ters­burg mit einem Punkt zurück­kamen, war der Teufel los.

Aber Miss­erfolg haben Sie in den sieben Jahren als Trainer noch nicht erlebt?
Stimmt nicht, ich habe bei Lok Leipzig in der Regio­nal­liga ein Team aus Stu­denten, Ange­stellten, einem Bar­mann und einem Dis­co­be­sitzer trai­niert, alle­samt her­aus­ra­gende Jungs. Das war meine erste Sta­tion im Herren-Bereich und ich stand mehr­fach gefühlt davor, gegangen zu werden. Wenn wir ein Heim­spiel gegen den Tabel­len­führer 1. FC Mag­de­burg nicht gewonnen hätten, weiß ich nicht, ob ich heute hier sitzen würde. Im Fuß­ball ent­scheiden manchmal Klei­nig­keiten dar­über, wie es wei­ter­geht.

Sie werden meist mit der Mainzer Trai­ner­schule asso­zi­iert, dabei spielten Sie zu Beginn Ihrer Pro­fi­lauf­bahn fünf Jahre beim VfB Leipzig unter Trai­nern wie Damian Halata, Sigi Held und Dra­goslav Ste­pa­novic. Wer hat Sie in dieser Zeit geprägt?
Stepi“ inso­fern, dass er mich – gerade 22 Jahre alt – per Fin­ger­zeig zum Kapitän bestimmte. Ich weiß noch, dass links neben mir der 35-jäh­rige Burk­hard Reich saß, rechts der 36-jäh­rige Ronald Werner, und beide guckten mich nur mit großen Augen an. Das ging gehörig in die Hose – das mit Stepi“ und meinem Kapi­tänsamt. Und als Achim Stef­fens kam, übri­gens ein sehr wich­tiger Trainer für mich, und meinte, es sei wohl besser, wenn ich die Binde wieder abgebe, habe ich das schnell ein­ge­sehen.

Mit anderen Worten: Mainz hat Sie als Fuß­baller und Mensch schon am inten­sivsten geprägt.
Auch Ralf Rang­nick war als Trainer in Han­nover für mich sehr wichtig, aber, klar, die Mainzer Zeit steht über allem.

Woran liegt das?
Weil es für alle eine ganz beson­dere Zeit war. Kloppo“ hat uns bewusst gemacht, dass wir eine ganz spe­zi­elle Mann­schaft, ein außer­ge­wöhn­li­cher Verein sein wollen. Und das haben wir trotz aller Ups und Downs her­aus­ra­gend ver­in­ner­licht. Das Bewusst­sein, ein ver­schwo­rener Haufen zu sein, der von Jürgen Klopp zusam­men­ge­halten wird.

Das Gefühl, als flöge man in einem Raum­schiff allein durchs Uni­versum, und alle halten ganz fest zusammen?
Das Bild trifft es. Jeder ist für den anderen da, wir arbeiten gemeinsam an einem Ziel, bewegen uns in unserem ganz eigenen Ter­ri­to­rium und halten alles raus, was von außen auf uns ein­pras­selt.